Reise : Die können einem viel erzählen Jonesborough in Tennessee richtet alljährlich

das „National Storytelling Festival“ aus.

Tom Noga
Hört mal her! Auch Jay O’Callahan hat in Jonesborough eine Geschichte. Beim offiziellen Wettbewerb ist er nicht, also erzählt er sie auf der Straße. Foto: Alexia Elejalde-Ruiz, pa
Hört mal her! Auch Jay O’Callahan hat in Jonesborough eine Geschichte. Beim offiziellen Wettbewerb ist er nicht, also erzählt er...

Nein, zufällig kommt der Reisende nicht nach Jonesborough, Tennessee – dafür liegt das Städtchen mit seinen knapp 6000 Einwohnern zu versteckt in einem der Täler, an denen die Smoky Mountains so reich sind. Jonesborough erstreckt sich malerisch an den Ufern eines Baches, umgeben von bewaldeten Hügeln. Das perfekte amerikanische Kleinstadtidyll mit einer verkehrsberuhigten Main Street. Einen knappen Kilometer ist die Hauptstraße lang – um Besuchern den Fußmarsch von einem Ende zum anderen zu ersparen, verkehren ein offener Kleinbus und eine Pferdekutsche. Besucher kommen vor allem am ersten Oktoberwochenende. Dann findet hier das National Storytelling Festival statt, das Fest der amerikanischen Geschichtenerzähler.

Ein paraventartiges Zelt auf einer Wiese oberhalb des Rathauses. Auf der Bühne Dolores Hydock: blonder Pagenkopf, breites Lächeln, wallendes Kleid. Sie erzählt von Chandler Mountain, einem Berg an den Ufern des Tennessee River. Ihr Publikum ist jenseits der besten Jahre: vorwiegend Rentnerpaare in Shorts und T-Shirts, deren Aufdrucke von Reisen in der Vergangenheit künden, von Graceland in Memphis, dem Anwesen, in dem Elvis Presley gelebt hat, von der Grand Ole Opry in Nashville, einer Art Musikantenstadl der Countrymusik, vom New Holy Land in Eureka Springs, Arkansas, einem biblischen Erlebnispark .

Dolores Hydock stammt aus Philadelphia und erzählt, wie sie in den späten 70er Jahren, gerade 20 geworden, in den Süden zog, nach Chandler Mountain, einen Tafelberg am Ufer des Tennessee River. Damals führte nur eine einspurige Straßen hinauf. Entgegenkommende Autofahrer hielten an, schauten eher gelangweilt und – Dolores macht es vor – hoben unendlich langsam die Hand zum Gruß. Brüllendes Gelächter der Zuhörer.

Mehr als 20 Jahre hat Dolores Hydock auf Chandler Mountain gelebt. In einem Haus ohne Strom, ohne fließendes Wasser, dafür mit Plumpsklo in einem separaten Toilettenhäuschen. „Ich war begeistert!“ Dolores macht eine Kunstpause: „Das war’s, was ich immer gesucht hatte: echte Folklore.“ Die Zuschauer biegen sich vor Lachen.

Dolores Hydock ist zum dritten Mal in Jonesborough dabei, zum zweiten Mal als Erzählerin. Einmal war sie Ansagerin. Wie oft sie als Zuschauerin hier gewesen ist, kann sie kaum zählen. „Am Festivalwochenende passiert etwas Magisches“, schwärmt Dolores. „Menschen aus aller Welt tauchen tief ein in das Universum der Fantasie. Es ist ein Geschenk, an diesem wundersamen Erlebnis teilzunehmen.“ Ihr Blick schweift hinunter in den Ort, über die Kuppen weiterer Zelte. Dazwischen schlendern Besucher von einer Veranstaltung zur nächsten, ein paar tausend mögen es sein. Dolores schaut auf die Uhr, gleich ist eine Autogrammstunde anberaumt, in der Presbyterianischen Kirche in der Main Street.

Am Weg hängt eine Bronzetafel, die Jonesborough als älteste Stadt Tennessees ausweist, gegründet 1779. Damals gehörte die Gegend noch zum Nachbarstaat North Carolina. Laut einer anderen Gedenktafel war Jonesborough im Bürgerkrieg eine Hochburg der Abolitionists, von Südstaatlern, die sich für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt haben. Dolores zeigt auf ein senfgelbes Holzhaus – ein halbes Jahr hat sie dort gelebt, als „Storyteller in Residence“, mit einem Stipendium für besonders talentierte Geschichtenerzähler. „Die Zeit in Jonesborough, der Wiege des Storytelling, ist“ – sie sucht nach den richtigen Worten – „ein Segen gewesen und eine Inspiration.“

