England : Im Königreich der Hügel

Die Grafschaft Yorkshire im Norden Englands war geprägt von Industrie. Der Wandel gelang – und lockt Touristen.

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Hoch über Stadt und Strand thront Whitby Abbey an der Nordostküste der englischen Grafschaft Yorkshire. Foto: mauritius images
Hoch über Stadt und Strand thront Whitby Abbey an der Nordostküste der englischen Grafschaft Yorkshire. Foto: mauritius imagesFoto: mauritius images

Die Nordseegischt tost bedrohlich am Pier, manchmal peitscht auch Regen durch die Straßen. Doch selbst ein trüber Tag kann dem Charme des nordenglischen Küstenstädtchens Whitby nichts anhaben. Mit seinen zu beiden Seiten einer Flussmündung aufragenden Kliffen, den kopfsteingepflasterten engen Gassen und schmucken, mit roten Ziegeln gedeckten Häuschen ist das Hafenstädtchen nicht nur eines der schnuckeligsten in der Region, sondern wird zudem durchweht von Geschichte und Geschichten.

So nahm in Whitby etwa die erste Südseereise des Captain Cook ihren Anfang – und demzufolge erinnert ein hohes Denkmal an den Entdecker und Seefahrer, der von seinem Sockel aus ungerührt aufs graue Meer schaut. Auch Bram Stoker, Draculas Schöpfer, saß hier auf einer Bank hoch über dem Städtchen. Mit Blick auf die Ruinen der Whitby Abbey ließ er sich die salzige Luft um die Nase wehen und zu seinen Geschichten um den blutrünstigen Grafen inspirieren. Stoker, der um 1890 in Whitby lebte, beschrieb die Ruine als „herausragend“, doch hatte es ihm vor allem die darunter liegende Kirche St. Mary mit ihrem mystischen Friedhof voller Grabsteine angetan. Ganze 199 Stufen hinauf zu den romantisch auf der Spitze des Ostkliffs thronenden Überresten des Klosters muss erklimmen, wer von oben auf den sich malerisch ausbreitenden Ort, die nahen Hügelketten und die weit ins Meer ragende Landspitze blicken will – atemraubend ist es allemal.

Das Magpie Café ist eine Institution in Sachen Fish & Chips, dem Fast-Food-Klassiker der Briten. Doch das ist längst nicht alles. Die Vielfalt der Karte lässt den Endorphinspiegel von Fischliebhabern in die Höhe schnellen. Mit Blick auf Pier und schäumende Nordsee schmecken Cod oder Haddock, also Kabeljau oder Schellfisch, knusper-knusprig umhüllt ganz köstlich – auch ohne den obligatorischen Essig, den sich mancher Gast großzügigst über die enormen Portionen gießt. Wie wird nur die Panade so kross? Ganz einfach, erklärt die Kellnerin in dem hier typischen breiten Dialekt, der aus möglichst vielen A-Vokalen ein U macht – weil sie mit Bier zubereitet wird. Wohl deshalb passt ein frisch gezapftes Ale aus der Region ausgezeichnet dazu.

Entlang der Küste werden kilometerlange flache Strände jäh unterbrochen von steil aufragenden Kliffen, kleine Sandbuchten wechseln sich ab mit postkartenidyllischen Fischerdörfchen, bekannte Seebäder wie Scarborough mit weniger bekannten Küstenstädtchen wie dem malerischen Robin Hood’s Bay.

Schließlich kehren wir dem Meer den Rücken und machen uns auf nach York. Der Weg führt durch die Yorkshire Moors. Von Heidekraut überwucherte Felder bilden eine Landschaft, die fast apokalyptisch anmutet, als habe ein großes Feuer gewütet. Fahrer Keith beteuert, dass sie sich im Herbst stets in ein purpur-lilafarbenes Flammenmeer verwandele. Nur wenige Meilen weiter ist es wieder lieblich-hügelig, die Schafe auf der Weide dösen, während sich auf der Straße Radler abstrampeln und eine Gruppe junger Frauen flott auf Pferden vorankommt.

Was zuerst wie Rauch wirkt – also doch ein Feuer? – stellt sich schnell als Dampf heraus. Eine alte Lok bahnt sich ihren Weg durch die Ebene. Wir sind an der historischen National Steam Railway, die sich von Pickering bis nach Whitby schlängelt und ausschließlich von Touristen genutzt wird. Bald darauf erreichen wir Goathland, ein Flecken mit angeschlossenem Bahnhof. Fans von Harry Potter erkennen es sofort: Hier war die Kulisse für die Station Hogsmeade im ersten Kinofilm.

Die Sonne scheint so grell, dass es den Augen wehtut. Doch bald darauf hat sie sich wieder hinter Wolken verzogen, und der Blick kann unangestrengt über idyllische, von Hecken gesäumte Felder streifen. Nicht nur Sonne und Wolken wechseln sich ständig ab, auch die Landschaft der flächenmäßig größten Grafschaft Englands bleibt nie eintönig: Sanfte Hügelketten in einem Grün in allen erdenklichen Schattierungen – vom zartknospigen Frischfrühlingsgrün zum düsterdunklen Waldgrün – gehen ganz unvermittelt über in die kargen, rauen Dales, die Täler nördlich des Flusses Wharfe. Ein paar Meilen weiter entfaltet sich das Panorama einer wildromantischen Szenerie mit Wasserfällen und spektakulären Ausblicken.

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