Eisbärensaison in Kanada : Manchmal kuscheln sie

Nur kurz vor dem Winter lockt Churchill, die kanadische Kleinstadt an der Hudson Bay, Touristen an. Denn dann kommen die Eisbären.

Claudia Schuh
Angst vor Eisbären muss auch an der Hudson Bay niemand haben. Doch Respekt sowie die nötige Umsicht sind wichtig. Der Ursus maritimus ist eben ein Raubtier.
Angst vor Eisbären muss auch an der Hudson Bay niemand haben. Doch Respekt sowie die nötige Umsicht sind wichtig. Der Ursus...Foto: D.J.Cox, Wildlife, pa

Da steht er nun, der Koloss: ein eineinhalb Jahre alter Eisbär mit seiner Mama. Videokameras surren kaum vernehmlich, Smartphones blitzen, Stative werden verrückt. Drei Neuseeländer und ein kanadisches Pärchen, die Zuschauer des Spektakels, richten ihre kiloschweren Objektive wie Waffen auf die Wildtiere. Hier in Churchill an der Hudson Bay geht es fast zu wie in Cannes. Nur ohne roten Teppich und Filmprominenz. Die Tiere stehen unter digitalem Dauerbeschuss. Die Kameras geben alles, so weit die Akkus reichen. „Komm, schau zu mir“, bettelt die Kanadierin den Eisbären an. Der weiße Riese hebt die Tatze. „Hey! Boy, don’t! Enough“, befiehlt Terry Elliott, der 50-jährige bärtige Naturfreak und Eisbärenranger.

Dann macht er einen Schritt nach vorne, droht mit der Waffe in der Hand. Der Eisbärenjunge dreht langsam seinen Kopf. Wendet schließlich. Wie in Zeitlupe trotten Mutter und Sohn davon. Ranger Elliott kann Pfefferspray und sein Schrotgewehr in der ausgebeulten Tasche stecken lassen. „Look at that“, kreischt die Neuseeländerin und starrt auf ihr Display. Am Abend wird sie hunderte Aufnahmen auf ihren Laptop ziehen. Und immer das gleiche Motiv: ein Eisbär. Wie er im Schnee liegt. Kuschelt. Gähnt. Döst. Aufs Eis pinkelt.

Eine Eisbärensafari in Churchill führt mitten in die Einsamkeit. In ein kanadisches Dorf, das nur langwierig per Eisenbahn und Flugzeug mit dem Rest des Landes verbunden ist. Nirgendwo treffen Mensch und Eisbär so unmittelbar aufeinander wie an dieser Bucht nahe Churchill, der selbst ernannten „Eisbärenhauptstadt der Welt“. Etwa 10 000 Besucher reisen jeden Oktober und November aus dem einen Grund an: um die Raubtiere aus nächster Nähe zu beobachten. Das „Polar Bear Watching“ ist die größte Touristenattraktion in ganz Manitoba geworden. Ein Glück für diesen Ort, um den es sonst eher traurig bestellt ist.

Churchill liegt 1700 Kilometer nördlich von Winnipeg, im Norden Manitobas. Mobilfunkempfang gibt es keinen. Richtige Bäume auch nicht. Der 800-Einwohner-Ort liegt mitten in der Tundra, nördlich der Baumgrenze. Wer hier herkommt, kommt nicht zum Entspannen, Einkaufen oder Bummeln. Es gibt kein Kino, keine Fußgängerzone, kein luxuriöses Hotel. Nicht mal einen Friseursalon. Ein Barbier aus dem 550 Kilometer entfernten Thompson kommt einmal im Monat vorbei und schneidet Haare. Als der Ort im Jahr 1717 als Außenstelle der Hudson Bay Company gegründet wurde, ahnte man nicht, dass man die Handelsstation blöderweise auf der belebtesten Eisbärenwanderroute der Subarktis gesetzt hatte. Die Navy hat 1969 ihre Basis im Ort aufgegeben, damals lebten noch 4000 Menschen hier. Seitdem wirkt Churchill verlassen. „Rushhour“ heißt hier: Zwei Autos kommen, und der Bus muss kurz warten.

Bloß keine hungrigen Bären anlocken

Der Bär tobt hier nur im wörtlichen Sinne, zu Winterbeginn, wenn die Weißpelze im Ort auftauchen. Daher hat Churchill 1979 mit dem Eisbärentourismus begonnen. Schließlich ist das Land „Bärengebiet“. Die Eisbärsaison ist kurz, nur wenige Wochen im Jahr. In der Zeit muss das Geld verdient werden. Im Ort wimmelt es von „Polar Bear Lodges“, Bärenbars und Souvenirshops, in denen es den Eisbär gehäkelt, getöpfert, gemalt, als Wollmütze oder Pullimotiv gibt. Vor dem Eisbär gibt es kein Entrinnen.

Dass es die Tiere ausgerechnet nach Churchill zieht, hat Gründe: Sie wissen instinktiv, dass die Hudson Bay an dieser Stelle zuallererst zufriert. Unweit der Stadt warten daher jeden Herbst rund 1000 Eisbären, die vom Landesinneren zur Küste gewandert sind, auf das Zufrieren der Bucht, damit sie auf Robbenjagd gehen können. Jeder Tag, den sie mit Warten verbringen, lässt die hungrigen Raubtiere unruhiger werden. Sie kreisen Churchill immer weiter ein, und so passiert es, dass ein 400-Kilo-Koloss schon mal am helllichten Tage im Städtchen herumstromert.

Churchills Einwohner nehmen ihren „Belagerungszustand“ in dieser Zeit sehr ernst, verfallen jedoch nicht in Panik. Denn Begegnungen bedeuten für die Bären meist Gefangenschaft und Ausweisung. Für den Menschen sind sie zwar gefährlich. Doch die Bewohner sind gut vorbereitet: Um den Ort herum sind Fallen aufgestellt. „Eisbärenalarmschilder“ warnen an Stellen, wo sich Bären gern aufhalten: „Stop! Don’t walk in this area!“ Mülltonnen auf den Straßen gibt es schon lange nicht mehr: Bloß keine hungrigen Bären anlocken.

Unrat wird am Ortsrand sofort verbrannt. Häuser werden nicht abgeschlossen. In keinem Auto wird der Zündschlüssel abgezogen. Für den Fall der Fälle soll jeder schnellstmöglich flüchten können. Vor Verlassen des Hauses wird erst einmal aufmerksam nach links und rechts gespäht, dann gelauscht. Der Schulbus holt die Kinder direkt vor der Haustür ab. Jeder im Ort kann die Eisbären-Notruf-Hotline blind in sein Telefon tippen. Fünf bewaffnete Wildhüter rücken im Notfall Tag und Nacht sofort aus. Pro Saison gehen mehr als 300 Anrufe ein.

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