Reise : Die Höhle des Dichters

Fortsetzung von Seite R1

Sie sitzt am Meer, seit Jahren schon. Sie hat ihm den Rücken zugewandt. Elpida Giannedakis ist bald siebzig Jahre alt. „Das Meer habe ich lange genug gesehen, das bin ich leid geworden“.

Elpida Giannedakis kann sich noch genau erinnern, wie das alles einmal begonnen hat hier unten. Es hatte geregnet, als käme die Sintflut. Alle Gärten mit den mühselig hochgezogenen Tomaten, Gurken und Zucchini waren verwüstet. „Was sollen wir jetzt nur machen?“, hatte Elpida ihren Mann gefragt. Der kramte in seinen Hosentaschen und fand noch eine Münze. Also gingen sie Kaffee trinken in dem einzigen kleinen Kafenion, das es damals gab in der Bucht von Lentas.

Dort saß eine Gruppe von Griechen aus der Hauptstadt. Sie tranken den ganzen Abend. Immer wieder goss der Wirt Schnaps in die Gläser. Als die Gäste gingen, ließen sie einen Geldschein zurück. „Ich habe die Nacht kein Auge zugetan“, erzählt Elpida Giannedakis und stöhnt, als wäre es gestern gewesen. „Immer wieder habe ich daran denken müssen, wie leicht dieser Wirt sein Geld verdiente. Am nächsten Morgen hab ich zu meinem Mann gesagt: ,Wir bauen uns auch so ein Kafenion‘.“

So entstand am Strand die Taverne von Elpida. Es gab Zeiten, da war sie die einzige. Heute reiht sich Taverne an Taverne. Und heute gibt es niemanden mehr in Lentas, der nicht von den Touristen lebt. Alle warten sie im Frühjahr auf die Fremden, die mit dem Bus, dem Taxi oder mit dem Rucksack auf dem Rücken den Berg herunterkommen. Und so, wie sie einst Oliven von der Erde sammelten, um Öl und Geld aus ihnen zu pressen, so sammeln sie heute die Touristen von der Straße.

Aber das Leben ist auch nicht einfach an dieser steilen Küste am Lybischen Meer. Man nimmt, was man kriegen kann. Denn Lentas liegt da, wo man nichts mehr vermutet. Es verbirgt sich, wie viele dieser Dörfer im Süden Kretas, hinter einer hohen Bergkette, auf der die Ziegen ein mühseliges Leben zwischen staubigen Kräutern und borstigen Sträuchern führen, und auf der sie kaum noch Schutz vor Sonne und Regen finden unter den kümmerlichen Bäumen, deren emsige Wurzeln sich seit Jahrhunderten an den Felsen klammern, um ein paar Tropfen Feuchtigkeit aus dem Land zu saugen. Jedes dieser Dörfer ist wie ein Wunder, wenn es mit seinen weißen Häusern unerwartet aus der Unwirtlichkeit der Landschaft auftaucht. Doch es gibt etwas, das Lentas von all diesen wunderbaren Orten an der Südküste unterscheidet: den „Löwen“.

So nennen die, die hier wohnen oder im Sommer regelmäßig zum Baden kommen, eine Ansammlung von Felsen, den letzten langen Arm des Landes, der weit aufs Meer hinausgreift. Fremde sehen diesen Löwen in der Regel nicht. Man muss oben auf den Bergen stehen und hinunterblicken. So wie die Hirten, die früher mit ihren Herden Tage und Nächte im Asteroussia-Gebirge unterwegs waren, allein mit sich und den Sternen und dem Meer.

„Siehst du denn den Löwen nicht?“, fragen die Bewohner von Lentas ihre Besucher und deuten dort hin, wo Kopf, Bauch, Flanken sein sollen. „Kannst du den Kopf nicht sehen?“ Tatsächlich hat man den sitzenden Löwen schon in grauen Vorzeiten entdeckt, als Lentas noch „Leben“ oder „Lebena“ oder „Leon“ hieß. „Leondari“, das ist im Neugriechischen der „Löwe“. Weil die Touristen jedoch den Löwen nicht gleich erkennen, strahlen die Bewohner den Felsen nachts manchmal mit Scheinwerfern an. Und wenn die Fremden ihn dann endlich erkannt haben, dann erzählen die Griechen von der Höhle. „Dort hinten“, sagen sie dann, „da, im Schatten – man kann sie jetzt nicht so gut sehen – da ist die Höhle. Dort hat er gesessen.“

