Reise : Durchgehend geöffnet

Mallorca kriselt und will zum Ganzjahresziel werden. Doch noch weiß niemand, wie das gelingen soll.

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Gedränge am Strand von S’Arenal wird es im Winter auf Mallorca wohl kaum jemals geben. Doch mehr Besucher wünschen sich die Inselherren auch in den „toten“ Monaten. Foto: dpa
Gedränge am Strand von S’Arenal wird es im Winter auf Mallorca wohl kaum jemals geben. Doch mehr Besucher wünschen sich die...Foto: picture-alliance/ dpa-tmn

Die Wende ist bald geschafft. Wenn der jüngste Trend anhält, werden die Spanier auf Mallorca bald eine Minderheit sein und der schon vor Jahren geforderte Anschluss der größten Baleareninsel an die Bundesrepublik als 17. Bundesland könnte Realität werden. Wirtschaftskrise und hohe Arbeitslosigkeit auf Mallorca führen nämlich dazu, dass immer mehr Einwohner ihr Glück in der Ferne zu suchen. Vor allem auch in Deutschland. Das untermauern die jüngsten Daten des spanischen Amts für Statistik.

Also gut, die Anschlussfrage stellt sich natürlich nicht. Doch dass es um die Lieblingsinsel der Deutschen trotz bester Buchungszahlen wirtschaftlich nicht besonders gut bestellt ist, wird von niemandem bestritten. Die Restrukturierungspläne für die Playa de Palma sind nach müdem Beginn zum Stillstand gekommen, die halbherzigen Bemühungen zur Saisonverlängerung haben bisher nicht gefruchtet, und jetzt klagen auch noch Kreuzfahrtunternehmen, dass außerhalb der Hochsaison ihre Passagiere oft eine „geschlossene“ Hauptstadt Palma vorfinden. Ob die seit Mitte vergangenen Jahres neu installierte konservative Balearenregierung entscheidende Veränderungen herbeiführen kann, darf bezweifelt werden.

Dass die öffentlichen Kassen nicht nur auf dem spanischen Festland, sondern auch auf der vom Tourismus verwöhnten Insel Mallorca leer sind, ist kein Geheimnis. Untrügliches Indiz dafür ist das Sterben einst hochfliegender Pläne: „Im Laufe der kommenden 15 Jahre soll die Playa de Palma wieder das werden, was sie einmal war: ein Referenzpunkt und Vorreiter in Sachen Tourismus.“ So hatte es im August 2006 der damalige spanische Tourismus- Staatssekretär Raimon Martinez Fraile bei der Präsentation eines Vorschlagsbündels formuliert und Investition von mehr als einer Milliarde Euro angekündigt.

Zur Erinnerung: Es war in der Tat Großes geplant. Tennis- und Spielplätze, Grünzonen, ein Freilufttheater, Rad- und Wanderwege, eine Straßenbahn, Parkplätze, eine Segelschule, ein Zentrum für Thalassotherapie – ehrgeizige und teure Pläne, die die Playa de Palma schicker und für alle Mallorca-Touristen attraktiver machen sollten. Die Vorschläge sparten kaum einen Bereich aus. Zusätzliche Abfahrten von der Autobahn sollten angelegt, ein Bootstransfer zur Hauptstadt Palma eingerichtet werden. Zum Flughafen hielt man einen Rad- und Fußweg für sinnvoll. Halbfertige, leer stehende oder vernachlässigte Hotels sollten ganz verschwinden, Licht, Luft und Sonne in den zum Teil arg verranzten Gassen sollte Touristen und Einwohnern gleichermaßen mehr Lebensqualität verschaffen.

Kaum waren jedoch die Vorstellungen – von Plänen konnte man ja nicht sprechen – auf dem Tisch, schon wurde Inselkennern klar: Das wird nichts. Denn die allmächtigen Bürgermeister der beteiligten Gemeinden legten sich gleich quer. Sie stellten sofort die Entschädigungsfrage. Denn wenn Hoteliers genötigt werden sollten, ihre oft maroden Häuser abzureißen, wer würde dafür zahlen? Die Gemeinden nicht, zumal sie durch das Ausdünnen der Hotellandschaft erhebliche Steuerausfälle zu beklagen hätten. Der Balerarenregierung trauten sie nicht, und die Ansage, das ferne Madrid werde die Schatullen öffnen, fanden sie absurd. Also blieb es bei immer seltener stattfindenden Sitzungen des für die Restrukturierung neu gebildeten Konsortiums. Zwei oder drei ohnehin völlig verrottete Hotels in dritter Reihe wurden abgerissen – und schon stand die Wirtschaftskrise vor der Tür. „Die Reform endet im Nichts“, titelte unlängst die katalanischsprachige Tageszeitung „Diari de Balears“.

Da hat es auch wenig geholfen, dass das dickste Standbein der mallorquinischen Wirtschaft, der Tourismus, zu höchster Blüte fand. Mallorca war in den Sommermonaten der vergangenen beiden Jahre quasi ausverkauft. Und private Investoren nehmen derzeit bis zu dreistellige Millionensummen in die Hand, um weitere, vor allem hochpreisige Hotelbetten zu bauen. „Das ist alles gut und schön“, sagt Álvaro Middelmann, Generaldirektor von Air Berlin für Spanien und Portugal, „doch es wird zu wenig dafür getan, dass Mallorca ein Ganzjahresziel wird.“ Die guten Hotels bemühten sich, ihre Häuser auch zwischen November und Februar geöffnet zu halten, doch die Touristen fänden es wenig charmant in diesen Monaten oft nur geschlossene Geschäfte, Restaurants und Bars zu finden, sagt der Airliner.

Jaime Martínez, Generaldirektor für Promotion beim Tourismusamt in Palma, lächelt etwas gequält, wenn er auf die Forderungen angesprochen wird. Die Tourismusbranche hatte sich viel von der neuen konservativen Regierung versprochen. Doch angesichts leerer Kassen werden vollmundige Ankündigungen wohl Sprechblasen bleiben. Man setze auf private Investoren, heißt es. Konkret könne man allerdings noch nicht werden. Um die Bereitschaft der Investoren zu erhöhen, seien Anreize in Form von Steuererleichterungen angedacht.

Um die „tote“ Jahreszeit zu beleben, soll ausgerechnet die Finanzkrise helfen. Einzelhandel und Restaurants in Palma etwa klagen nämlich über stark rückläufige Umsätze. Nun sollen neue Gesetze zur Flexibilisierung der Öffnungszeiten neuen Schwung bringen. Eine komplette Freigabe, wie jetzt für Madrid beschlossen, wird es wohl nicht geben. Doch wenn es gelänge, Mallorca ganzjährig attraktiv zu machen, bliebe sicher auch mancher Spanier seiner Insel treu.

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