Reise : Die gezähmte Küste

An Frankreichs Atlantiksaum wimmelt es von historischen Bollwerken. Aber es ist ganz friedlich, besonders auf der Île de Ré.

Gerhart Wenzel
Das gute Leben. Auf der Île de Ré herrscht auch während der Saison große Gelassenheit. Essen, trinken, plaudern – mehr braucht hier niemand zur Erholung. Foto: laif Foto: Lefranc/Le Figaro Magazine/laif
Das gute Leben. Auf der Île de Ré herrscht auch während der Saison große Gelassenheit. Essen, trinken, plaudern – mehr braucht...Foto: Lefranc/Le Figaro Magazine/laif

Bloß keinen Rummel! Das gilt – nicht nur, aber auch – für die Île de Ré. Okay, d’accord, die 30 Kilometer lange und bis zu fünf Kilometer breite Atlantiksprosse vor den Toren von La Rochelle ist mondän, vielleicht auch einen Schuss kokett, aber keineswegs laut und schon gar nicht mit Hotelburgen zubetoniert. Anders als der Laufsteg der Eitelkeiten Côte d’Azur ist Ré perfektes Understatement. Das viel zitierte San Tropez des Atlantiks ist kein Hotspot für Hollywoodstars, kein Tummelplatz für Neureiche. Die hübsch restaurierten Dörfchen sind vielmehr vornehm-zurückhaltende Zweitwohnsitze der Pariser Upperclass.

Und deren Mitglieder spazieren über die massigen Wehrmauern von San Martin de Ré, schauen Seglern und Motorjachten draußen auf dem Meer zu, werfen einen Blick auf die Unesco-Weltkulturerbe-Festung – von der aus übrigens der Schriftsteller Henri Charrières, alias „Papillon“, in die Strafgefangenenlager von Französisch-Guayanas verbracht wurde – und man trifft sich dann abends in den Open-Air-Bistros bei Wein und Fisch.

Es ist Sonntag, 7 Uhr morgens, wir sitzen am kleinen Sportboothafen von Saint Martin und warten. Nach einer drei viertel Stunde schiebt sich ein Motorboot an die Mole, am Steuer steht Bernhard und grinst. „Pardon, ich hab’ verschlafen“, entschuldigt er sich, greift zur Backskiste und holt erst einmal ein paar Croissants und eine Thermoskanne Kaffee heraus. „Als Entschädigung für’s versäumte Frühstück.“ Dann legt er den Rückwärtsgang ein und tuckert mit uns aus dem Hafen. Einen Muschelwurf weiter gibt er Gas und wir gleiten auf einer schäumenden Welle an Stränden und Kiefernwäldern vorbei. Am schnuckeligen Lilliputstädtchen La Flotte kreuzt ein Ausflugsdampfer aus La Rochelle, ein paar Zündtakte weiter unterqueren wir die kühn geschwungene Pont de Ré, die rund drei Kilometer lange Brücke zum Festland.

„Bonjour messieurs!“ Der Tankwart in der Marina von La Rochelle winkt uns freundlich zu. Er kennt den Skipper, weiß, dass er auch heute keine Reichtümer an ihm verdienen wird, aber was soll’s? Die beiden schwatzen ein bisschen, dann genehmigt uns Bernhard ein paar Stunden Landgang und verschwindet in der Werkstatt der Marina. Der erste Eindruck von La Rochelle war nicht der beste. Vom Meer aus präsentiert sich die Hauptstadt des Departments Charente-Maritime als tristes Konglomerat aus Industrie- und Hafenanlagen. Uncharmanter Höhepunkt sind die berühmt- berüchtigten deutschen U-Boot-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Am Vieux Port, am Alten Hafen jedoch zeigt sich die einstige Hochburg der Protestanten von ihrer charmanten Seite.