Und dann erzählen sie die Geschichte von dem berühmten Dichter. Eine von jenen, die sie sich schon erzählten, als es nur dieses eine Kafenion gab, in dem der Wirt so leicht sein Geld verdiente. Dieses Kafenion mit der Gaslaterne, die im Wind über ihren Köpfen schwankte, wenn sie Sonnenblumenkerne knackten, Schnaps tranken und palaverten, damit die Zeit verstrich. Die Hirten erzählten Geschichten von Adlern, die plötzlich aus den Lüften fielen und ihnen die Lämmer stahlen, von alten Hasen, die den Flinten der Männer seit Jahren entkamen und von Felsspalten, in denen sie Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg fanden.

Geschichten erzählen, das konnten alle hier in der Einöde. Bevor die Strommasten über die Berge wanderten. Natürlich waren viele dieser Geschichten erfunden. Aber manche hatten ihre realen Wurzeln, und manche waren sogar ganz und gar wahr. So wie diese Geschichte vom Dichter. Die Geschichte von Nikos Kazantzakis. „Hier in Lentas, in der Höhle, hat ihm dieser Sorbas sein Leben erzählt. Und Kazantzakis hat es aufgeschrieben. Zehn Tage lang.“ Sagen die Bewohner von Lentas. Manche sprechen auch von Wochen, andere von einem ganzen Sommer.

Einig sind sie sich über das kleine Haus, in dem er gewohnt hat. Elpida Giannedakis dreht sich um, wirft einen nüchternen Blick aufs Meer und deutet dann in jene Ecke der Bucht, wo das alte Haus mit seinen dicken Mauern noch immer steht. Elpida Giannedakis kann sich nicht irren. Sie hat alles feinsäuberlich in ein kleines blaues Schulheft geschrieben, was die Leute im Dorf Jahre später noch über den Besuch erzählten. Und auch Georgos Petrakis irrt sich kaum. Er hatte sich oft ins Kafenion geschlichen, wenn der Dichter dort zum Abendessen war, oder wenn die Männer aus dem Dorf am nächsten Morgen über ihn schimpften. Er ist der letzte im Dorf gewesen, der den Dichter gesehen hat. Jetzt ist auch er gestorben, neunzig Jahre alt.

Aber damals, als der Erfinder des Sorbas in Lentas auftauchte, war Georgos gerade fünfzehn. Und er hatte ein gutes Gedächtnis: „Kazantzakis blieb etwa einen Monat. Aber es war kein Sorbas bei ihm. Da war eine Frau bei ihm! Und auch nicht seine Frau. Sondern seine Freundin. So war das!“ Oft hat der alte Mann erzählt, wie sich die beiden beim Wirt eingemietet hatten. „Der Wirt sorgte dafür, dass man Kazantzakis in Ruhe ließ. Der verdiente ja schließlich Geld mit ihm. Dimitris Manidakis hieß der Wirt.“ Er schien der einzige gewesen zu sein, mit dem der Dichter sprach. Der Fremde gefiel den Leuten in Lentas nicht besonders, er schimpfte zu viel über die Kirche. Und in Lentas, in dieser Einöde, war man Gott näher als in der Stadt.

„Wir Jungs aber, wir hatten nichts gegen ihn. Im Gegenteil. Denn der Kazantzakis schrieb ja gar nicht in der Höhle. Die zwei machten ganz was anderes. Die hatten auch nur eine Decke und zwei Kissen in der Höhle. Und anschließend gingen sie schwimmen. Nackt, splitternackt – ich schwöre es. Und wir hatten doch bis dahin von einer Frau kaum mal eine nackte Wade gesehen! So war das. Ich erzähle nur, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Und dann, eines Tages, kam seine Frau angereist. Und wir dachten, jetzt gibt's Krach. Aber nix war's! Sie ist wieder weggefahren, als ob nichts gewesen wäre. Wirklich! Und so vor 15 oder 20 Jahren - was weiß ich - da war sie noch mal hier, seine Frau, und hat gefragt: Na, kennt ihr mich nicht mehr? Tja, das war ein gute Frau. Nicht so kompliziert wie heute...“

