Reise : Dieser verführerische Süden

An Italiens Amalfiküste wird Vietri sul Mare oft links liegen gelassen. Dabei ist der Ort wie ein begehbares Bilderbuch.

Die Kunst der Italiener ist vielfältig, auch jene, einfach nur „bella figura“ zu machen.
Die Kunst der Italiener ist vielfältig, auch jene, einfach nur „bella figura“ zu machen.Foto: Inge Ahrens

Kurz vor dem Eintauchen in Vietri sul Mare wird der Besucher angemessen begrüßt. Auf einer Balustrade an der Straße steht eine Galerie fantasievoller Keramiktöpfe mit Gesichtern. In den Gefäßen wachsen dicke stachlige Kakteen und Sukkulenten. Darunter, und steil über dem Meer an der Villa Carosino gelegen, schlängelt sich ein Wasserfall vielfarbig glänzender Treppenläufe durch Vietris Stadtgarten bis hinunter zu einer Arena. Bunte Fliesen schmücken auch das Freilufttheater, in dem sommers musiziert wird. Unwillkürlich drängt sich ein Vergleich auf – mit Antoni Gaudís Künsten in Barcelonas Parque Güell. Doch dieses ist Vietris verheißungsvolle Visitenkarte. Herzlich willkommen in Kampaniens Stadt der Keramik an der Amalfiküste!

Vietri sul Mare schlummert in seinen Künsten. Von Amalfi-Touristen wird das Küstenstädtchen mit seinen gerade mal 8200 Bewohnern gern übersehen, denn Glamour sucht man vergeblich. Stattdessen taucht der Gast in eine Art begehbares keramisches Bilderbuch ein. Häuser, Höfe, Brunnen und Straßen sind mit Fliesen verziert, auf denen Früchte prangen und Tiere springen oder Menschen das Korn einbringen, den Fisch einholen. In jedem zweiten Laden am Corso Umberto häufen sich Teller und Schalen aus den hiesigen Keramikwerkstätten. Kauft mich!, signalisieren sie. Kitsch und Kunst liegen dicht beieinander in Vietri. In den naiven Motiven kann man jedoch die alte Zeit kennenlernen. Und auch ein paar deutsche Künstler. Die Menschen in Vietri lebten schon im Mittelalter von ihren Keramiken.

Zitronengelb steht der Palazzo Suriano steil am Hang. Einer von vielen Palästen aus einer prachtvollen Zeit, der unlängst renoviert wurde und wo Besucher hochherrschaftlich unterkommen. Wer im Garten von Vietris schönster Schlafstatt inmitten von Orangen und Zitronen steht, schaut Richtung Salerno, das glitzernd wie zum Greifen nah am gleichnamigen Golf liegt. Vietri zieht sich bis hinauf in die Berge, die Monti Lattari. Aus dem Dächergewirr ragt schimmernd die Majolikakuppel von San Giovanni Battista auf. Genauso wie die uralten Boden- und Wandfliesen im Palazzo Suriano, auf denen kleine Vögel Blüten im Schnabel tragen und Meerjungfrauen durch eine grüne See schwimmen, wurde auch das Dach der Pfarrkirche von Keramikern aus Vietri geschaffen.

Von Norden nach Süden, vom Örtchen Molina her kommend und zum Meer hinaus stürzt der Fluss Bonea talwärts durchs Städtchen. Lange schickte er sein Wasser auf die Mühlen der Keramikfabriken, bis eine Mure 1954 alles fortriss: die Mühlen, die Menschen am Ufer und auch den romantischen kleinen Hafen, an dessen Stelle sich seitdem der Sandstrand ausbreitet. Der Fluss ist längst befestigt, doch das Unglück war eine Zäsur für den romantischen Ort am Eingang der Amalfiküste. Für Pietro Amos teilt sich Vietris Geschichte in ein Vorher und ein Nachher. Der Grafiker ist ein großer Kenner der vietrischen Keramik. Seine Mutter Marianne war 1930 aus der Schweiz gekommen, um hier als Keramikerin zu arbeiten. Pietro ist 1941 in Vietri geboren.

Wie Marianne Amos, so strömten in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts viele deutschsprachige Künstler und Intellektuelle in den Süden Italiens. Sonne und üppige Natur wirkten wie ein Sog. Leben und Arbeiten im ewigen Frühling. Vietris „deutsche Periode“ begann. Was die Keramik betrifft. Richard Dölker, der am Dessauer Bauhaus Malerei studiert hatte, kam zu Fuß aus Capri und landete in Vietri eher zufällig in einer der Keramikfabriken. Bald bemalte er Teller. Später bannte er seine Motive auch auf außergewöhnliche Batiken. Dölker folgten andere Künstler, wie Günter Stüdemann, Irene Kowaliska, Margarete Thewalt oder eben Marianne Amos. Insgesamt sollen es 40 gewesen sein. Ihre ganz eigene Darstellung von Mensch und Natur wie auch ihre Formen beeinflussten die traditionelle und einfache Keramik Vietris nachhaltig und verhalfen ihr zum Aufschwung. Die Keramikfabriken waren zu der Zeit nämlich nicht besonders angesehen.

