Dieter Nuhr : Österreich steht senkrecht

Seine Heimat Deutschland liebt er. Es gibt keine Bürgerkriege. Wie der Kabarettist Dieter Nuhr die Welt sieht.

Hella Kaiser

In bunten Hochglanzprospekten und phänomenalen Bildbänden kehren Länder ihre fotogensten Seiten hervor. Ist der Himmel grau, wird er am Computer blau gefärbt, stört eine Stromleitung oder ein Auto, wird beides wegretuschiert, und jeder Landschaftsausschnitt präsentiert sich in der herrlichstmöglichen Perspektive. Wunderschön sieht dann alles aus – und oft langweilig dazu. Der Kabarettist Dieter Nuhr dagegen zeigt die Welt, wie sie tatsächlich ist. Mit Ecken und Kanten, unaufgeräumt und verschattet, trostlos und zugleich doch so lebendig. In allen fünf Erdteilen hat er sich umgesehen und eine Fülle von Fotos mitgebracht. Etliche davon wurden nun, mit ironischen Kommentaren versehen, in einem Bildband versammelt.

„In Österreich steht die Landschaft häufig senkrecht“, schreibt Nuhr, und daneben sieht man graugrüne Gipfel und Schneeflecken auf felsigem Untergrund. Touristen sind hier nicht nur aufgrund der Semmelknödel überfordert. „Es ist immer nett mitanzusehen, wie nichtsahnende Flachländer mit der Seilbahn schwindelerregende Höhen erklimmen, um oben überrascht festzustellen, dass zwei Grad Lufttemperatur und Schneeregen kein geeignetes Umfeld für Flipflops und Spaghettitop sind.“ Im Iran – „man wird auf liebenswerte Menschen stoßen, vor allem aber auf Teppiche“ – fotografierte er einen lustigen Melonenberg auf Bananenkartons und einen Händler, der zwischen seiner Ware aus bunten Seidentüchern zu verschwinden droht. Ganz nah holt er die Zuckerbäckerbauten der jemenitischen Hauptstadt Sanaa mit seinem Teleobjektiv heran, so dass man staunen kann über all die abenteuerlich auf den Dächern verankerten Satellitenschüsseln und Wassertanks. Und China? „Man baut Hochhäuser mit Bambusgerüsten.“ Und flickt – so zeigen die aberwitzigen Fotos – mit Beton, Draht und Pappe zusammen, was in der Altstadt von Peking noch bis zum nächsten Baggereinsatz halten soll.

Mit seiner Heimat Deutschland geht Nuhr ganz liebevoll um. „Ich fühle mich wohl hier, weil die Menschen weitgehend darauf verzichten, Bürgerkriege zu veranstalten oder Regimegegner zu foltern“, bekennt er. Dazu zeigt er Fotos von leer stehenden Kasernen, irgendwo an einem Strand. Oder verlassene Fabrikareale, über die allmählich das Gras wächst. An einer Betonwand, hinter der nichts mehr lagert, prangt ein blankes Schild: absolutes Halteverbot.

Wer über die Welt wieder einmal schmunzeln will, wird dieses Buch ins Herz schließen. Hella Kaiser

Dieter Nuhr: Nuhr unterwegs. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, 142 Seiten, zahlreiche Fotos, 9,95 Euro

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