Reise : Die Spur zum Kaiserschmarren

Die „Transdolomiti“-Loipe führt von Osttirol bis nach Venetien. Tragen muss der Langläufer nichts. Fürs Gepäck ist gesorgt.

Gabriele Beautemps
Flott voran vor prächtiger Kulisse – in den Loipen von Ost- und Südtirol Foto: Dolomiti Nordicski
Flott voran vor prächtiger Kulisse – in den Loipen von Ost- und Südtirol Foto: Dolomiti Nordicski

Die einzige Österreicherin, die zur sechsköpfigen, bunt zusammengewürfelten Gruppe gehört, kommt zum Glück aus Wien. Dort ist es ähnlich flach wie in Berlin. Und die anderen Teilnehmer bezeichnen sich als Gelegenheitssportler. Mit Ausnahme von Gary, der ist Marathonläufer. Wir beschließen, ihn, den einzigen Mann des Sextetts, getrost davonziehen zu lassen. „Eine gewisse Grundkondition sollte der Loipenwanderer allerdings schon mitbringen“, sagt Alfred Prenn. Mal sehen, was der Vater der Idee der „Transdolomiti“-Loipe damit meint.

Am ersten Tag im osttirolerischen Obertilliach steht Warmlaufen auf dem Programm. Spätestens nach zwei Kilometern in Richtung Schöntal – sieht genauso aus, wie es heißt – weiß jeder, was damit gemeint ist. Die Loipe führt sanft, aber stetig bergauf. Die ersten Fleecejacken werden im Rucksack verstaut.

Die Loipen sind tipptopp gespurt, werden täglich präpariert, wenn möglich bereits ab Mitte November. Ein Qualitätsmerkmal, auf das sich Spitzenläufer aus ganz Europa verlassen. Nationalmannschaften, auch die deutschen Biathlon-Frauen, kommen regelmäßig in der Vorsaison zum Trainingscamp. In diesem Jahr zum Bedauern des Dorfwirts das letzte Mal mit Sympathieträgerin Magdalena Neuner. Trotz all der Sportprominenz ist Obertilliach bodenständig geblieben. Ein Dorf, in dem es noch nach Kuhstall riecht, mit alten Holzhäusern, die unter Denkmalschutz stehen.

Langsam findet jeder seinen Rhythmus – die Sportlicheren skaten, die anderen bleiben ganz klassisch in der Spur. Die gleichmäßige Bewegung, dazu die Stille und die klare Luft wirken irgendwie befreiend. Der Alltag rückt weit weg – hinter den Kartischen Sattel, vermutlich.

15 Kilometer laufen wir heute bis zum Endpunkt am Obertilliacher Biathlonstadion. Fürs erste reicht’s. Wir Flachländer müssen uns schließlich nicht nur an die Höhenluft gewöhnen, sondern auch daran, mit Skiern an Füßen durch den Schnee statt mit den Fingern über die PC-Tastatur zu gleiten.

Einmal in der Woche, beim Gästebiathlon, dürfen auch Laien versuchen, die bierdeckelgroße, 50 Meter entfernte Scheibe zu treffen. Was am Fernsehschirm kinderleicht aussieht, stellt sich als kompliziert heraus. Vor allem die langen Bretter an den Füßen stören ungeheuer, wenn der Anfänger aus der liegenden Position heraus (daneben) schießt.

Man könnte noch viele Stunden auf der Grenzlandloipe über Untertilliach und Maria Luggau bis nach Kärnten gleiten. Wir laufen am nächsten Morgen unserem Gepäck hinterher, und das ist entgegengesetzt in Richtung Südtirol unterwegs. In Sillian erreicht man die Pustertaler Loipe und bewegt sich kurz darauf auf italienischem Schnee. Die Grenzüberschreitung wäre nicht weiter aufgefallen, hätte uns nicht ein ortskundiger Mitläufer auf die ehemaligen Zollhäuschen unten an der Straße aufmerksam gemacht. In den Gebäuden sind jetzt ein Outlet-Center und eine Gaststätte untergebracht.

