Reise : Die Bananenburg

Die alte, trutzige Frachtverladestation auf Gomera verfiel. Ein Deutscher hat das Castillo del Mar wieder aufgebaut

Walter Schmidt

Vom Meer aus könnte man das Castillo del Mar tatsächlich für eine Burgruine halten, zwischen deren beiden Teilen immer wieder Brecher in eine winzige Bucht schlagen. Doch lauerten hier weder Raubritter noch Piraten auf fette Beute im Laderaum vorbeiziehender Schiffe. Hier klingelte selber die Kasse – und zwar immer dann, wenn ein paar Kisten Bananen sowie anderes Handelsgut den Besitzer wechselten. Die alte Hafenanlage hat vor 26 Jahren ein Deutscher gekauft und ein Kulturzentrum eingerichtet. Nun droht ihm das Geld auszugehen.

Fertiggestellt wurde die wehrhaft aussehende Frachtstation ursprünglich 1890, gemauert aus grauen Basaltbrocken, dem selben vulkanischen Gestein, aus dem auch die dahinter aufragenden Klippen bestehen. Später, im Jahre 1925, wurde auf einer westlich in Steinwurfweite gelegenen Felsnase eine größere Verladestation aus Naturstein hinzugebaut.

In den Gebäuden schnitten Arbeiter die Bananenstauden mit sichelartigen Messern in handliche Stücke. Dann wuschen, wogen und vermaßen sie die Früchte und verpackten sie, nach Größe und Güte sortiert, in Pappkisten. Über den „Pescante“, einen langen, auf drei Basaltsäulen ruhenden Ausleger, konnten Dampfschiffe von oben mit Fracht beladen oder aber entladen werden. 1910 zum Beispiel gelangte über die an eine Hängebrücke erinnernde Konstruktion das erste Auto auf die Insel.

Was den Bauwerken am Ende den Garaus machte und sie über Jahrzehnte hinweg zerfallen ließ, waren neue Straßen, die La Gomera in den Jahren danach zunehmend erschlossen. Die isoliert an der Küste liegenden Orte waren plötzlich miteinander verbunden und die überall mehr oder weniger schroff von null auf bis zu 1400 Meter ansteigenden Bergrücken keine lästigen Hindernisse mehr. Exportgüter mussten nun nicht mehr auf teils abenteuerlichen Pfaden zum Castillo geschafft, sondern konnten bequem nach San Sebastian gefahren werden. Rasch wurde die Hauptstadt im Osten Gomeras zum wichtigsten Umschlagplatz für Waren – auch dank ihres erweiterten Hafens, dessen neue lange Mole Schiffen selbst bei stürmischer See Zuflucht bot.

Auch von Vallehermoso musste einer neu gebauten Straße wegen kein Schiff mehr Bananen zum neuen Haupthafen der Insel schippern. Das endgültige Aus für die alte Bananen-Verladestation kam 1950. Fünf Jahre später riss eine über zehn Meter hohe Monsterwelle eine der ins Meer ragenden Verladebrücken herunter. Die Gebäude verfielen – bis ein deutscher Fotograf, der seit rund 30 Jahren auf La Gomera lebt, sie ins Herz schloss.

Der auf Landschaftsfotos und Porträts spezialisierte Thomas K. Müller wollte nicht hinnehmen, dass derart geschichtsträchtige Bauwerke in Trümmern lagen und weiter verkommen sollten. Als er die Ruine des Castillo kurz nach seinem Umzug auf die Kanaren-Insel erstmals sah, habe sie ihn „sofort in ihren Bann geschlagen“, berichtet Müller.

1981 kaufte der Einwanderer die desolate Hafenanlage von ihrem damaligen Eigentümer Don Eugenio Garcia Perez – für 500 000 Peseten, seinerzeit etwa 6000 Mark. Perez, Sohn des Erbauers der ersten Verladestation, hatte einfach einen Fantasiebetrag genannt und nicht damit gerechnet, dass Müller in den Handel einschlagen würde. Doch Müller war entschlossen.

Der Wiederaufbau glückte indes nicht gleich, sondern erst ab 2001, mithin zwanzig Jahre später. Erst musste schließlich die von Steinschlag verschüttete Küstenstraße zwischen dem Strandbad von Vallehermoso und dem Castillo wieder befahrbar gemacht werden. Die Inselverwaltung finanzierte den Straßenbau erst, nachdem der einst so wichtige Norden Gomeras offiziell wirtschaftlich wiederbelebt werden sollte.

Leider kamen durch die erneuerte Straße auch moderne Vandalen besser an das Castillo heran. Sie zerstörten erhalten gebliebene Natursteinmauern, warfen einen Teil der Steine ins Meer und verbrannten die Holzdecken der Gebäude. „Die haben mit dem Holz ihre Makrelen gegrillt", sagt Müller. Die Zeit drängte nun ganz arg, denn „ein Jahr später wäre alles ganz kaputt gewesen“.

