Reise : Ein Bett im Schloss

Mecklenburg-Vorpommern ist reich an Burgen und Herrenhäusern. Viele sind schön restauriert – und für Gäste geöffnet

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Das „Hus von Ulrich“. Nach der Restaurierung gilt das Renaissance-Schloss Ulrichshusen in der Mecklenburgischen Schweiz als wahres Kleinod. Foto: TVMV
Das „Hus von Ulrich“. Nach der Restaurierung gilt das Renaissance-Schloss Ulrichshusen in der Mecklenburgischen Schweiz als wahres...

Ulrich von Maltzahn hatte einen guten Geschmack. In der weitläufigen Landschaft Mecklenburgs, zwischen Buchen und Wiesen an einem See gelegen, fand er auf einer Anhöhe den Platz seines Domizils. Nördlich von Waren und südlich vom Malchiner See ließ er 1562 das „Hus von Ulrich“ bauen, Schloss Ulrichshusen. Wie eine Burg von einem Wassergraben umgeben, erhebt sich das aus Feld- und Backsteinen gebaute Renaissanceschloss. Die Wahl seines neuen Wohnortes wird von Maltzahn damals sicher nicht bereut haben.

Die heutigen Schlossbewohner tun dies auf keinen Fall. „Diese Gegend ist wunderschön, wem es hier nicht gefällt, dem ist einfach nicht zu helfen“, sagt Alla von Maltzahn, die mit ihrem Mann Helmuth im früheren Torhaus des Schlosses wohnt. Im Haupthaus werden Gäste zu Schlossbewohnern, die in 19 Zimmern den Blick in den englischen Park und auf den Ulrichshusener See genießen. Direkt gegenüber, nur vom Wassergraben getrennt, klappern bei den ersten Sonnenstrahlen auf der großen Terrasse des Restaurants „Am Burggraben“ die Kuchengabeln auf den Tellern. Zahlreiche Gäste lassen es sich nach einem Spaziergang bei einer kleinen Stärkung gut gehen.

Doch nicht nur für den kulinarischen Genuss im ehemaligen Pferdestall ist gesorgt. Wenige Schritte entfernt stimmen sich in Sommertagen auch schon mal Musiker für ein Konzert in der alten Scheune ein. Zum Konzertsaal umgebaut, zählt diese mit zu den beliebtesten Spielstätten der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern (in diesem Jahr vom 10. Juni bis 11. September).

Die alten Mauern des repräsentativen Herrenhauses haben schon so einiges erlebt. Sechzig Jahre nach der Errichtung zerstört im frühen 17. Jahrhundert ein großes Feuer die Burg. Bernd-Ludolph von Maltzahn, Wallensteins Quartiermeister, baut das Schloss in nur zwei Jahren jedoch wieder auf. Ende des Dreißigjährigen Krieges fällt es vorübergehend in schwedischen Besitz, wird später allerdings wieder Eigentum der Familie von Maltzahn, die seit dem 12. Jahrhundert in Mecklenburg ansässig ist. Noch zwei weitere Male wechselt das Schloss in andere Hände. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kommen erst Flüchtlinge in Ulrichshusen unter, dann eröffnet eine Tanz- und Vergnügungsstätte, später ein Konsum und eine LPG-Küche. Im Jahr 1987 brennt das Schloss bis auf die Grundmauern nieder, die Ursache bleibt ungeklärt.

Als Helmuth von Maltzahn mit seiner Familie zum ersten Mal das Haus seiner Vorväter aufsucht, findet er eine Ruine vor. Der ehemalige Geschäftsführer des Kosmetikkonzerns Lancaster wusste sofort: Der alte Familiensitz muss wieder aufgebaut werden. Sein Ziel war, in der damals tristen Gegend ein kulturelles Kleinod zu schaffen. Die von Maltzahns erwerben 1993 das Gut und legen gleich los. „Jedes Wochenende und in den Sommerferien sind wir von Frankfurt am Main nach Ulrichshusen gekommen“, erinnert sich Alla von Maltzahn, die früher an einem Gymnasium Englisch und Geschichte unterrichtete. Die Menschen im Dorf seien anfangs skeptisch gewesen, packten aber später mit an.

Ein Jahr danach, als die Bauarbeiten im Schloss noch in vollem Gange sind, findet in der Scheune das erste Konzert statt. Yehudi Menuhin und das English Symphony Orchestra spielen zur Eröffnung. „Seither sind wir richtig ,verheiratet‘ mit den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern“, sagt Alla von Maltzahn, die immer in schöner Natur leben wollte. An ein Schloss und ein Hotel habe sie in ihren kühnsten Träumen nicht zu denken gewagt. Seit zehn Jahren steht Ulrichshusen nun wieder. Und die Schlossherren haben noch viel vor. Sie wollen ein paar mehr Gästezimmer einrichten und für Konzerte eine Freilichtbühne im Park bauen.

