Reise : Ein Reiher sucht Gesellschaft

Auf einer Paddeltour im Seenland Oder-Spree kann man Natur in Stille genießen – und sich mit „Schnitzeln für Spitzel“ stärken

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Ohne Gegenverkehr. Wer in südbrandenburgischen Gewässern unterwegs ist, kann sie die meiste Zeit allein genießen. Foto: Ullstein-Schöning
Ohne Gegenverkehr. Wer in südbrandenburgischen Gewässern unterwegs ist, kann sie die meiste Zeit allein genießen. Foto:...Foto: ullstein bild - Schöning

Herrlich, diese Flusslandschaft! Alles ringsum ist saftig grün, wir paddeln ganz allein auf der Spree, nichts, was die Idylle stört. Wenn nur die Schleusen nicht wären! Die erste – vollautomatische – bei Beeskow haben wir ja noch spielend gemeistert. Da mussten wir nur aufpassen, genügend Abstand von den großen Motorbooten zu halten. Doch dann kommt die Herausforderung: eine Selbstbedienungsschleuse. Es sollte nicht die letzte sein auf der Paddeltour durch die südbrandenburgischen Gewässer.

Mein Begleiter steigt aus und schaut, was zu tun ist. Während er die unterschiedlichsten Hebel bewegt, sitze ich im Paddelboot und starre auf die etwas unheimlichen angerosteten Wände der Schleuse. Langsam schließt sich die Konstruktion, wie Tore zu einem finsteren Verließ. Bange Minuten vergehen, bis auch die richtigen Hebel gefunden sind, um das Wasser abzulassen und dann das andere Schleusentor wieder zu öffnen. Geschafft.

Die dritte Schleusenvariante begegnet uns bei Fürstenwalde. Weit und breit ist niemand zu sehen. Rätselraten, was zu tun ist. Schließlich noch mal ein hilfloser Blick auf die Karte – aha, eine Telefonnummer, ein Anruf, der Schlüssel zum Sesam-öffne-dich …

Kleine Abenteuer gehören dazu, wenn man sich auf die „Märkische Umfahrt“ begibt. Der Rundkurs auf Dahme und Spree ist wohl die Königstour unter den brandenburgischen Paddelrouten. Erkner, Königs Wusterhausen und der Naturpark Dahme-Heideseen liegen an der 180 Kilometer langen Strecke, außerdem Beeskow und Fürstenwalde. Normalerweise braucht man dafür elf Tage. „Sportliche Paddler schaffen es auch schneller“, sagt Daniela Häfner vom Tourismusverband Seenland Oder-Spree, der Kanuten bei der Organisation behilflich ist. „Aber man möchte ja auch die Landschaft genießen.“

Wer will, kann nicht nur einen Kajak oder ein offenes Kanu mieten, sondern auch die Übernachtungen in Hotels und Pensionen im Voraus buchen. „Wir richten uns nach den Wünschen der Gäste. Wenn sie nicht die ganze Tour machen wollen, bieten wir auch Teilstrecken an“, ergänzt die Expertin. Sie weiß, dass die „Märkische Umfahrt“ einige Kondition erfordert. Wer nicht sicher ist, ob er die ganze Strecke durchhält, probiert es besser mit einer zwei- oder dreitägigen Schnuppertour.

Guter Einstiegspunkt ist der Spreepark in Beeskow, wo es nicht nur den Bootsvermieter und Outdoor-Spezialisten Albatros gibt, sondern auch einen Zeltplatz und andere Unterkunftsmöglichkeiten am Wasser. „Viele reisen am Vortag an und lassen sich von uns einweisen, bevor sie am nächsten Morgen in die Boote steigen“, erklärt Mike Dittrich von Albatros. Er versorgt uns mit Kartenmaterial und einer wasserdichten Tonne für Wertgegenstände. Noch ein paar nützliche Hinweise, schon geht’s los. An Gartengrundstücken und der Spreeinsel vorbei gleiten wir in Richtung Radinkendorf. Kaum haben wir die letzten Häuser hinter uns gelassen, scheint die Zivilisation meilenweit entfernt. Hier und da liegt ein Boot im Wasser, am Ufer sitzen Angler, ab und zu grüßt ein entgegenkommender Freizeitkapitän. Dazu das Plitsch-Platsch der Paddel, die wir bald ganz synchron durchs Wasser ziehen.

Zwischendurch halten wir immer wieder inne und lassen die Stille auf uns wirken. Die Stille? Nein, Vogelgezwitscher. Ein ganzer Klangteppich von Vogelstimmen liegt über dem Wasser. Nur den Kuckuck können wir identifizieren und vielleicht noch den Drosselrohrsänger, der gerade Balzzeit hat und sich laut aus dem Schilf bemerkbar macht.

