Reise : Einkehr bei der Geierwally Vorarlberg hat einen neuen Wanderweg.

120 schöne Kilometer führt er am Lech entlang.

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Erste Etappe. Hier können die Wanderer mit ansehen, wie aus dem zahmen Lechlein allmählich der wilde Lech wird. Foto: Franz Lerchenmüller
Erste Etappe. Hier können die Wanderer mit ansehen, wie aus dem zahmen Lechlein allmählich der wilde Lech wird. Foto: Franz...

Ganz oben, in Vorarlberg, ist der große Wilde noch recht zahm: Der Lech kommt eher als Lechlein daher. Zwischen Fels und Alpenrosen plätschert Wasser aus der Erde, das etwas höher, am Grunde des tiefgrünen Formarinsees, in den Kalkstein gesickert ist. Von hier sucht sich „Licca“, der Steinige, der letzte unverbaute Wildfluss der Nordalpen, sein Bett zwischen Allgäuer und Lechtaler Alpen. Gemächlich zieht er weite Schleifen, bildet neue Inseln und wechselnde Arme, nimmt Seitenbäche, Kies und Fahrt auf, ergießt sich schließlich rund 260 Kilometern nordöstlich bei Marxheim in die Donau.

Ein schmaler Pfad, gesäumt von Johanniskraut, Latschenkiefern und Glockenblumen schlängelt sich daneben hin, Murmeltiere pfeifen und die gelben Leuchten des Enzians stehen Spalier. Es ist das erste Stück des 120 Kilometer langen Lechwegs, der im Juni nach den Kriterien des Deutschen Wanderverbandes als erster „Europäischer Qualitätswanderweg“ eröffnet werden soll.

Von hier verläuft er auf Waldpfaden, Forstwegen und mal auch geteerten Fahrradstrecken bis nach Füssen, von 1800 hinunter auf 800 Meter Meereshöhe. Stundenweise marschiert der Wanderer direkt neben dem Fluss, das donnernde Rauschen im Ohr, dann wieder blickt er von weit oben auf sein berühmtes glasiges Türkis. Und entlang der Strecke liegen die Dörfer wie die berühmten Perlen an der Silberschnur, und jedes ist anders, jedes fügt einen neuen Aspekt zum Bild vom Leben im Tal hinzu, und vom Fluss, der es immer prägte.

In Lech am Arlberg, wo im Winter gekrönte und geföhnte Häupter aus aller Welt paparazzi-frei über die Hänge wedeln, ziehen sich schindelverkleidete Hotelpaläste mit Holzbalkonen die Hänge hinauf. Im Heimatmuseum mit den rissigen Deckenbrettern redet Birgit Ortner, die junge Leiterin, sich in Fahrt. Eindringlich erzählt sie, wie sich einst Gruppen von „Schwabenkindern“ am Lech entlang durch Schnee und Eis zu Fuß hinaus nach Schwaben quälten, um den Sommer über bei einem Großbauern zu schuften. Tourismus und Skifahren wurden erst nach dem Ersten Weltkrieg zur Einnahmequelle, als die Armeen ihre Vorräte an Winterausrüstung verschenkten. Aber dann drängten sich in den 20er und 30er Jahren zwischen die traditionellen Bauernhäuser Pensionen im Bauhausstil, Hotels mit gerundeten Speisesälen und Tanzcafés mit Kugellampen. Die Post setzte Raupenfahrzeuge ein, der erste Skilift Österreichs wurde 1938 in Zürs eröffnet, der Smoking, der Jazz und ein englischer Maßschneider kamen ins Tal – ein Bauernflecken mauserte sich zum Hotspot des internationalen Jetset.

Über die Höhenbachschlucht hinter Holzgau spannt sich ein schmaler, schwingender Steg. Österreichs längste Fußgänger-Hängebrücke ist nagelneu, 200 Meter lang, einen Meter breit und hat ein Geländer von 1,30 Metern Höhe. Als Teil des Lechwegs verbindet sie in der schwindelnden Höhe von 110 Metern die beiden Wände. Ein spektakulärer, moderner Blickfang also, über der uralten, naturbelassenen Schlucht, in der der Simms-Wasserfall in Kaskaden und schäumenden Wirbeln in die Tiefe schießt. Uralt? Naturbelassen? Von wegen. Anfang des 19. Jahrhunderts ließ der englische Industrielle Frederick R. Simms, der eine Jagdhütte in der Gegend besaß, eine Felsbarriere sprengen und öffnete so dem Höhenbach erst sein heutiges, wildromantisches Bett: Der Natur nachgeholfen wurde auch damals schon.

