Ein Wiedersehen mit der "Berlin" : Charme vergeht nicht

Das einstige Traumschiff „Berlin“ sticht wieder in See. Maximal 456 Passagiere finden Platz – da braucht niemand zu fremdeln.

Verena Wolff
Schnittiger Oldtimer. Die „FTI Berlin“ – hier vor Venedig – sieht im Gegensatz zur modernen Konkurrenz noch wie ein Schiff aus.
Schnittiger Oldtimer. Die „FTI Berlin“ – hier vor Venedig – sieht im Gegensatz zur modernen Konkurrenz noch wie ein Schiff aus.Foto: promo

Es herrscht Stau auf dem A-Deck der „FTI Berlin“. Dort, wo an der Rezeption nach dem Einschiffen die Gäste begrüßt werden, wo sie an der gut gesicherten Tür bei Landgängen von Bord gehen. Es staut sich allerdings nicht, weil das Schiff in einem Hafen angelegt hat und die Passagiere warten, um an Land zu kommen. Es ist kurz vor Mitternacht. Gleich öffnen die Türen zum Hauptrestaurant: Zeit für das „Buffet Magnifique“.

Die Damen und Herren Schiffsreisenden, die meisten im besten Rentenalter, beäugen die Menschen um sich herum wachsam. Vordrängeln soll sich schließlich niemand und am Ende noch den besten Blick auf das Mitternachtsbuffet erhaschen. Viele Passagiere halten schon ihren Fotoapparat im Anschlag, einige haben sogar eine Videokamera mitgebracht. Dann öffnen sich die Türen.

Drinnen: Speisen in den interessantesten Farben und Formen. Und die versammelte Restaurantcrew hinter Buffet-Tischen. Ananas, geformt wie ein Alligator, Apfelschnitze, arrangiert wie kleine Schwäne. Sülzen und Süßspeisen, Fingerfood in Variationen – und Fleisch, reichlich Fleisch. Ein gegrillter Truthahn, dessen Keulen senkrecht in die Luft ragen. Kalter Aufschnitt, dekorativ angerichtet auf verspiegelten Platten. Obst, Gemüse, Schokolade. Nichts, was es nicht gibt auf dem Buffet – knapp zwei Stunden, nachdem das reguläre Abendessen endete.

Und die Gäste sind beeindruckt, zumindest eine Viertelstunde lang. Dann haben sie alles in Augenschein genommen und abgelichtet, der Restaurantchef hat das Buffet eröffnet – und das sechste Mahl an diesem Tag kann beginnen. Oder das erste des Folgetages. Denn eines ist klar auf der „FTI Berlin“: Für eine Diät ist dies der falsche Ort.

Das ist auf Kreuzfahrtschiffen nicht unüblich – es soll sogar Reisende geben, die weder Schiff noch Route, sondern nur die Speisekarte interessiert. Doch die „FTI Berlin“ ist ein besonderer Ort: Von 1986 bis 1998 fuhr die damalige „Berlin“ als „ZDF-Traumschiff“ über die Weltmeere. Mit den Urgesteinen des Fernsehdauerbrenners, der Chefstewardess Beatrice und dem smarten Steward Victor, einem Kapitän Hansen und dem Schiffsarzt Dr. Schröder. Mit Drama und Herzschmerz, mit Captain’s Dinner und immer adrett gekleideten Passagieren, die sich auch an den schönsten Orten der Welt mit großen Problemen plagten.

Hier allerdings sieht es etwas anders aus: Die patente Chefhostess und den smarten Steward gibt es nicht – Kreuzfahrtdirektor Andrej Belinskiy steht den Gästen mit Rat und Tat zur Seite. Der Kapitän heißt Sokos Thimios, der Schiffsarzt Dr. Wolf. Ein paar Gäste gibt es noch unter den etwa 350 Passagieren dieser Reise, die nach dem Charme des alten „Traumschiffs“ suchen, zwischen der Bibliothek und dem Jachtklub, zwischen Verandadeck und Biergarten, dem Mini- Schwimmbad im Bauch des Schiffes und der Savannah Lounge. „Es gibt Passagiere, die damals schon auf der ,Berlin‘ gefahren sind und sogar Bilder von dieser Reise mitbringen“, sagt der Kreuzfahrtdirektor.

Doch so recht will das elegante Fernsehgefühl nicht aufkommen auf dem fast 140 Meter langen Schiff – der Charme vergangener Tage ist allgegenwärtig. Die Farben Beige, Braun und Blau dominieren, Möbel sind aus dunklem Holz, Decken niedrig, Kabinen klein und ohne Balkone. Man merkt an vielen Stellen, dass dies keiner der ultramodernen Dampfer ist, die eigentlich eher kleine Städte als Schiffe sind. In den Häfen verschwindet die „FTI Berlin“ auch fast, wenn sie, eingeklemmt zwischen einer „Aida“ und einer „Costa“, festmacht.

Es vibriert an Bord, die Schraube arbeitet. Ein Gefühl, das man auf den mehr als zehnstöckigen Riesenpötten kaum hat – denn dort ist durch einen technischen Trick der Antrieb so gedämmt, dass die Vibration kaum spürbar ist. Mit den Giganten der aktuellsten Generation kann sich das frühere Traumschiff nicht vergleichen – „aber das soll es auch nicht“, sagt Falk-Hartwig Rost, Vertriebschef bei der eigens gegründeten Firma FTI Cruises.

Dieses Schiff ist für eine andere Klientel interessant: für all jene, die zwar gern auf Kreuzfahrten gehen, sich aber mit 3000 anderen Passagieren an Bord unwohl fühlen; für die, die keine Dauerberieselung aus Bordlautsprechern wollen und die nicht fließend Englisch sprechen, um sich mit den anderen Gästen an Bord unterhalten zu können. „Und wir haben viele Erst-Kreuzfahrer an Bord“, sagt Belinskiy. Altersschnitt: irgendwo um die 65.

Seit Ende Mai ist die „Berlin“ für FTI unterwegs im Mittelmeer: „Zeus“, „Athene“ und „Dionysos“ heißen die Touren, die von Italien aus zu den griechischen Inseln führen, nach Kroatien oder Istanbul. 16 -mal fährt das weiße Schiff in diesem Sommer in mediterranen Gefilden, am 28. Oktober geht es dann ins Rote Meer.

Erst in diesem Jahr hat FTI das Schiff erworben – und es gleich in See stechen lassen. Zuvor fuhr es als „Spirit of Adventure“, nachdem es zwischenzeitlich an einen russischen Kreuzfahrtanbieter verchartert war. 2005 hatte die Reederei Deilmann das Schiff verkauft und durch die „Deutschland“ ersetzt.

Bordsprache ist Deutsch, aber nur die wichtigsten Positionen sind mit deutschen Muttersprachlern besetzt. Viele Mitglieder der Besatzung kommen aus Indien, ihnen geht das Englische flüssiger über die Lippen als die deutsche Sprache. Das passt manchem Passagier gar nicht. „Wir müssen einiges noch verbessern“, sagt Kreuzfahrtdirektor Belinskiy. Aber er sieht in der „Berlin“ zahlreiche Vorteile, die andere Schiffe nicht haben. „Bei uns an Bord geht es sehr viel familiärer zu als woanders – nach drei Tagen kennt man sich.“

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