Die Kilometer machen sich bemerkbar – in unseren Muskeln. Am Abend zwickt es im Nacken-Schulter-Bereich, die Arme sind lahm, die Hände leicht geschwollen. Jedenfalls sind wir froh, in Neubrück in der Ferienwohnung von Familie Fischer unterzukommen und nehmen dafür in Kauf, dass das gastronomische Angebot am Ort ziemlich beschränkt ist. Nur Bouletten, Soljanka oder Würstchen sind im Eiscafé zu bestellen, das gleich neben der neuen Brücke liegt. Dass wir es hier dann doch erstaunlich lange aushalten, liegt wohl an der schönen Holzterrasse am Wasser.

Bemerkenswert auch ist der Besuch im „Forsthaus an der Spree“, das ein Stück weiter bei Briesen am Ufer liegt. Wer würde vermuten, dass in dem Anwesen aus dem 18. Jahrhundert vor 30 Jahren westdeutsche RAF-Terroristen unterkamen? Anja Stiegemann, Chefin im Forsthaus, hat herausgefunden, dass unter anderen Ralf Baptist Friedrich, Sigrid Sternebeck, Susanne Albrecht, Silke Maier-Witt, Monika Helbing und Ekkehard von Seckendorff – später auch Henning Beer und Inge Viett – im „Objekt 74“ der Staatssicherheit auf das Leben in ihrer neuen Heimat vorbereitet wurden, nachdem sie sich in die DDR abgesetzt hatten. Viel Aufhebens will die Hausherrin darum aber nicht machen. „Ja, gut, ich könnte natürlich sagen, Zimmer drei war das von Inge Viett oder von Susanne Albrecht. Aber das fände ich albern“, winkt die Sozialpädagogin ab. Nur schade, dass sie die holzgetäfelte Kellerbar mit schalldichter Tür, die einst konspirativen Treffen diente, der Öffentlichkeit vorenthält.

Gestärkt mit Schollenfilet und „Schnitzel für den Spitzel“ machen wir uns auf den Weg nach Fürstenwalde. Die Etappe über Berkenbrück, wo Wasserwanderer gern auf der großen Terrasse des „Strandidyll“ direkt an der Spree eine Kaffeepause einlegen, ist längst nicht mehr so schön. Viel breiter ist der jetzt folgende Oder-Spree-Kanal, wo es allerdings mitunter auch Schiffsverkehr gibt.

Überhaupt bietet die „Märkische Umfahrt“ nicht nur idyllische Naturerlebnisse. Schon gar nicht bei der Einfahrt nach Fürstenwalde. Die Stadt begrüßt den Wassersportler mit einem Geruch, der an Fritten erinnert: die Duftmarke eines Futtermittelherstellers, dessen Silos und Kräne das Spreeufer säumen. Schöner ist es da schon beim Ruderclub, wo wir gegen Abend von Bord gehen. „Beim Ruderclub soll sich noch einiges ändern, der wird weiter ausgebaut für Wasserwanderer“, weiß Eckhard Fehse, Vorsitzender des Tourismusvereins Seenland Oder-Spree. Mit der Entwicklung der Stadt ist er indessen recht zufrieden. Nach dem Besuch des sehenswerten Doms, der durch einen originellen, gläsernen Einbau vielfältig genutzt werden kann, hat man hier wenig Lust zum Flanieren.

Auch, weil uns auf dem Wasser jetzt einer der schönsten Abschnitte der Tour bevorsteht. Nach ein paar Kilometern zweigt an der sogenannten Großen Tränke die Müggelspree ab, die naturbelassener ist als der Oder-Spree-Kanal. Mal säumen dichte, bis zu drei Meter hohe Schilfgürtel die Ufer, mal majestätische Eichen und Buchen. Hier und da liegt auch ein umgefallener Baumstamm. Und wieder begleitet uns ein Graureiher. Sitzt irgendwo auf einem Ast, schwingt sich beim Näherkommen elegant in die Höhe und schwebt ein Stück weiter, um sich wieder auf einem Baumstumpf niederzulassen. So ganz auf Gesellschaft verzichten möchte er anscheinend nicht. Obwohl er fast immer allein auftritt. Ganz anders als die Libellen, die uns in Scharen umschwirren.

Immer wieder entdecken wir die Spuren der Biber. Am Ufer haben sie tiefe Erdlöcher gebohrt und unzählige Baumstämme umgelegt. Doch zu Gesicht bekommen wir die scheuen Tiere nicht. Auch Menschen sieht man selten. Während sich auf den Gewässern im Norden Brandenburgs, rund um Fürstenberg, Paddler und Motorbootfahrer nur so drängeln – auf der „Märkischen Umfahrt“ kann der Paddler Einsamkeit genießen.

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