Deutschlands südlichster Punkt : Entscheidung in Einödsbach

Über steile Pfade kommt man zu Deutschlands südlichstem Punkt: unserem „Südkap“. Die Bayern haben es nicht einmal markiert.

Roland Künzel
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Faszination der Berge. Man muss kein Abenteurer sein, um hier sein Glück auf Zeit zu finden.Foto: Matthias Pinn

Die Landspitzen der Welt haben seit jeher eine magische Anziehungskraft. Man denke nur an das Nordkap, an das Kap der Guten Hoffnung oder ans heimische Kap Arkona. Und doch gibt es eine wichtige Landspitze in Europa, der kaum jemand einen Besuch abstattet: die Südspitze Deutschlands.

Wer nun behauptet, diese könne nie so prominent sein wie etwa Südamerikas Kap Hoorn, der schaue erst einmal in seinen Atlas. Beide Landspitzen ähneln verblüffend dem Schnabel eines Raubvogels. Und während am Kap Hoorn Atlantik und Pazifik zusammentreffen, sind es am „Südkap“ Deutschlands immerhin Vorarlberg und Tirol. Vielleicht nicht ganz so spannend wie zwei stürmische Ozeane, aber immer noch Grund genug, sich auf eine ungewöhnliche Reise zu begeben: zur Südspitze Deutschlands.

Erstes Etappenziel ist der Bahnhof von Oberstdorf. Ganze drei Mann stark ist die Trinkerszene auf dem Vorplatz, der von geraniengeschmückten Häusern gesäumt wird. In dieser beschaulichen Atmosphäre kann sich noch keine rechte Abenteurerstimmung entwickeln, die doch vom Gegenteil lebt: der Sehnsucht nach dem Ungewissen ...

Auf nach Einödsbach, dem südlichsten Gasthof Deutschlands. Der Bus endet in Birgsau. Dann zu Fuß entlang einem tosenden Gebirgsbach, bis das Ziel erreicht ist. Wir sind enttäuscht. Zwar schmeckt das Allgäuer Pils vortrefflich, aber uns stört, dass es hier weder einsam noch wirklich südlich ist. Das richtige Südspitzen-Gefühl will sich jedenfalls nicht einstellen. Interessiert lauschen wir den Wanderern an den Nachbartischen. Sie wollen auch weiter nach Süden. Nur: Wo genau ist der Zipfel zu suchen? Die Karten lassen zwei Möglichkeiten zu: Biberkopf oder Haldenwanger Eck.

Abends verschwindet der Esstisch unserer Ferienwohnung unter einer großen Wanderkarte. Lagebesprechung. Es geht um die günstigste Stoßrichtung zur Südspitze. Wir entscheiden uns für den Weg über die Kanzelwand. Von dort gelangt man auf dem Krumbacher Höhenweg zur Mindelheimer Hütte. Danach werden wir auf uns selbst gestellt sein. Und bei diesem Gedanken stellt sich tatsächlich eine Art Kap-Hoorn-Feeling ein; das Gefühl, sich einem extremen Punkt zu nähern, von dem man nur vage Vorstellungen hat.

Der neue Tag beschert einen wolkenlosen Himmel, dessen Dunkelblau sich in unzähligen Enzianblüten wiederfindet. Hinter der Kanzelwand beginnt das Gleißen der Schneefelder, die Einsamkeit der Geröllhalden und die allgegenwärtige Tonkulisse des zu Tal stürzenden Wassers. Ein steiler Pfad führt hoch zur Roßgundscharte, wo neue Perspektiven auf uns warten. Manchmal vergessen wir durch die Faszination des Augenblicks, warum wir uns auf die anstrengende Wanderung gemacht haben. Doch dann denken wir wieder an den südlichsten Punkt, der wie ein unsichtbarer Stern über dem Weg steht und den Schritt, wenn wir müde werden, auf geheimnisvolle Weise beschleunigt.

In der Mindelheimer Hütte sammeln wir bei Erbseneintopf und Wurst nicht nur Kräfte, sondern auch Informationen. Die Wirtin beseitigt letzte Zweifel: „Das Haldenwanger Eck ist der südlichste Punkt“, sagt sie. Ihr Blick sagt noch mehr: Schon wieder zwei spinnerte Preußen, die sich für so einen Schmarrn interessieren. Wir bedanken uns artig und starten zur entscheidenden Etappe.