Wir befinden uns im Terrain von Dolomiti Nordicski. Das Pendant zum alpinen Dolomiti-Superski-Karussell ist der größte Langlaufverbund Europas mit mehr als 1300 Loipenkilometern in Osttirol, Südtirol, Friaul und Venetien. Mit einer Wochenkarte (34 Euro) kann man das gesamte Loipennetz und ebenso die Skibusse benutzen.

Weil wir unbedingt einen Abstecher ins Fischleintal unternehmen wollen, absolvieren einige die sieben Kilometer von Innichen nach Moos mit dem Bus. Unser Marathonmann nimmt natürlich die Loipe, Ehrensache. Je weiter man ins stille, autofreie Tal hineinläuft, umso näher rücken die Sextener Dolomiten. Das Rotwandmassiv hebt sich vor dem azurblauen Himmel ab, der Schnee glitzert in der Sonne und der Kaiserschmarren im Rifugio Fondo Valle am Talschluss schmeckt einfach göttlich. Eine Steigerung des Ganzen scheint ausgeschlossen. Lohnt es also überhaupt, sich weiter abzurackern?

Durchaus, versichert Eugenio, Chef der Toblacher Langlaufschule, der am Abend freundlicherweise unsere Skier wachst. Die nächste Etappe von Toblach nach Cortina könne es durchaus mit dem Fischleintal aufnehmen, sagt der Profi.

Er behält recht. Die 35 Kilometer lange Strecke verläuft auf der stillgelegten Trasse der Dolomitenbahn. Viadukte, kurze Tunnel, einst schmucke, heute halb verwitterte Bahnhäuschen wie aus dem Modellbaukasten – den Eisenbahn-Nostalgikern unter den Langläufern wird trotz Minustemperaturen wahrscheinlich ganz warm ums Herz. Für alle anderen ist das grandiose Panorama der Ampezzaner Dolomiten eindeutig der Höhepunkt. Der Blick auf die Drei Zinnen und den Monte Cristallo ändert sich von Kilometer zu Kilometer, je nach Blickwinkel und Tageszeit. Die regionale Hochglanzbroschüre nennt diesen Anblick atemberaubend – was die Langläufer allerdings eher auf die Anstiege zurückführen.

Es geht vorbei am zugefrorenen Toblacher See und durch das Höhlensteintal. Ein kurzer Espresso-Stopp beim Gasthof „Dreizinnenblick“. Die Wirtin wettert, die Loipe nutze ihren Grund und Boden, als Entschädigung gebe es jedoch lediglich ein paar läppische Säcke Kunstdünger. Die Langläufer, indirekt gleichfalls gescholten, schauen, dass sie fix wieder auf die Bretter in Richtung Schluderbach und schließlich nach Cortina kommen.

Die Stadt, die sich selbstbewusst „Königin der Dolomiten“ nennt, kultiviert den Glanz vergangener Tage. Im Eislaufstadion, in Cafés und Hotels hängen die Schwarzweiß-Fotos der Olympischen Spiele 1956, auch vom 2009 verstorbenen Toni Sailer (der „schwarze Blitz aus Kitz“), der dreimal Gold gewann. Zwar bleibt am nächsten Morgen etwas Zeit, sich in der Stadt umzuschauen. Doch zwischen all den schicken Geschäften, den Pelzmänteln und den vereinzelten Schoßhündchen mit Pantoffeln an den Pfoten, fühlt sich der Langläufer deplatziert. Uns zieht’s wieder in die Loipe, diesmal zum Tre Croci-Pass unterhalb der Cristallo Gruppe. Nach vier Tagen auf den Brettern sind wir „eingelaufen“ – voll fit für die Fußgängerzonen zu Hause.

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