Jahrhunderte lang fühlte sich La Rochelle dem britischen Empire näher als dem eigenen König im Lichtjahre entfernt scheinenden Paris. Dafür blühte und blutete die stolze Dame. Salz, Wein, Handel und Seefahrt füllten das Stadtsäckel. Gotik, Barock und Renaissance feierten opulente Feste. Wer hatte, stellte seinen Reichtum in Form architektonischer Prestigebauten zur Schau. Die Stadt selbst schützte sich mit wehrhaften Bastionen und Festungsmauern. Doch all ihre Türme und Kanonen nutzten ihr nichts; die katholischen Truppen Ludwigs XIII. rückten 1627 gegen die Glaubensabtrünnigen vor, belagerten sie länger als ein Jahr, hungerten sie aus und zwangen sie so zur Kapitulation.

Es wird Zeit! Nach eingehender Würdigung der Vieille Ville, der Altstadt, und einem Besuch im jugendstilüberbordeten Café de la Paix – Lieblingscafé von Georges Simenon, der öfter herkam – bringt uns ein Shuttleboot vom Alten Hafen aus zurück zur Marina. „Messieurs“, drängt Bernard, „wir müssen los. Das Wasser fällt. Wenn die Ebbe ihren Tiefstand erreicht, wird die Fahrt zur Île d’Aix problematisch.“ Seine Sorge ist unbegründet. Wir erreichen das Eiland kurz vor dem Einlaufen der Linienfähre. Bernard hievt noch schnell unser Gepäck aus dem Boot. Dann verabschiedet er sich.

Eine bunte Kinderschar tobt am Pier. Zwei Knirpse haben es sich auf den wuchtige Bronzekanonen am Anleger bequem gemacht und füttern die Fische. Ihre martialische Sitzgelegenheit zeugt von den glorreichen Zeiten Ludwig XIV. Unter seiner Ägide war Frankreich zur führenden Wirtschafts- und Militärmacht Europas aufgestiegen. Um der britischen Krone Paroli bieten zu können, baute der Sonnenkönig Rochefort am Ufer der Charente 1666 zu einem gigantischen Marinearsenal aus. Die Charente selbst wurde mit Bunkern und Kanonen bespickt, die vorgelagerten Inseln Aix und Oléron verwandelten sich in waffenstarrende Festungen. Heute ist die drei Kilometer lange und 600 Meter breite, mondsichelförmige Île d’Aix ein verträumter Fleck mit hübschem Nostalgiedorf, prima Sandstränden, Pinienwäldchen und dem Hotel Napoléon.

Wir bleiben zwei Tage auf der Insel, genießen die Sonne, den herrlichen Strand, die Austern und das superbe Diner im ebenso historisch wie cool gestylten Hotel Napoléon. Mittwoch holt uns Bernard ab. „Gefällt euch die Île?“, fragt er. Wir nicken, „Bien, dann ab nach Rochefort.“ Wir drehen eine Ehrenrunde um das legendäre Fort Boyard – Napoléon hatte es zum Schutz der Küste auf eine Sandbank zwischen die Inseln Aix und Oléron geklotzt – nehmen Kurs auf das Festland, schauen uns das hübsche Belle Epoque Seebad Fouras an und fahren dann weiter dem Fluss Charente entgegen. Carrelets, kleine, auf Stelzen stehende Fischerhütten mit großen Senknetzen, säumen das Ufer. Ruhig und gelassen schiebt sich die Charente ins Meer, nach rund 18 Kilometern entlang alter Festungsanlagen und malerischer Uferbiotope legen wir am Steg eines Hotels an.

Unser Ziel: die Königliche Seilerei, zurück in die Glanzzeiten des Sonnenkönigs. Neben den Docks und Hafenanlagen hatte Ludwig XIV. hier auch Frankreichs größte Seilerei aus dem Boden gestampft. 200 Jahre spannen, flochten und teerten Myriaden fleißiger Männer- und Frauenhände das Tauwerk für die Schiffsausstattung. Etwa 350 Fregatten und Linienschiffe wurden in Rochefort gebaut, die größten hatten Seilgut von mehr als 100 (!) Kilometer Länge an Bord. Zu den bekanntesten Vertretern ihrer Art zählt die „Hermione“. Von dem 45 Meter langen Dreimaster entsteht nun ein Nachbau. „Für den ersten Törn nach Boston gibt’s noch Tickets“, sagt Bernard. „Bon idée, mein Guter. Doch wir fahren lieber erst zurück auf die Île de Ré.“

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