Der Pfad führt durch ein großes Schneefeld zum Vermessungspunkt 156, der auch in der Karte verzeichnet ist. Von hier aus ist es nur noch ein Kilometer Luftlinie bis zur Südspitze. Doch was bedeutet im Gebirge schon Luftlinie? Die Spannung steigt. Der Pfad, den wir suchen, verliert sich im Auf und Ab von Felsen, Tümpeln, Gestrüpp und Schneegruben. Wir nehmen den Kompass zu Hilfe. Es scheint, als wolle sich die Südspitze vor dem Zugriff ihrer Eroberer verstecken.

Fünf Uhr nachmittags. Vor uns liegt ein langer Abstieg zur Bushaltestelle am Kleinwalsertal. „In zehn Minuten sind wir da!“, rufe ich meinem Sohn zu, der schon ein Stück vorangelaufen ist. „Ich sehe eine Straße!“, ruft er zurück. Wie zur Bestätigung ist Motorengeräusch zu hören.

Die Wanderkarte hat sich fotografisch genau ins Gehirn eingegraben. Dort, wo die Straße ist, ist Österreich, jenseits der Südspitze. Das Herz klopft. Noch wenige Schritte, dann stehen wir nebeneinander, schauen ins Tal und sehen im Fernglas ein holländisches Wohnmobil, das Richtung Hochtannbergpass unterwegs ist. Zur Rechten kommt der Stein ins Blickfeld, der Bayern von Tirol und Vorarlberg abgrenzt und zugleich miteinander verbindet. Der südlichste Punkt Deutschlands: weißer Fels und alpines Grün. Unser Südkap. Vierhundert Meter fällt es – nein, nicht ins Meer, sondern ins Tal hinab.

Sekt her! Na gut, begnügen wir uns mit Wasser. Weiß der Tourist im Tal eigentlich, welch wichtigen Teil der Weltkarte er gerade passiert? Müsste man den südlichsten Punkt nicht markieren? „Christo“, sagt der Filius. Ein faszinierender Gedanke. Deutschlands Südkap, eingehüllt in silberfarbene Folie wie einst der Reichstag.

Es gibt noch andere Möglichkeiten. „Mount Rushmore“, zum Beispiel. Der Herr Sohn war unlängst in Amerika. Wie hießen sie noch? Washington, Lincoln, Roosevelt – und noch einer. Vier Köpfe, in den Berg gemeißelt. Genial. Vier riesige Köpfe markieren den südlichsten Punkt Deutschlands und schauen weit ins Habsburger Land hinein. Bloß: Wessen Kopf soll diese Ehre zuteilwerden? Bayern müssen es schon sein. Hier bieten sich ja diverse gestandene Mannsbilder an. Der Stoiber Edmund? Oder doch besser sein Nachfolger? Beckenbauer Franz auf jeden Fall. Den Strauß Franz Josef wird man nicht außer Acht lassen können. Und als Vierter kommt der Moshammer Rudi hinzu, auch wenn seine Frisur dem Steinmetz Probleme machen dürfte.

Weg mit den Flausen im Kopf, Arbeit wartet: ein steiler Abstieg durch das Gemsteltal. Jeder Schritt führt uns weg vom südlichsten Punkt. Aber unsere Gedanken bleiben dort. Was würden die Österreicher zu den vier bajuwarischen Steinköpfen sagen? Vielleicht: Das können wir auch. Gleich am Berghang gegenüber. Mit Mozart natürlich. Kaiser Franz Joseph. Und etwas Lieblichem – Sisi zum Beispiel. Und dann, wegen der Quote, vielleicht noch die Jelinek?

Wir erreichen den letzten Bus. Glücklich sinken wir in die Polster. Wir haben den südlichsten Punkt erreicht. Ein Traum ist wahr geworden. Doch das Schönste ist: Wir sind nicht nur mit Visionen auf diese Reise gegangen. Wir kommen auch mit Visionen zurück.

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