Ab 2001 konnten Steinmetze endlich neue Mauern setzen. Stein für Stein, herbeigekarrt auf 380 Lastwagen aus San Sebastian, errichteten sie den Haupteingang mit der dazugehörigen Treppe. Auch die Natursteinmauern – früher Schutzwälle gegen das tosende Meer – durften wiederauferstehen. Zwar wurden etliche Zugeständnisse an die Erfordernisse des heutigen Gastronomiebetriebs gemacht, doch insgesamt wirkt das Castillo halbwegs authentisch – und schön auf jeden Fall.

Die besser erhaltene Verladestation von 1925 liegt noch original und nur mäßig verfallen über den anbrandenden Wellen, nur mühsam erreichbar über einen schmalen Klippenpfad. Mit einem simplen Betonboden ausgestattet, soll sie eine Art Aussichtsturm für Besucher werden. Wird im benachbarten Castillo abends musiziert oder präsentieren Künstler oder Kunsthandwerker dort ihre Erzeugnisse, setzen Schwarzlichtlampen die Ruine von innen stimmungsvoll in Szene.

An weiteren Plänen fehlt es dem deutschen Burgherrn und seiner Lebensgefährtin nicht. Anstelle der ehemaligen Verladebrücke des Castillo soll ein Ausleger errichtet werden, für den die Pläne schon fertig sind. Er wird anders aussehen als das Original. „Wir wollen darüber ja keine Bananen mehr verladen“, sagt Müller. Vielmehr sollen Touristen über die geplante Konstruktion Ausflugsschiffe erreichen, um viel komfortabler als bisher zu einer geologischen Attraktion La Gomeras zu schippern: den „Los Organos“. Das ist eine etwa zweihundert Meter breite und achtzig Meter aufragende Wand aus Basaltsäulen, Überbleibsel eines ehemaligen Vulkanschlotes, in dem vor etwa zwölf Millionen Jahren aufsteigende Basalt-Magma sich abgekühlt hat, dabei geschrumpft und schließlich in Gestalt sechseckiger Säulen erstarrt ist. „Vom Castillo aus dauert die Fahrt nur sechs Minuten“, sagt Müller. Bisher müssten die Touristen vom Valle Gran Rey aus etwa zwei Stunden auf dem schaukelnden Schiff verbringen – was viele seekrank ankommen lasse.

Für seine weiteren Ausbaupläne ist Müller auf Fremdgelder aus öffentlichen Kassen oder von Sponsoren angewiesen. Denn die Kosten für die weiteren Arbeiten kann er nicht mehr selber tragen Das Projekt habe ihn „an den Rand des finanziellen Ruins“ gebracht, räumt er ein. Rund 3,5 Millionen Euro aus dem Erlös seiner Bilder auf Postkarten und in Bildbänden hat „El Fotógrafo“ – so auch der Name seines Fotoladens in La Playa – bisher aus der eigenen Tasche in seinen Traum investiert. „Jetzt bin ich doch ziemlich verschuldet“, sagt er.

Den Sommer 2007 über war er auf Werbetour durch Deutschland und Europa, um Unterstützer für sein Vorhaben zu finden. Gelingt ihm das nicht bis Mai 2008, drohe die Schließung des Kulturtreffs und Café-Restaurants – und so würden auch fünfzehn „sehr engagierte“ Mitarbeiter ihre Jobs verlieren. Dabei schätzen Einheimische wie Urlauber die Musik- und Theaterdarbietungen sowie den spektakulären Ausblick auf das Meer und den Teide, Spaniens höchsten Berg auf der Nachbarinsel Teneriffa.

Doch warum hat Müller so viel riskiert? „Ich bin Steinbock“, erwidert der 54-Jährige. „Und ich bin überzeugt von meiner Idee.“ Von der eher mittellosen Gemeinde Vallehermoso bekommt das Castillo immerhin kostenlos das Wasser; sie entsorgt auch den Müll kostenlos. Die Inselverwaltung spendiert dem Castillo auch den Strom. Auch ideelle Unterstützung erfährt Müller von den Behörden. Finanziell jedoch müsse er es allein schaffen.

Das „Castillo del Mar“ liegt am Strand (Parque Marítimo) des Ortes Vallehermoso im Norden Gomeras. Besucher zahlen im Souvenirladen am Eingang des Komplexes zwei Euro – auch dann, wenn sie nur zum Essen kommen. Das Geld fließt in den weiteren Wiederaufbau des Bauwerks. Geöffnet ist die „Burg am Meer“ täglich von elf Uhr vormittags bis Sonnenuntergang. Weitere Informationen im Internet unter www@castillo-del-mar.com oder telefonisch: 00 34 / 922 / 80 04 97

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