Geschichtsträchtige Anwesen gibt es in Mecklenburg-Vorpommern reichlich. Etwa 2000 Burgen, Klöster, Schlösser, Guts- und Herrenhäuser sollen es sein. So dicht sind diese Schätze in kaum einer anderen europäischen Region zu finden. Mehr als die Hälfte steht unter Denkmalschutz. Etliche der Schlösser und Gutshäuser wurden von Karl Friedrich Schinkel, preußischer „Oberlandesbaudirektor“ und damit Architekt des Könighauses, und seinen besten Schülern erbaut. Die Parklandschaften prägte besonders der Gartenkünstler und Landschaftsarchitekt Peter Joseph Lenné. Die bekannten Schlösser wie Schwerin, Güstrow oder Ludwigslust, in denen einst Herzöge residierten, werden heute unterschiedlich genutzt, können jedoch besichtigt werden. Und es werden immer mehr geschichtsträchtige Anwesen restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Oder sie präsentieren sich wie Ulrichshusen als Hotels und Restaurants.

Grund für die Vielzahl der Schlösser und Herrenhäuser ist einerseits die Spaltung der jeweiligen Herzogtümer. Bis 1701 ging in Mecklenburg die Erbfolge nicht allein auf den erstgeborenen Sohn über. Dieser musste seinen jüngeren Bruder an der Macht beteiligen. Das führte manches Mal zu heftigen Streitigkeiten, die eine Teilung des Landes zur Folge hatten. Anschließend brauchten die neuen Herren natürlich auch eine eigene Residenz. Andererseits waren Landesväter häufig durch Misswirtschaft, Prunksucht und zahlreiche Kriege verschuldet, so dass sie Güter veräußern mussten. Auf diese Weise kamen vermögende Grundbesitzer zu ansehnlichen Guts- und Herrenhäusern.

Als ältester weltlicher Bau überstand die Burg Stargard, östlich von Ulrichshusen nahe dem Tollensesee gelegen, die Jahrhunderte. Der beeindruckende Backsteinkoloss, der 1236 von den brandenburgischen Markgrafen gegründet wurde, fiel durch Heirat an Mecklenburg. Hier können Besucher heute im Hotel und Restaurant „Zur alten Münze“ ritterlich residieren und speisen.

Wer in der Gegend unterwegs ist, sollte sich die Gutsanlage Basedow, die zu den größten ihrer Art zählt, nicht entgehen lassen. Die alte Adelsfamilie von Hahn hatte hier länger als 600 Jahre ihren Stammsitz. Am Ufer des Malchiner Sees erhebt sich das heute nicht genutzte Schloss, an dessen zahlreichen Umbauten auch der preußische Hofbaumeister Friedrich August Stüler mitwirkte. Die Gestaltung des 200 Hektar großen Landschaftsparks zählt zu den Meisterwerken von Lenné. In einem alten Schafstall ist ein Steakrestaurant untergebracht, in dem es auch Informationen zu organisierten Schlossführungen gibt.

Gartenliebhaber zieht es unweigerlich zum Schloss Marihn zwischen Waren und Neubrandenburg. Das aufwendig sanierte Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert bildet den Mittelpunkt einer historischen Gutsanlage, zu der eine 30 Hektar große Gartenanlage gehört. Die Eigentümer Sonja und Horst Forytta haben ein Kunstwerk aus kulinarischen und duftenden Genüssen geschaffen. So wachsen neben Apfelbäumen, Beerensträuchern, verschiedenen Kräutern und Gemüsesorten auch Weinreben. Und vor allem – Rosen. Mehr als 8000 original englische Sorten, groß gezogen vom Züchter David Austen, zieren das Areal. Ein sinnliches Erlebnis und die ökologische Nutzung gehören für die neuen Bewohner im Garten untrennbar zusammen.

Rund zehn Jahre verbrachten die Foryttas in einem Landhaus bei Toulouse in Frankreich, wo sie eigentlich auch ihren Lebensabend verbringen wollten. Doch ein Kurzurlaub in Mecklenburg änderte ihre Pläne. Sie entdeckten das Schloss Marihn, kauften es 2005, sanierten das Anwesen und zogen um. Die Idee des französischen Bed & Breakfast, der Chambres d’Hôtes, haben sie hier umgesetzt. Sie bieten zwölf Gästen sechs exklusive Zimmer mit französischem Flair und eine regionale, den Jahreszeiten angepasste Küche mit frischen Lebensmitteln aus dem Garten. Der Schlossherr, dessen Garten 2009 Außenstelle der Bundesgartenschau in Schwerin war, hat zudem die „Gartenroute Mecklenburg-Vorpommern“ ins Leben gerufen, um die schönen Parks und Gärten der Region der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Mehr zu Schlössern in Mecklenburg- Vorpommern: auf der ITB in Halle 6.2 a

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