Reise : Die Liebe kommt im Flug

In Liechtenstein können Urlauber auf einstigen Wildererpfaden wandern – oder Adlern und Habichten folgen

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In Treue vereint. Seit 18 Jahren bilden die Adlerdame Taiga und Falkner Norman Vögeli ein Paar. Es gibt nur ein Problem: Der Vogel kann sehr eifersüchtig sein. Foto: Stephan Brünjes
In Treue vereint. Seit 18 Jahren bilden die Adlerdame Taiga und Falkner Norman Vögeli ein Paar. Es gibt nur ein Problem: Der Vogel...

Norman steigt mit Taiga in den Sessellift. Wie immer wird das Paar angestarrt. Erschrocken, entgeistert, neugierig. Während der Fahrt säuselt Taiga ihrem Norman Piepslaute ins Ohr. Beim Ausstieg an der Gipfelstation wieder entsetzte Blicke, diesmal von Wanderern. Norman macht sie kurzerhand mit Taiga bekannt: „Gestatten, meine Steinadlerin, 2,20 Meter Flügelspannweite, 24 Jahre alt, 18 davon mit mir verheiratet.“ Kein Spleen eines flatterhaften Falkners, sondern seine persönliche Lovestory: „Adler in Freiheit haben lebenslang nur einen Partner“, erklärt der 38-Jährige, „in Gefangenschaft ,heiraten’ sie mit Glück einen Menschen – wenn das Weibchen nach wochenlanger Balzzeit auf dem Lederhandschuh des Falkners landet. Taiga tat es.

Und darum hat Susanne nun ein Problem. Sie ist Normans rechtmäßig angetraute Frau, darf aber bei Adlerwanderungen wie der heutigen nicht mit. Taiga würde Susanne mit ihren Krallen, so groß wie Bauarbeiter-Pranken, angreifen. Zickenkrieg mit möglicher Todesfolge. Grety und Erich Lang-Siegfried hingegen dürfen mit. Denn bei Einmal-Gästen wird Taiga nicht eifersüchtig. Das Zürcher Rentnerehepaar bekam die Adlerwanderung von seinen Kindern zum Geburtstag. Ein exklusives Geschenk, denn Norman Vögeli ist in den Alpen weit und breit der Einzige, der seine Habichte fliegen und auf Gästearmen landen oder seinen Steinadler steigen lässt, fast wie Familienväter ihren Drachen.

Hier auf gut 2000 Meter Höhe, oberhalb von Malbun, Liechtensteins höchstem Dorf, ist das kein Problem. Taiga erschreckt abseits der serpentinenartigen Wanderwege bloß ein paar Murmeltiere. „Ein schriller Pfiff von ihnen heißt: Gefahr aus der Luft“, erklärt Norman, „zweimal dieser Laut bedeutet: Gefahr am Boden.“ So wie heute, denn Taiga landet ruckzuck im grasgrünen Steilhang, scheint dort vor Kraft kaum gehen zu können. „Schau, sie stolziert wie Arnie Schwarzenegger“, kommentiert Norman grinsend und erklärt dann, warum sie nicht in der Luft ist: „Kein Aufwind da, und ohne den sind Adler als Thermikflieger hilflos, sie können ihr Gewicht nicht allein durch Flügelschläge nach oben bringen.“ Was die Teilnehmer der Adlerwanderung jetzt erleben, ist wie eine Biologie-Exkursion mit dem grenzenlos fürs Thema begeisterten Junglehrer.

Während Falkner Vögeli erklärt, dass Adler aus 2000 Meter Höhe eine Zigarettenschachtel erkennen könnten – daher die sprichwörtlichen Adleraugen – schwingt Taiga mit eleganten Flügelschlägen aus dem Talkessel raus, spürt endlich Aufwind und schraubt sich in die Höhe. Ein Pfiff ihres Falkner-Gatten, seine Linke, bewehrt mit einem dicken Lederhandschuh in der Luft – für die Adlerfrau das Zeichen: Komm auf meinen Arm. Halb ängstlich, halb fasziniert beobachten Grety und Erich, wie Taiga über ihre leicht eingezogenen Köpfe hinweg zu Norman rauscht. Nun darf jeder Teilnehmer der Wanderung den sieben Kilo schweren Greifvogel selbst auf dem Schutzhandschuh tragen. Ganz schön spitz, die neun Zentimeter langen Krallen ...