Wenn der alte Petrakis die alten Geschichten erzählte, dann lächelten seine Zuhörer nicht selten über seine unbändige Kraft der Fantasie. Doch glaubt man den Aufzeichnungen des Schriftstellers Kazantzakis, dann verbrachte der griechische Dichter tatsächlich einige Tage des Sommers 1924 in der einsamen Bucht am Lybischen Meer. Und tatsächlich war an seiner Seite kein Alexis Sorbas, sondern eine Frau. Am 29. Juli schrieb der frisch verliebte Dichter an Eleni Samiou: „ Genossin, das Leben ist doch wunderbar. Sie kommen jetzt nach Kreta! Zusammen werden wir die teure Insel sehen, zusammen am Ufer des Lybischen Meeres sitzen. Kommen Sie schnell. (…) Die Trauben, die Feigen, die Birnen, die Melonen – Homer, Buddha, unsere beiden Herzen… alles ist reif, ist bereit, ist großartig!“

Die angebetete Eleni, die später Kazantzakis´ Frau wird, schreibt dagegen etwas nüchterner: „Ein halbmondförmiger Strand, von zwei Seiten durch steil abstürzende Felsen eingeschlossen. Ein einziges Dach: Ein Speicher, mit Krügen und Getreide gefüllt. Ein einziger Bewohner: Ein halb tauber und halb blinder Greis. Leda! (…) Weder Tisch noch Bett, keine Wäsche, nichts, was die Illusion von Behaglichkeit hervorrufen könnte. Ameisen, Fliegen und heller Sand, der rauchte wie geschmolzenes Zinn.“ Vor den Fliegen flüchtete das Paar in eine Höhle, wo nicht Sorbas dem Dichter sein Leben, sondern der Dichter seiner Geliebten Goethes „Iphigenie auf Tauris“ vorlas.

Belegt ist ebenfalls, dass auch die amtierende Gattin dem Paar einen kurzen Besuch in Lentas abstattete. Mit ähnlichen Worten wie die neue Geliebte und mit ebensolch weiblicher Ironie beschreibt auch Galatia Kazantzakis die einsame Bucht von Lentas und „die Gestalt eines riesenhaften, sitzenden Löwen, der nach Afrika blickte.“ Und ganz so, wie es der alte Petrakis immer erzählte, irritierte das nacktbadende Liebespaar die Gattin nicht. Galatia hatte ihrem Dichter ebenso den Rücken zugewandt wie Elpida den ihren dem Meer. Später lässt sie in ihrem Roman „Menschen und Übermenschen“ ihr Alter Ego sagen: „Ich bin nicht dafür geschaffen, meine Persönlichkeit irgendeinem Propheten oder Lehrer zu opfern.“

Elpida Giannedakis sitzt an einem ihrer Tische mit den karierten Tischdecken. Hinter ihrem Rücken liegen halbnackte Touristen. Aber die hat sie lange genug gesehen. Sie liest lieber in ihrem Buch. Es gibt niemandem in Lentas, der so viel liest. Vielleicht war es der Besuch des Dichters, der ihr die Welt der Buchstaben so verführerisch machte. Sogar studieren hatte sie wollen. Aber wie sollte sie studieren, hier, am Ende der Welt? So blieb ihr nur dieses kleine blaue Heft. Dahinein schrieb sie alles, was passierte in Lentas, und was einem jungen Mädchen am Ende der Welt damals so durch den Kopf ging. Sie hat nicht immer alles verstanden, was passierte auf der Welt, aber was Kazantzakis angeht, da ist sie sich sicher.

Er sei ein moderner Mensch gewesen, sagt sie, selbst der Hang zum Nudismus scheint sie nicht mehr zu stören, „schließlich baden heute alle nackt. „Er war seiner Zeit eben weit voraus. Ihm war egal, was die Leute redeten. Er sagte immer: Was ihr im stillen Kämmerlein macht bei Kerzenlicht, das mache ich im Sonnenlicht!“

Im Oktober 1957 erlosch dieses Sonnenlicht jedoch auch für Kazantzakis. Doch vor zwei Jahren war wieder ein Schriftsteller im Dorf. Er wohnte in einem der kleinen Zimmer über Elpida Giannedakis´ Taverne, mit Blick aufs Meer. Lentas sei der richtige Ort zum Schreiben, hatte er gesagt. Wie Kazantzakis habe auch er in Lentas die Ruhe gesucht. Und Elpida Giannedakis hebt einen ihrer vom vielen Spülen und Kochen und Bettenmachen dicken Finger und fügt hinzu: „Der hatte schon zwei Bücher geschrieben, aber keines verkaufen können. Hier in Lentas schrieb er sein drittes. Und er hat es sofort verkauft!“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben