Die „Norwegian Getaway“ : Rote Karte am Tisch

Die „Norwegian Getaway“ hat 18 Decks, 16 Restaurants – und „den größten Hochseilgarten auf See“. Zum Glück ist alles vorbildlich beschildert.

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Von Miami aus wöchentlich in die Karibik. Die „Getaway“ wird vorerst nicht in europäischen Gewässern kreuzen.
Von Miami aus wöchentlich in die Karibik. Die „Getaway“ wird vorerst nicht in europäischen Gewässern kreuzen.Foto: promo

Der Tischnachbar in der Churrascaria schaut etwas unglücklich drein, obwohl es weder am Service noch am Essen etwas zu mäkeln gibt. „Warum legen die Kellner von ihren Fleischspießen immer nur bei mir nach? Sehe ich so verfressen aus?“ Nun, der junge Mann könnte schon ein paar Pfund mehr auf den Rippen vertragen, doch das erklärt nicht den Eifer der Ober. Das Geheimnis: In diesem Restaurant der „Norwegian Getaway“ bekommt jeder Gast ein Kärtchen zum Gedeck – eine Seite rot, die andere grün. Und erst wenn er dem Service die „rote Karte“ zeigt, verebbt die Welle von gegrilltem Lamm, Hähnchen oder Rinderfilet, die frisch vom Spieß direkt auf die Teller rollt. „Mensch, muss einem doch gesagt werden!“ Dieser Passagier hat’s also überlebt, obwohl bei manch anderen Zweifel angebracht sind, ob das Zögern mit der roten Karte eine ganze Reise lang gut gehen kann …

Kurz nachdem die Meyer Werft in Papenburg das neueste Schiff an Norwegian Cruise Lines übergeben hatte, konnten wir mit der „Getaway“ zu einem Kurztörn in die Nordsee starten, bevor die Riesin sich auf den Weg in ihren Heimathafen Miami machte, wo sie vor zwei Tagen feierlich getauft wurde.

Bei der „Norwegian Getaway“ handelt es sich um das zehnte Schiff, das die Papenburger Werft an Norwegian Cruise Line abgeliefert hat. Gemeinsam mit dem Schwesterschiff „Breakaway“ – im Frühjahr 2013 in Dienst gestellt – ist sie bei 146 600 BRZ (Bruttoraumzahl) das größte je in Deutschland gebaute Schiff, mit Platz für 4028 Passagiere. Dieser Rekord wird übrigens bereits im kommenden Herbst übertroffen, wenn von Papenburg aus die „Quantum of the Seas“ und nur sechs Monate später die „Anthem of the Seas“ mit Hilfe von Lotsenschiffen den kniffligen Weg über die Ems ins freie Wasser der Nordsee finden werden.

„Wir wollen den Gast zum Meer bringen“

Die beiden Schiffe von Royal Caribbean Cruises bieten bei einer Vermessung von 167 800 BRZ immerhin 4180 Passagieren Platz. Um den Bau immer größerer Schiffe in Papenburg möglich zu machen, ist die Ems in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich ausgebaggert worden. Nach Schiffstiefgängen von 5,70 Meter bereits im Jahr 1991 wurde die Fahrrinnensohle zunächst für 6,30 Meter tief gehende Schiffe ausgelegt. Der Bau des Emssperrwerks in Gandersum trägt seit 2002 durch das kurzzeitige Aufstauen des Flusses dazu bei, dass das Überführen von Schiffen mit einem Tiefgang bis zu 8,50 Meter möglich ist.

Taxi gefällig? Zielhafen: Nassau, Bahamas
Taxi gefällig? Zielhafen: Nassau, BahamasFoto: promo

Doch für die Passagiere der „Getaway“, – seit gestern auf Jungfernfahrt in der östlichen Karibik unterwegs – ist die Ems weit weg. Sie werden zunächst Orientierung suchen auf dem Riesenschiff. Bei 18 Decks und 325,70 Meter Länge kein einfaches Unterfangen. Obwohl wir den Eindruck hatten, man könne sich hier schneller zurechtfinden als auf anderen Schiffen dieser Größenordnung. Ist es die Beschilderung? Die gilt auch woanders als vorbildlich. Vermutlich liegt es daran, dass sich der Neuankömmling an Freiflächen und Ausblicken aufs Wasser orientieren kann. Kein Zufall, wie Marketingmanager Kevin Bubolz sagt: „Viele Schiffe dieser Größe sind nach innen hin ausgerichtet. Wir wollen den Gast jedoch zum Meer bringen.“ Jawohl, das ist gelungen.

Dass für Zerstreuung auf schwimmenden Kleinstädten in mehr als ausreichendem Maß gesorgt wird, ist hinlänglich bekannt. Weder Alt noch Jung wird sich langweilen müssen: Wasserspaß aller Art, Basketballplatz, Minigolf, Kletterkäfig und – ein Superlativ darf nicht fehlen – der „größte Hochseilgarten auf See“ soll den jungen Wilden Spaß machen. Wer schon sein Quäntchen Bänderdehnungen in einem langen Leben hinter sich hat, wird die abendliche Unterhaltung bevorzugen. Neben dem auf US-Schiffen obligatorischen Spielcasino wird gute Unterhaltung geboten, sowohl auf der Showbühne des großen Theaters als auch im außergewöhnlichen „Illusionarium“, wo zum Dinner eine Zaubershow geboten wird. Alles nicht unbedingt Las-Vegas- oder Broadway-Niveau – doch wer erwartet das schon?

Weg vom scheußlichen Schweröl ist auch Norwegian nicht. Gleichwohl werden die Verantwortlichen nicht müde, über „umweltfreundliche Motorentechnik, dieselelektrische Pod-Antriebe, verbesserte Hydrodynamik sowie zahlreiche Energieeinsparungen“ zu berichten.

Hibachi-Restaurant oder Steakhouse?

Wie groß die Bedeutung der kulinarischen Genüsse für Kreuzfahrer ist, lässt sich durchaus an der Bordgastronomie und deren Variantenreichtum ablesen. Auf der „Getaway“ können die Passagiere in der Hinsicht buchstäblich aus dem Vollen schöpfen: 16 unterschiedliche Restaurants sind zu finden, vier davon können im Rahmen der Vollverpflegung ohne Zuzahlung besucht werden. Wer hingegen auf ein netteres Ambiente und Spezialitäten Wert legt, wird an den Werbespruch vergangener Tage erinnert: Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben.

Alles frisch, auch an der Crêpe-Station
Alles frisch, auch an der Crêpe-StationFoto: promo

Ob im „Ocean Blue“ (Meeresfrüchte), im „Teppanyaki“, einem authentischen japanischen Hibachi-Restaurant, einem französischen Bistro, einer Sushi-Bar, einem Steakhouse oder der „Shanghai Noodle Bar“ – alles kostet ein wenig extra. Um den Passagieren das Dinieren in verschiedenen Etablissements schmackhaft zu machen, hat sich die Reederei ein pauschales „Restaurantpaket“ einfallen lassen. Abhängig von der Länge der Kreuzfahrt zahlen Gäste dafür zwischen 59 und 349 US-Dollar pro Person.

Die Qualität des Essens ist nirgendwo an Bord zu beanstanden, und selbst verwöhnte Gaumen werden auch im größten Büfettrestaurant kaum das sprichwörtliche Haar in der Suppe finden können. Allein, wenn die Reederei auch auf deutsches Publikum schielt, sollte sie mindestens zwei Dinge ändern: das Essen von unzerstörbaren Kunststofftellern (in einigen Restaurants). Und das asiatische, vermutlich eher Tee trinkende Personal muss unbedingt angeleitet werden, bei der Bestückung der Kaffeemaschinen die Hauptzutat nicht nur in homöopathischer Dosierung beizugeben.

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