In freier Wildbahn wäre Taigas Revier so groß wie ganz Liechtenstein, sagt Norman – 24 Kilometer lang und gut 12 breit also. Auf der Landkarte ist das Fürstentum so eine Art Tropfen zwischen der Schweiz und Österreich, halb so groß wie München. 36 000 Einwohner, keine Soldaten, 60 Polizisten und ein Fürst, der oberhalb seines Schlosses gern barfuß im Wald joggt. Ach ja, und mehr als 40 000 Stiftungen, Banken und Treuhandgesellschaften gibt’s hier, hinter deren zumeist goldfarben blinkenden Türschildern honorige Herren wie Zumwinkel und Kanther, Schockemöhle und Strauß reichlich Geld steuerfrei versteckten. Vorbei, beeilt man sich allerorten zu versichern, Liechtenstein sei längst sauber. Und zack, schlagen die Einheimischen einen Haken zu Hilti, dem hier ansässigen Bohrmaschinengiganten oder Ivoklar, einer Topfirma für dritte Zähne. Firmen, in denen Geld nicht gebunkert, sondern hart erarbeitet wird.

Noch viel lieber aber erzählen Fürst Hans-Adams Untertanen von ihren bäuerlichen Vorfahren, die noch vor gut 100 Jahren so bettelarm waren, dass sie ihren Familien den gelegentlichen Sonntagsbraten nur durch Wilderei bescheren konnten. Leander Schädlers Ahnengeschichte ist voll von solchen Erlebnissen. Darum macht der 53-Jährige daraus kurzerhand eine Wanderung. Den grünen Filzhut tief ins Gesicht gezogen, das Gewehr vom Wilderer-Urgroßvater im Anschlag, pirscht er mit seinen Gästen den steilen Pfad hinter der Alpe Bargälla hinauf. Wilderer, so lernen sie, waren bei ihren Raubzügen immer quasi auf Stereo-Wachsamkeit gepolt. Einerseits die Beute im Blick behalten, etwa durch fingerfertige Prüfung von Kot-Ködeln. Alle mal bitte beherzt zugreifen! Grün und weich bedeutet: Hirsch mit Glück noch hinterm nächsten Hügel, erklärt Schädler. Dunkle und harte, also schon ältere Losung hingegen bedeutet: Hirsch über alle Berge.

Auf ihrem zweiten Sinneskanal mussten Wilderer die Jagdaufseher im Auge haben, so eine Art Wald-Kripo. Am Heuberg, einem weitläufigen Gelände, bekamen die Wilderer Hilfe von ihren Frauen. Sie beobachteten, ob der Jagdaufseher aus dem Dorf loszog. Wenn ja, hängten die Frauen weithin sichtbare Bettlaken auf die Leine hinterm Haus – als Warnung, erzählt Schädler. Trotzdem: so manches tragische Wildererschicksal konnten diese Gattinnen nicht verhindern. „Hier wurde am 14. Oktober 1874 der Wildschütz Xaver Beck im Alter von 24 Jahren erschossen“, steht auf einem Gedenkstein. „Vom Jagdaufseher“, ergänzt Leander Schädler. Er hat die Gerichtsakte dieses Falles studiert. Nicht nur, um seinen Gästen die Geschichte genau zu erzählen, sondern auch, weil Xaver in den Armen von Schädlers Familien-Vorfahr starb. Ferdi hieß der – „ein ganz großes Kaliber“, raunt Schädler. Der junge Mann war damals wohl der gefürchtetste und erfolgreichste Wilderer Liechtensteins und ist heute ein Held mit Stammplatz im Landesmuseum. So einer wusste natürlich auch, wie man Beute bei Bedarf am Wegesrand fix verschwinden lässt: Beschwert mit einem Felsbrocken, plumps – ganz unten im eiskalten Gebirgsbach.

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