Reise : Die Gesetze des Dschungels

Erst klingt es wie ein Verkehrsunfall. Als hätten sich irgendwo am anderen Ende der Stadt zwei Lkw ineinander verkeilt, hinter denen die Autos jetzt noch wütender hupen, als sie es in Guatemala City schon an normalen Tagen tun. Dann aber wird das Hupen immer lauter, und es kommt jetzt nicht nur von Norden, sondern aus sämtlichen Himmelsrichtungen, als ziehe ein brüllender Tornado über der Stadt auf. Nur langsam begreift man: Das ist kein Unfall. Das ist eine Party.

Guatemala City im Oktober. Soeben hat sich der 19-jährige Sänger Carlos Peña im Finale des TV-Talentwettbewerbs „Latin American Idol“ gegen den Mexikaner Ricardo Caballero durchgesetzt, nachdem er zuvor sämtliche anderen Kandidaten aus Süd- und Mittelamerika aus dem Rennen geworfen hatte. Binnen Minuten steht die gesamte Hauptstadt kopf. Auf allen Straßen singen und tanzen Menschen, vereint in dem Wissen, dass Guatemala heute Nacht die Nummer eins ist.

Guatemala ist nicht oft die Nummer eins. Wenn das 13-Millionen-Einwohner-Land es überhaupt einmal in die internationalen Schlagzeilen schafft, dann vor allem durch Negativnachrichten. Bis 1996 war es der lange, blutige Bürgerkrieg, dessen Nachwehen in Guatemala noch heute spürbar sind. Zuletzt war es eine massenhafte Serie unaufgeklärter Morde an jungen Frauen aus den ärmsten Gesellschaftsschichten. Und derzeit ist es vor allem der undurchsichtige Präsidentschaftswahlkampf, in dessen Verlauf bislang 40 politisch motivierte Morde registriert wurden – und der die Menschen in Guatemala trotzdem weniger zu berühren scheint als Carlos Peñas Wahl zum lateinamerikanischen Superstar.

Auch wirtschaftlich gehört das Land zu den Schlusslichtern des Kontinents, ist kein junger Hoffnungsträger wie Brasilien, kein Ölgewinnler wie Venezuela. „Wir haben vielleicht nicht die Bodenschätze, die die anderen haben“, sagt Luis Fernando Andrade, Guatemalas Vizeaußenminister. „Aber auch wir haben Rohstoffe: unsere Natur und unser kulturelles Erbe.“

Deshalb setzt das Land heute mit Nachdruck auf den Tourismus, und das mit respektablem Erfolg: Seit 2003 hat sich die Zahl der Besucher aus dem Ausland fast verdoppelt, im vergangenen Jahr lag sie bei gut anderthalb Millionen. Zumindest ein Grund für dieses Wachstum dürfte sein, dass die Landesbehörden seit einigen Jahren verstärkt auf Ängste potenzieller Besucher eingehen. Denn obwohl im Land bisher keine gezielte Gewalt gegen Touristen bekannt wurde, machen im Ausland immer wieder Horrormeldungen über die hohe Kriminalitätsrate in Guatemala die Runde – etwa in den Länderinformationen auf den Internetseiten des Auswärtigen Amts. Um Besuchern die Angst zu nehmen, hat die guatemaltekische Polizei inzwischen eine Spezialstaffel zum Schutz von Touristen abgestellt. Wer will, wird bei Pauschalreisen auf Schritt und Tritt von Uniformierten begleitet – auf deren schwarzen Jeeps der Schriftzug prangt: „Ich bin stolz, Polizist zu sein und den Tourismus zu schützen.“

Ein im Wortsinn wegweisendes Projekt – denn immer, wenn man in Guatemala besonders viele stolzgeschwellte Uniformbrüste sieht, kann man sicher sein, dass eine Sehenswürdigkeit in der Nähe ist. Besonders im Nordosten des Landes verdichten sich die Polizei-Jeeps förmlich zur schwarzen Ameisenstraße, die sich auf der einzigen asphaltierten Trasse der dünn besiedelten Petén-Region ihren Weg zum Nationalpark Tikal bahnt. Mit seinen Tausenden von Maya- Bauwerken, von denen auch nach Jahrzehnten archäologischer Wühlarbeit nur ein Bruchteil ausgegraben ist, gehört das rund 60 Quadratkilometer umfassende Regenwaldareal zu den größten Touristenattraktionen des Landes.

Schwierig zu sagen, was hier den größeren Reiz ausmacht: die Bauten selbst oder der Dschungel. Schmale Fußwege winden sich durch das Dickicht, und wer von einer Ausgrabungsstätte zur nächsten gelangen will, muss durch diese hohlen Gassen. Es führt kein anderer Weg durch den Regenwald, jedenfalls nicht für Menschen. Schnell begreift man hier das erste Gesetz des Dschungels, das da lautet: Wer unten geht, kommt nur voran, wo keine Bäume sind – wer oben geht, nur da, wo welche sind. Menschen machen vor Bäumen halt. Affen vor Lichtungen.