„Was die Deutschen vorfanden, war eher simpel“, erinnert sich Pietro Amos. Die Farben Kobaltblau, Grün, Rosa, Hellblau und Gelb dominierten. Man malte Trauben oder Segelboote auf Gebrauchsgeschirr oder formte Kerzenleuchter. Freitags wurden die Brennöfen in den Werkstätten geheizt: „Die Verhältnisse waren schrecklich. Die Stadt wurde regelmäßig schwarz vom Ruß.“ Lange hasste Pietro die Keramik, zu oft musste er seiner Mutter in die Fabrik folgen und zuschauen, wie sie Gefäße drehte, bemalte und brannte. Heute ist er einer der wenigen Kenner der vietrischen Kultur. Besuchern rät er zum Besuch des Provinzmuseums für Keramik im Örtchen Raito, das zur Gemeinde Vietri gehört.

Die Villa Guariglia, die das Museum beherbergt, liegt malerisch am Hang in einem großen Garten und gleicht einer Schatzkammer. Von jahrhundertealten Scherben über die schönsten Stücke der deutschen Künstler bis zu Formen der Neuzeit kann man sich an Keramik kaum sattsehen. Kunsthandwerk, das seinen Namen verdient. Schenkungen und Sammlungen der Nachfahren vietrischer und deutscher Künstler bilden den Grundstock. Schaut man die Krüge und Schalen und die aus freier Hand geformten kleinen Skulpturen an, spürt man noch wie damals den Duft von Orangenblüten aufsteigen, der die Maler und Keramiker seit jeher an der Amalfiküste beflügelte. Sie kamen in den 1920er Jahren, und die meisten kehrten mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nach Hause zurück. Pietros Mutter blieb. „Sie hielt an der einmal gefassten Lebensphilosophie fest“, erzählt der Sohn.

Nach dem Museumsbesuch in Raito, einem kleinen Spaziergang durch den steilen Garten und ein paar Seufzern wegen des herrlichen Ausblicks, bleibt die Lust, durch Vietri zu wandern und einen neuen neugierigeren Blick auf die ausgestellte Keramik zu werfen. Und vor allem auch, die eine oder andere Werkstatt zu besuchen. Noch heute gibt es 38 große und kleine Manufakturen in Vietri. Die älteste ist Pinto. Das Haus ist vollständig mit rose-rot verwischten Fliesen bedeckt, auf denen Eselstreiber mit ihren Eseln zu sehen sind. Sie stammt schon aus dem 19. Jahrhundert. Die größte ist Solimene. Wie eine Welle aus tonfarbener Keramik steht sie unübersehbar an der sich den Berg hoch windenden Straße, die Vietri durchschlängelt. Ihre „Haut“ ist ein Puzzle aus tönernden Töpfen und hellblauen Tellern. Drinnen stehen mächtige Säulen haushoch wie Baumstämme, und die Halle im Erdgeschoss gleicht einer lebendigen Piazza. Drumherum wirken bis in luftige Höhen und im hellen Licht die Kunsthandwerker.

Der Gast steht vor Bergen von Keramik aller Couleur und Bemalung und mag sich nicht entscheiden: „Was ist jetzt schöner, die Schale mit den dicken Amalfizitronen und doch der Teller mit den blauen Tupfen?“ Im angrenzenden Schauraum sind die Kunstwerke längst verstorbener und berühmt gewordener Keramiker zu bewundern. 1955 ließ Vincenzo Solimene das extravagante Gebäude vom Architekten Polo Soleri bauen, der just mit seinem Wohnwagen vorbeikam. Jetzt haben seine zehn Kinder eine Arbeit fürs Leben, und Vietri ist seitdem um eine Attraktion reicher. Bestimmt 45 Keramikmanufakturen mit dem Zeichen „Made in Vietri“ gibt es noch.

Manche, wie Vietri Scotto, haben auf Capri, in Sorrent und Positano die herrlichsten Hotels und Restaurants mit ihren Fliesen beliefert. Einige Exemplare hätte man am liebsten auch im häuslichen Bad. Daria Scotto, die das von ihrem Vater vor 60 Jahren gegründete Unternehmen leitet, lebt im Bohemien-Stil in einem Palast mit verwunschenem Garten in Vietri, dessen Küche und Fußböden kostbare alte Fliesen zieren. Genauso wie im Palazzo Suriano, wo wir handgearbeitete Exemplare mit Sirenen finden, die im typischen vietrischen Grün gehalten sind. Die polnisch-deutsche Künstlerin Irene Kowaliska hat sie in den Zwanzigern gemacht.

Vietri ist nun wirklich eine Reise wert. Das wussten bereits die adligen Herren im 18. Jahrhundert, die das Küstenstädtchen auf ihrer Grand Tour besuchten. Man kann lauschige Strandferien machen und noch leibhaftige Vietresi treffen. Die Keramiker in ihren Ateliers freuen sich über wissensdurstige Gäste, und Musikinteressierte lauschen den Sommerkonzerten in Raito und Vietri. Im Hinterland duftet die mediterrane Macchia. Edelkastanien reifen und Oliven. Und da ist er wieder, dieser verführerische Süden. Aus den winzigen Gärten weht der kleine Wind vom Berg die Süße dicker Zitronen und Orangen geradewegs in die Nasen der Spaziergänger.

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