Reise : Die wunderbare Stille

Bei Touren im Müritz-Nationalpark kann sich der Gast schön einsam fühlen. Doch was, wenn er nach dem Weg fragen muss?

Dolores Kummer

Der Geruch ist satt und süß, eine Mischung aus wildem Klee, Veilchen und feuchtem Waldboden. Sonnenstrahlen kitzeln über einen verwunschenen See. Der „Faule Ort“ ist nicht einfach zu finden und man kann sich schon mal verfahren, wenn man hier mit dem Rad unterwegs ist. Dabei sind die Schilder doch ganz eindeutig. Alles kinderleicht auf den Wegen durch den Müritz-Nationalpark. „Ein über 650 Kilometer gut ausgebautes Rad- und Wanderwegenetz.“ So steht es jedenfalls im Reiseführer. Doch der Müritz-Nationalpark ist 322 Quadratkilometer groß und es gibt Orte, wo es richtig einsam ist. Schön, aber es ist einfach niemand da, den man fragen könnte.

Der „Faule Ort“ – mit einer kleinen Waldwiese, so richtig zum Faulsein. Der See heißt Hofsee, ein sogenannter Verlandungssee. Erst vor rund zweihundert Jahren, als sich der Wasserspiegel durch den Ausbau der Schifffahrtswege senkte, entstanden aus einem See drei kleine. Am Ufer steht ein malerisches Bauerngehöft, hier kamen und gingen schon so einige: Bauern, Pächter, Förster, Studenten, Staatsjäger und wieder Studenten, derzeit der Zoologie.

Doch noch sind keine Semesterferien und so ist es wunderbar still. Zwei Zitronenfalter flattern spielend über eine Rabatte knallgelber Sumpfdotterblumen, dicke Moorfrösche quaken dazu ein sehnsüchtiges Lied. Allein mehr als dreihundert Arten Schmetterlinge soll es hier geben – und das Baden ist strengstens verboten. Wäre auch nicht so angenehm, weil es doch sehr sumpfig ist. Radelt man weiter, vorbei am Priesterbäker See, durch den Wald und biegt nun bergan auf den Weg des „Schwarzen Wildschweins“, muss man ganz schön strampeln, weit hinauf zum Käflingsberg. Vor ein paar Jahren hat die Telekom hier einen Turm gebaut, der nun auch als Aussichtsturm und Brandwache genutzt wird. Der Aufstieg ist mühsam, der Turm scheint zu schwanken, doch nach 167 Stufen wartet die Belohnung mit einem wundervollen Blick bis über die Müritz: 21 Kilometer von Nord nach Süd, 18 Kilometer von Ost nach West. Der größte Binnensee in Deutschland. Das Wasser sei sauberer geworden in den vergangenen Jahren, sagen die Fischer. Doch manchem Fisch, wie etwa dem Zander, hat es besser im Dunklen gefallen, er zieht sich zurück. Trotzdem gibt es noch reichlich Aale, Karpfen und Schleie. Der Nationalpark hat mehr als 100 Seen, die größer sind als ein Hektar. Wer mag, kann auch selbst zur Angel greifen. Dort, wo es erlaubt ist. Zum Beispiel an den Anglerteichen in Boek oder am Fischlehrpfad an der „Bolter Schleuse“, am südlichen Ausgang des Nationalparks. Wer aus Richtung Mirow mit dem Kanu über den Woterfitzsee heraufkommt, muss sein Boot hier über die Straße zum Bolter Kanal tragen. Dort kann man auch Kajaks oder Motorboote mieten und auf die Müritz hinausschippern.

Der Radler aber folgt dem „Grünen Eichenblatt“ und kommt ins kleine Dörfchen Speck. Im Mittelalter stand hier ein kleines Wirtshaus, mitten im Wald. Jetzt ist es ein verlassener Ort mit einem leerstehenden Schloss im Berchtesgadener Landhausstil, einer kleinen Kirche und ein paar Wohnhäusern. Einkehren kann man hier nicht. Der Staatsrat und Verleger Kurt Hermann, ein Jagdfreund von Hermann Göring, errichtete 1929 einen stattlichen Jagdsitz. Später gehörten ihm der „Faule Ort“, Federow, Schwarzenhof und der Röbelsche Wold. Er ließ 7000 Hektar einzäunen und hielt hier nicht nur einheimische, sondern auch zahlreiche exotische Wildtiere, die ab und an auch ausbüxten, wie man sich noch heute hier erzählt. Nach 1945 beherbergte das Anwesen erst die sowjetische Kommandantur, dann die Forstverwaltung, später ein Erholungsheim für Polizisten und dann für Generäle der Nationalen Volksarmee. Mitte der 90er Jahre wurde das Gelände verkauft. Seither hat keiner das prächtige Jagdschloss mit seinen steinernen Ebern wieder betreten, hinter einem Eisenzaun gammelt es vor sich hin.

