Reise : Die Stunde der Bootsfahrer

Der Nil ist der zweitlängste Fluss der Erde. Sein Quellgebiet in Uganda schafft manchen Job

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Für den kleinen Fang. Mit etwas größeren Nachen werden Touristen gern zu den Nilinseln gefahren. Foto: mauritius images
Für den kleinen Fang. Mit etwas größeren Nachen werden Touristen gern zu den Nilinseln gefahren. Foto: mauritius imagesFoto: mauritius images

„Nile Mile Zero“ verheißt ein Wegweiser am Fußpfad zum nahen Seeufer, und folglich kann den Msungu, wie in Uganda die Ausländer genannt werden, nichts mehr halten. Ganz so schnell wie gewünscht gelangt man jedoch nicht an jene Stelle, an der der englische Forscher Captain John Henning Speke 1862 das Quellgebiet des Victoria-Nils entdeckt hat.

Souvenirhändler, die neben Masken und Trommeln Holzschnitzerarbeiten, darunter vor allem Tiere wie Flusspferde und Elefanten, anbieten, locken den Besucher zu ihren Ständen. Einige Meter weiter richten junge, traditionell gekleidete Mädchen und Trommler der Soga-Ethnie ihre Augen erwartungsvoll auf den Ankömmling. Geschäftssinn kann man ihnen nicht absprechen: Auf einer Papptafel stehen die Preise für die einzelnen folkloristischen Einlagen, auch für den Einsatz von Fotoapparat und Kamera haben sie Tarife festgelegt.

Aber an diesem Sonntagmorgen ziehen die Nilquellen und der See, der als unabsehbare Wasserfläche weit im Süden mit dem Horizont verschmilzt, den Msungu magisch an. Damit schlägt die Stunde der Bootsfahrer, die sich darüber beklagen, dass heutzutage kaum noch jemand ihre Dienste in Anspruch nimmt und sie sich den Treibstoff für den Außenbordmotor kaum noch leisten könnten. Das erklärt dann auch den gesalzenen Preis, den sie für den Kurztrip auf die Mile-Zero-Insel am Westufer fordern müssen.

Wie so häufig in Afrika trifft man sich beim Verhandeln etwa in der Mitte, und diesmal dauert es nicht lange, da keine weitere Kundschaft zu sehen ist. Kurz darauf tuckert der überdachte Kahn zur kleinen Insel, auf der ein Monument den Beginn des mehr als 6600 Kilometer langen Stroms ankündigt. Von dort aus tritt der Quellfluss in den Victoriasee, verlässt ihn bei Jinja als Victoria-Nil, um den Kiogasee zu durchfließen, stürzt über die Murchison-Fälle und ergießt sich schließlich in den Albertsee.

Erneut durchpflügt das Ausflugsboot die Fluten, nähert sich den seichten Uferzonen, die von Wasserlilien, Papyrus und Wasserhyazinthen bewachsen sind. Schon nach wenigen Minuten fällt der Blick auf einen reglos in der Ufervegetation verharrenden, rund 1,50 Meter großen Schuhschnabel, einen grauen, eigenartigen Schreitvogel. Fischadler ziehen majestätisch ihre Kreise in der Luft. Ist der gemächlich im Wasser treibende dunkle, längliche Gegenstand vielleicht ein Krokodil? Von ihnen soll es hier mehr Exemplare geben, als den einheimischen Fischern lieb ist.

Als zweitgrößte Stadt Ugandas hat Jinja schon bessere Zeiten gekannt. Dort hat der wirtschaftliche Abschwung im Gefolge von über zwanzig Jahren Bürgerkrieg und Diktaturen unübersehbare Spuren des Zerfalls hinterlassen. Dank Nilquelle und Victoriasee konnte sich Jinja immerhin zu einem der beliebtesten Ausflugszentren des Landes entwickeln. Am westlichen Nilufer richtete man einen Aussichtspunkt ein. Das Open-Air-Restaurant bietet ein grandiosen Blick über die Stromschnellen. Beim Anblick der gewaltigen Kaskaden wird deutlich, dass der lebensspendende Nil, nach dem Amazonas zweitgrößter Strom, auch an seiner Wiege bereits riesige Dimensionen aufweist. Gerne verbringen Bewohner der Hauptstadt ihren Sonntagsausflug an dieser Stelle, vor allem die durch Handel zu Wohlstand gekommenen indischstämmigen Ugander mit ihren Familien bevölkern am Wochenende die Uferzonen, lassen sich ihr Picknick schmecken und knipsen eifrig.

Bald sieht sich der Msungu auch dort von jungen geschäftstüchtigen Männern umgeben. Sie deuten auf ihre am Ufer vertäuten Nachen und möchten den Touristen gleich dorthin lotsen – zu einem Ausflug auf eine der Nilinseln. Einen Außenbordmotor können sie sich nicht leisten, sie bewältigen die Fahrt mit Muskelkraft und Holzrudern, indem sie die verschiedenen Strömungen nahe der Steinschwellen geschickt ausnützen.

An den ufernahen Zonen hocken Fischer auf den Felsen und werfen ihre Angeln aus. An den sandigen Stränden vor den Dörfern trocknet schuppige Beute später auf Holzrosten.

An den Bugali-Fällen hingegen bieten schon seit einigen Jahren Rafting-Agenturen richtigen Nervenkitzel an. Die rund fünfzig Kilometer lange Fahrt in das Zentrum des Busoga-Landes dauert zwei Tage, übernachtet wird in Zelten auf Inseln, selbst ein eigener Koch gehört zur Crew. Wem das immer noch nicht genügt, hat die Möglichkeit, mit einem Bungee-Jump aus 44 Meter Höhe in das klare Nilwasser einzutauchen.

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