Oben und unten sind im Dschungel relative Werte. Ein Bauwerk steht nur so lange oberhalb der Grasnarbe, bis der wuchernde Dschungel aus oben wieder unten gemacht hat, bis Wurzeln über Steine und Moos über Wurzeln und Schlingpflanzen über Moos gewachsen sind, bis die zwölfte Maya-Generation vergessen hat, wo die zweite siedelte, bis die Nachkommen über den versunkenen Ruinen der Vorfahren neue Bauten errichteten, immer wieder, vom 1. bis zum 9. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, so lange, bis die Spitzen der höchsten Stufenpyramiden weit in den Himmel ragten, bis zu 70 Meter hoch, wo kein Baum sie mehr überwuchern konnte.

Noch so eine Geschichte von oben und unten ist das koloniale Erbe Guatemalas. 1518 kamen die ersten Conquistadores, die Eroberer, 1821 erklärte sich das Land von Spanien unabhängig – doch bis heute ist die spanischsprachige Oberschicht der „Ladinos“, wie sich die Nachkommen der Eroberer nennen, im Lande tonangebend. Ihr stehen die „Indigenas“ gegenüber, die ethnisch und sprachlich heterogene Schicht der Ureinwohner, die etwa 40 Prozent der Bevölkerung stellen, politisch jedoch kaum repräsentiert und von Bildung und Wohlstand oft ausgeschlossen sind. Die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú, eine Indigena aus dem Volk der Quiché, die mit ihrem Menschenrechtsaktivismus 1996 erheblich zur Beendigung des 35-jährigen Bürgerkriegs beitrug, landete im September bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen abgeschlagen auf dem sechsten Platz.

Die Stichwahl am 4. November werden zwei Ladinos unter sich austragen. Ihre Parteilogos und Wahlkampfsprüche sind derzeit noch im kleinsten Dorf auf jede Häuserwand gepinselt: Mit seiner „harten Hand“ wirbt der Armeegeneral Pérez Molina, mit „Gerechtigkeit“ der Mitte-links-Kandidat Alvaro Colom. „Wir kennen diese Leute nicht“, sagt Emilio Briones, ein Fremdenführer, der der Indigena-Schicht angehört. „Die Kandidaten tauchen in Guatemala aus dem Nichts auf, niemand hat von ihnen gehört, niemand weiß, was sie wollen.“ Letztlich, fügt Briones hinzu, seien es sowieso immer die gleichen 30 Familien, die in Guatemala das Sagen haben.

Nicht überall zeigt sich das Land so gespalten von der kolonialen Vergangenheit, jedenfalls nicht für Touristen. In den Indigena-Städten rund um den Atitlán-See im Westen des Landes etwa, wo die Angehörigen der diversen ethnischen Minderheiten nach wie vor mit ihren traditionellen Trachten das Straßenbild bestimmen, sind christliche und indianische Urreligionen enge Symbiosen eingegangen. In der Kleinstadt Chichicastenango zum Beispiel, deren Ruhm sich vor allem ihrem psychedelisch bunten Folkloremarkt verdankt, ist der Altar der Santo-Tomás-Kirche pechschwarz vom Rauch der Opfergaben, die die Indigenas zu Füßen der christlichen Heiligen verbrennen.

In der Ufersiedlung Santiago Atitlán wurde nach dem Wiederaufbau der abgebrannten Dorfkirche sogar eine Statue des Maya-Gottes Maximon in den neuen Altar integriert, die bei den jährlichen Osterprozessionen im fliegenden Wechsel mit einem Jesusbildnis über den Kathedralenvorplatz getragen wird. Und in Antigua, der mehrfach durch Erdbeben zerstörten alten Landeshauptstadt mit ihren malerischen Klosterruinen und spanischen Kirchen, pilgern auch Angehörige der Indigena-Religionen zum Grab des seligen Hermano Pedro, von dessen Wundertätigkeit im Kloster San Francisco eine ganze Wand voller abgelegter Krücken zeugt.

Aber auch die Ladinos sind gegen kulturelle Querschläge nicht gefeit. Die Azteken-Prinzessin und Dolmetscherin Malinche verriet ihr Volk einst an die weißen Eroberer, nachdem sie sich in den Conquistador Hernán Cortés verliebt hatte. Ihr Name hat das Wort „Malinchismo“ geprägt, mit dem die Oberschicht in Guatemala heute abfällig ihre eigene, selbstzerstörerische West-Besessenheit bezeichnet. Carlos Peña, das neue Idol Lateinamerikas, soll bereits über einen Werbevertrag mit Coca-Cola verhandeln, heißt es.

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