Liszt, Wagner und Jean Paul

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Deutschland : Wagnerlos glücklich
Maike Grunwald
Eduard Steingraeber. Sein Traditionsunternehmen baut seit 1852 Festspiel-Flügel.
Eduard Steingraeber. Sein Traditionsunternehmen baut seit 1852 Festspiel-Flügel.Foto. Maike Grunwald

Vom Alten Schloss, dessen achteckiger Glockenturm einen fantastischen Blick über die Stadt ermöglicht, ist es nur ein kurzer Spaziergang zum Neuen Schloss, das wie so viele Gebäude von Friedrich und Wilhelmine gestaltet wurde. Der Hofgarten mit Orangerie, Wasserläufen, Brunnen und üppigen Beeten ist paradiesisch. Viele, die eigentlich nur Wagners Grab und die Villa Wahnfried sehen wollten, verweilen länger im Schatten der uralten Bäume.

Es ist schwierig vorzustellen, wie die Blütenfülle noch gesteigert werden soll, wenn 2016 die Bayerische Landesgartenschau in Bayreuth stattfindet. Herrlich ist die Eremitage, die von der Markgräfin Wilhelmine mit viel Liebe und Aufwand erweitert wurde: der Rokoko-Park mit durchkomponierten Wasserspielen, Grotten und künstlichen Ruinen, der Sonnentempel, das Alte Schloss mit Marmorsaal, chinesischem Spiegelkabinett, japanischem Lackzimmer und weiteren Prunkräumen. Das Schloss Fantaisie in Eckersdorf bei Bayreuth wurde bis 1765 von ihrer Tochter erbaut, Prinzessin Friederike Sophie. Innen befindet sich heute ein sehenswertes Gartenkunst-Museum, das einzige in Deutschland, außen ein verträumter Park.

„Bayreuth ist nicht nur schön, es hat auch ein reiches Kulturangebot. Gleichzeitig ist es überschaubar. Alles ist bequem zu Fuß erreichbar“, sagt Martin Blum. Der 22-jährige Theaterfan aus Sachsen kam vor sieben Semestern in die fränkische Universitätsstadt, um Germanistik zu studieren und blieb. Da er Franz Liszt verblüffend ähnlich sieht, verkörpert er den berühmten Komponisten bei Kultur-Kutschfahrten durch die Stadt. Zum 200. Geburtstag widmete Bayreuth dem Freund, Förderer und späterem Schwiegervater Richard Wagners ein ganzes Jahr mit Konzerten, Lesungen und weiteren Veranstaltungen. Sehenswert ist das Museum in seinem Sterbehaus mit Originalbriefen, Gebrauchsgegenständen und sogar Schuhen des Ausnahmekünstlers. Es ist eines von 30 Museen, die die kleine Stadt zu bieten hat. „Liszt war eine interessante Persönlichkeit, sehr schwankend und schwer zu fassen, fast ein Schauspieler“, sagt Martin Blum, der Liszt nicht nur als Künstler bewundert. „Er war bescheiden, hatte jedoch auch ehrgeizige Ziele. Und er war ein Menschenfreund.“

2013 steht dann ganz im Zeichen Richard Wagners. Aus Anlass seines 200. Geburtstages wird der kontroverse Komponist auch außerhalb der Festspielzeit im Rampenlicht stehen. Dabei gibt es noch einen weiteren Jubilar, der auch gefeiert wird, quasi in der zweiten Reihe: der fränkische Dichter Jean Paul, der von 1804 bis zu seinem Tod 1825 in Bayreuth lebte. Schon jetzt sind überall Informationstafeln aufgestellt, auch auf dem Jean- Paul-Platz in der Altstadt, wo der kauzige Schriftsteller in der Friedrichstraße 5 zu Hause war.

In derselben Straße liegt die altehrwürdige Pianofortefabrik Steingraeber & Söhne. Die 1852 in Bayreuth gegründete Traditionsfirma baut seit 1875 Konzertflügel für die Wagner-Festspiele, also von Anfang an. Eduard Steingraeber reparierte Liszts Flügel, wenn der wilde Pianist sie in Stücke spielte. Bis heute werden alle Flügel der Traditionsfirma mit der Hand gefertigt – sie ist eine der vier letzten weltweit, die noch kunsthandwerklichen Klavierbau betreiben. Bei einer Führung durch die Klaviermanufaktur kann man mit eigenen Augen sehen, wie so ein Festspiel-Flügel entsteht. Eine faszinierende Zeitreise, für die allein sich schon ein Besuch in Bayreuth lohnt.

Das reiche kulturelle Angebot auf kleinstem Raum ist ein weiterer Grund, das Städtchen zu besuchen. Bis zu 60 Kulturveranstaltungen organisiert allein Schmidt-Steingraeber im Jahr – Mozart, Schubert und natürlich auch Wagner. Viele finden in dem prächtigem Rokokosaal der Firma statt, in dem auch der berühmte Liszt-Flügel von 1873 steht. „Der heißt so, weil Liszt hier im Saal seine Salons abgehalten hat, nachdem Richard Wagner ihn aus dem Haus Wahnfried geworfen hat“, erklärt der Klavier-Enthusiast und haut kräftig in die Tasten.

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