Elbigenalp ist der Hauptort des Lechtals. Hier war die „Geierwally“ zu Hause. Anna Stainer ließ sich 1858 im Alter von 17 Jahren über steilen Fels abseilen und nahm einen Adlerhorst aus – was sich die jungen Männer nicht getraut hatten. Ein Roman und mehrere Filme machten die selbstbewusste Frau berühmt, die später ihren Lebensunterhalt als Malerin verdiente. Im Restaurant „Zur Geierwally“ hat ihr „weitläufiger Verwandter“ Guido Degasperi Zeitungsausschnitte, Filmprogramme und Gemälde gesammelt. Auf der Karte steht Tiroler Kost wie Bergnocken, Kaspressknödelsuppe und G’stöpf, eine Art Kaiserschmarren. Und abends wird auf der Freilichtbühne „Sturm in den Bergen“ oder ein anderes Alpendrama aufgeführt. Wie es sich für deftiges Bauerntheater gehört, wird reichlich gerauft, gebrüllt und gesoffen, und Typen wie den einsatzgeilen Feuerwehrhauptmann oder den tumben Dorfgigolo erkennt jeder wieder.

Hinter Forchach weitet sich das Lechtal. Die Burgwelt Ehrenberg mit ihren gleich drei teilrestaurierten Ruinen ist einen Abstecher wert – eine historische Lechweg-Schleife gewissermaßen. Der Vogelbeobachtungsturm hinter Reutte wiederum erlaubt einen Einblick in die Biologie des Lechtals.

So ganz stimmt die Rede von „einem der letzten naturbelassenen Wildflüsse Europas“ nicht, gibt Anette Kestler zu, die Leiterin des Naturparks Lechtal. Auch der Lech wurde vor 100, 150 Jahren teilweise befestigt. Erst die vermehrten Hochwasser, 1999 und 2005 vor allem, führten zum Umdenken. Seitdem werden Dämme in Seitentälern geöffnet, damit die Flüsse wieder Kies eintragen können, was die Kraft des Lechs bremst. Man reißt Ufermauern ab, der Fluss darf, wenn er viel Wasser führt, sich in „Retentionsflächen“ ausbreiten. Genau eine solche erstreckt sich am Fuß des Turms, ein Auwald aus Grauerlen, Weiden und Liguster. Der Fluss hat Äste und Wurzelstöcke angetrieben und zu großen Haufen aufgetürmt: „Das sind ideale Brutstätten für Insekten, die wiederum Nahrung für eine Vielzahl von Singvögeln bilden“, erklärt die Leiterin. 70 Prozent aller Vögel Tirols schwirren hier herum, 110 Arten – darunter so seltene wie der Flussuferläufer, der die weiten Kiesflächen zur Brut braucht.

Ganz am Ende des Weges nehmen die Planer sich eine gewisse Freiheit heraus: Sie führen die Strecke weg vom Lech, und das hat seinen Grund. Irgendwann tauchen auf den bewaldeten Höhen von fern die Königsschlösser Hohenschwangau und Neuschwanstein auf, ein optisches Ausrufezeichen fast schon am Ende.

Am Lechfall in Füssen verabschiedet sich der Begleiter der vergangenen Tage donnernd in die Tiefe. Ab jetzt hat das freie Leben ein Ende. Begradigt, eingefasst und gezähmt hat er Kraftwerksturbinen anzutreiben und gesittet mitteleuropäisch dahinzufließen. Den Wanderer erwartet Füssen, mit dem Hohen Schloss, der quirligen Altstadt und den japanischen Touristengruppen – auch für ihn ist Schluss mit dem Umhervagabundieren: Die Tage am schönen wilden Fluss sind vorbei.

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