Reise : Die vergessenen Mönche

Wer Birma besucht, stellt fest, wie unsinnig ein Reiseboykott wäre

Gerd W. Seidemann

Alle reden von Tibet. Die buddhistischen Mönche und Nonnen von Myanmar hingegen sind anscheinend vergessen. Dabei wurde auch in Birma ein Wochen dauernder Aufstand Unterdrückter von den Regierenden niedergeknüppelt. Das ist noch gar nicht lange her: Im September/Oktober vergangenen Jahres war es. Wer heute durch das Land reist, spürt: Die Menschen kommen sich von der Welt verlassen vor. Vor allem Aufrufe an Touristen, nicht mehr nach Birma zu reisen, versteht keiner, der nicht mit dem herrschenden Militär verbandelt ist.

Myanmar, wie Birma seit 1989 von der Junta genannt wird, ist unwichtig geworden. Es stehen hier schließlich auch keine Olympischen Spiele an. Und von der Institution Dalai Lama, dem prominentesten aller Buddhisten, können seine Glaubensbrüder derzeit auch kaum Fürsprache erwarten. Das spirituelle Oberhaupt der Tibeter hat im Frühjahr 2008 eine andere Schlacht zu schlagen. Die Auswirkungen der Abkehr des westlichen Auslands, die Hinwendung zu neuen Schlagzeilen zeigt jedoch Wirkung. Unter dem Ausbleiben der Besucher leiden vor allem die, die ihr karges Leben bei Einkünften von einem Dollar pro Tag mit dem Geld von Touristen wenigstens ein wenig erträglicher gestalten könnten. Auch den Mönchen wäre es wichtig zu erfahren, dass ihre Situation und die des Landes von der Welt nicht vergessen ist.

Birma ist keine Wirtschaftsmacht, mit der sich Europa und die USA gut stellen müssten. Das heißt: Die Militärjunta in Birma kann man ruhig verärgern, ohne dass Ungemach für die eigene Wirtschaft droht. Außerdem: Wer mit dem Finger auf Birmas ominöse Knallchargen in Uniform zeigt und zum Boykott aufruft, darf sich als Wahrer der Menschenrechte feiern lassen. Nur: Denkt jemand an die Menschen in dem Land? Dort leben immerhin mehr als halb so viele wie in Deutschland auf nahezu doppelt so großer Fläche. Birma ist also kein Zwergstaat. Und das Land hat zudem nicht nur menschliches, sondern auch wirtschaftliches Potenzial: Bodenschätze. Erdgas, Erdöl, Edelsteine. Das alles darf die Junta in Seelenruhe verkaufen und die Erlöse zum größten Teil in die eigenen Taschen scheffeln. China nimmt dankend alles ab. Bedenken wegen missachteter Menschenrechte fallen in Peking bekanntlich nicht so ins Gewicht. „Doch durch sein Verhalten trifft der Westen nicht die Militärs, sondern die einfachen Menschen in Birma“, sagt ein deutscher Geschäftsmann, der seit zwölf Jahren in der Hauptstadt Yangon lebt. Die lokalen Guides, die kleinen Taxifahrer, die Postkartenverkäufer, die Kofferträger und Zimmermädchen, die wegen schlecht ausgelasteter Hotels kaum Arbeit bekommen. Getroffen werden letztlich auch die Mönche, die schließlich aus der Reisschüssel der Massen jeden Tag mitessen.

Den vielfach gehörten Spruch „Vom Tourismus profitieren vor allem die Militärs“ widerlegt die Wirklichkeit. Den Machthabern ist der Tourismus aus ökonomischer Sicht ziemlich gleichgültig. Sie generieren ihr Einkommen schließlich vornehmlich aus anderen Quellen: dem Handel mit China, dem Plündern der Bodenschätze und – so wird zumindest gemutmaßt – dem Drogenhandel. Tourismus bringt da vergleichsweise kleines Geld, Besucher sind eher lästig, bedeuten häufig Sand im Getriebe des Unterdrückungsmechanismus.

Gleichwohl: Birma hat ein innenpolitisches Problem. „Es gibt in diesem Vielvölkerstaat, vergleichbar mit Jugoslawien vor 1990, ethnische Gruppierungen, die sich nicht ausstehen können“, sagt ein Schweizer Hotelmanager. Dass die Militärjunta mit ihrem Unterdrückungsapparat jedweden Protest brutal im Keim ersticke, sei einerseits furchtbar. „Andererseits braucht das Land eine feste Hand, sonst droht ein Bürgerkrieg.“ Dass „die Lady“, wie Birmas unter Hausarrest stehende Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi genannt wird, das Land führen könne, werde allgemein bezweifelt.

Während die Militärs in Deckung bleiben, sich kaum öffentlich zeigen, das Land jedoch mit einem Spitzelnetz überzogen haben, leidet die Bevölkerung. „Bleiben die Besucher auch künftig aus, reibt sich die Junta die Hände“, sagt der deutsche Geschäftsmann in Yangon. „Für die Bevölkerung wäre das eine Katastrophe.“

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