Im Saal der Presbyterianischen Kirche herrscht die Atmosphäre einer Wirtschaftsmesse. An einem Stand werden CDs der beteiligten Künstler verkauft, an einem anderen stellt sich ein Internetradio vor, das ausschließlich Geschichtenerzähler zu Wort kommen lässt. Auch die – wenigen – Sponsoren des Festivals sind vertreten. Dolores Hydock setzt sich an einen Holztisch. Neben ihr David Holt, einer der Großen in der Welt der Geschichtenerzähler. David Holt ist Grammy-Preisträger, nicht für sein eigenes Werk, sondern für die Produktion einer CD von Doc Watson, einem der Urväter des Storytelling. Von ihm habe er etwas Wichtiges gelernt: „Beim Erzählen kommt es nicht auf den Wahrheitsgehalt an, sondern darauf, die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen und die Pointen richtig zu setzen.“

Im Jahr 1969 ist David Holt nach Asheville in North Carolina gezogen, mitten in die Appalachen, die Heimat der besten Geschichtenerzähler. Auf der Suche nach authentischer Folklore. Nach Menschen wie Doc Watson, die nie weit aus ihren Heimatdörfern herausgekommen sind und doch eine Welt in sich tragen. Nach Storys über das Leben auf dem Land, nach Familienchroniken, nach Romanzen und Mordgeschichten, nach Banalem und Frivolem. „Damals gab es noch viele alte Menschen, geboren im späten 19. Jahrhundert. Ich fand sie faszinierend, ihre Musik und die Geschichten, die sie erzählt haben.“

Auftritt David Holt. Im größten Festivalzelt sind alle Sitzplätze belegt. Seine Show beginnt mit einem Bluessong – er singt, spielt Mundharmonika und schlägt den Takt. Das Publikum geht begeistert mit. Dann erzählt er von Ray Hicks, einem der Veteranen des Storytelling. Hicks war ein Meister im Erfinden von „Jacktales“, von Geschichten über die Verfehlungen eines schwachen Charakters, eines Mannes namens Jack. „Jacktales“ stammen aus den Appalachen, es gibt sie auch als Songs, begleitet von Gitarre, Banjo und Waschbrett. „Die Geschichten von Ray Hicks“, David Holt legt eine Kunstpause ein, „sind buchstäblich über mehrere Tage gegangen, er hat überlieferte mit eigenen Storys verwoben.“

Groß ist das Festival geworden, dabei waren die Anfänge vor 40 Jahren sehr bescheiden. Auftritte fanden auf den Veranden von Privathäusern statt, für die bekannteren Künstler gab es einen Planwagen als Bühne, und die Zuschauer – nicht mehr als ein paar hundert – saßen auf Strohballen oder hockten auf dem Bordstein. Heute gibt es zig ähnliche Festivals im ganzen Land.

Der Planwagen, auf dem die ersten Storyteller aufgetreten sind, steht heute im Park von Jonesborough. Darauf Magda DuBois, eine junge Frau mit brünetten langen Haaren. Davor auf Strohballen einige wenige Zuschauer. „Swapping Ground“ heißt dieser Auftrittsort, Tauschbörse. Hier kann auftreten, wer will, er muss sich nur am Vorabend einschreiben.

Magda DuBois ist 24, kommt aus Johnson City, nicht weit von Jonesborough. Auf dem Swapping Ground tritt sie unentgeltlich auf. „Man muss sich vernetzen, man muss viel reisen, seinen Job und die damit verbundene Sicherheit aufgeben. Besonders in der heutigen wirtschaftlichen Situation sind nur wenige bereit, so viel für ihre Kunst zu opfern.“ Sie hält inne. Eigentlich begreift sie sich selbst ebenfalls als Profi, auch wenn sie ihren Lebensunterhalt als Bibliothekarin verdient. Pro Show verlangt sie 60 Dollar. Bei im Schnitt zehn Auftritten pro Monat in Altenheimen, Büchereien und Schulen kommt aber nicht mehr als ein kleines Zubrot heraus. Auch die Stars der Zunft werden bei Gagen von 300 bis 500 Dollar nicht reich. Und trotzdem, sagt Martha: Irgendwann werde sie ihren Job aufgeben, um sich ganz dem Geschichtenerzählen zu widmen.

Der Gegenentwurf zu Magda heißt Waddie Mitchell. Der hat einen Walross-Schnäuzer, trägt einen riesigen Stetson auf dem Kopf, kommt von einer Farm in Nevada. Eigentlich ist Waddie Mitchell ein Cowboy-Dichter. Wie die Menschen in den entlegenen Tälern der Appalachen haben sich auch die Cowboys die Zeit am Lagerfeuer mit Geschichten vertrieben – nur eben in Reimform. „Wir hatten keinen Strom und folglich keinen Fernseher. Also haben wir etwas Seltsames gemacht, wir haben beisammengesessen und geredet. Ich wusste gar nicht, dass dies unmodern geworden war, bis ich anfing, meine Gedichte öffentlich zu lesen.“

Nun ist Waddie Mitchell Dauergast in Jonesborough. Und er weiß, dass er und seinesgleichen vermutlich die größte Attraktion sind, die Jonesborough, Tennessee zu bieten hat.

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