Die Tour geht weiter, immer auf dem Weg des „Roten Hirschen“. Nun wird der Feldweg doch recht sandig und man muss immer wieder mal absteigen. Rechts der Waldrand, links der Specker See und davor ein riesiger Schilfgürtel, aus dem es dumpf wie aus einer alten Hupe dröhnt. Wer den Singsang der Rohrdommel nicht kennt, vermutet irgendwo einen gigantischen Hohlkörper. Doch der Vogel ist kaum größer als eine Ente. Eine Erklärung für die ungewöhnlichen Balzlaute des Mohrochsen, wie er im Volksmund heißt, hat eine Mecklenburger Sage parat: Demnach ist die Rohrdommel ein vom Pfarrer verwunschener Säufer der, auf ewig verdammt, rufen muss: „N’ Rum, n’ Rum, n’ Rum“.

Nun selbst etwas durstig und auch hungrig geworden, findet man Labung im Panoramarestaurant des Hotels „Kranichrast“ in Schwarzenhof. Bei den vielen regionalen Spezialitäten wie Sellerieschnitzel, Aal grün oder Wildschweinbraten mit Preiselbeeren fällt die Auswahl nicht leicht und es macht Spaß, mal etwas Neues auszuprobieren. In Schwarzenhof hat man auch einen hervorragenden Blick auf die in den Wald geschlagene Schneise mit den Hochspannungsleitungen. Seit Jahrzehnten brütet hier der Fischadler, das Wappentier des Nationalparks. In diesem Frühjahr sind elf Masten belegt. Da Fischadler zu ihren Beutezügen nicht sehr weit fliegen, kann man hier mit ziemlicher Sicherheit die eleganten Vögel sehen. Wer noch näher ran will, darf sogar in ein Nest schauen. Auf einem der Horste ist eine Kamera installiert, der Bildschirm dazu steht vier Kilometer nördlich in Federow, wo man übrigens auch Fahrräder ausleihen kann und einen guten Kaffee bekommt.

Auf dem Weg der „Blauen Müritz“ in Richtung Süden erreicht man bald den Röbelschen Wold. Nicht zu verwechseln mit einem Wald. Das könnte bös’ enden. Der Wold kennt keine Baumkronen, es ist ein gefährlicher Sumpf. Hier ist ein Zirpen, Quaken und Tschilpen. Das Schilfgras ist meterhoch, dazwischen abgebrochene Birkenstämme, die im Wasser stehen, an den Rändern duftet es nach frischer Minze und Morast. Kleinere Trampelpfade führen immer wieder ab ins Nirgendwo. Doch Vorsicht! Versucht man wirklich in Richtung Müritz abzubiegen, stößt man sehr schnell an Grenzen. Der Boden wird weich, knietsch, knatsch, plopp ist der ganze Fuß verschwunden. Er kommt schön schwarz wieder zum Vorschein (wenn man Glück hat). Nichts wie raus hier und zurück auf den Dammweg. Dort ist es sicher und es gibt sogar zwei Vogelbeobachtungstürme, die einen guten Überblick verschaffen. Der Sumpf ist riesig und wunderbar still. Am Horizont glitzert das Wasser der Müritz. Die Sonne flirrt über die bleichen Schilfinseln, nur ein paar Kraniche fliegen trompetend in Richtung Norden, eine Rohrweihe streicht über die Birken.

Kein Auto, kein Flugzeug, keine Bahn, so viel Ruhe gibt es kaum noch in Deutschland. Hinter dem Warener Schlamm kommt der Boeker Schlamm. Auf einer Insel stehen ein paar verwilderte Apfelbäume, daneben liegen Betonplatten, Teile einer Straße sind zu erkennen. Hier wohnte mal jemand. Und das ist gar nicht so lange her. Der Ministerratsvorsitzende der DDR hatte sich hier eine Jagdresidenz angelegt.

Willi Stoph war ein fanatischer Trophäensammler. Er ließ Rothirsche dopen, damit die Geweihe stattlicher wachsen, hatte eine Spezialwerkstatt zur Präparation und baggerte einen breiten Kanal bis zur Müritz aus. Als nach der Wende das Anwesen entdeckt wurde, war man schockiert. Stoph wurde wegen des Verdachts auf Korruption und Veruntreuung von Volkseigentum vor Gericht gestellt, die Gebäude abgerissen.

Weiter südlich geht es vorbei am „Boeker Sender“, er hat seit dem Krieg nichts mehr mit seinem Namen zu tun und ist nur noch die Ansammlung einiger Häuser. Beim „Roten Fliegenpilz“ geht es wieder zum „Faulen Ort“, folgt man der „Blauen Müritz“, kommt man zur Bolter Schleuse. Sie können aber auch den „Gelben Sperber“ zur Boeker Bucht nehmen oder über den Amalienhof zu den Fischteichen fahren.

Auf jeden Fall sollten bei einer Tour durch den Müritz-Nationalpark Wanderkarte, Wasser und eventuell ein Müsliriegel als Wegzehrung nicht fehlen. Die sandigen und sumpfigen Wege haben es in sich, da braucht man Kalorien. Es könnte aber auch passieren, dass man in dieser Landschaft einfach die Zeit vergisst.

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