Reise : Englisch an der Kletterwand

Unterwegs lernt man anders als in der Schule. Sprachreise-Veranstalter kombinieren den Unterricht mit zahlreichen Aktivitäten

Silke Zorn
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Nur nicht hängen bleiben! Etwa wegen einer Fünf in Englisch. Foto: Mauritiusimagebroker

Vokabeln büffeln, wenn andere Urlaub machen: Früher konnte einen die Aussicht auf eine Sprachreise in den Schulferien durchaus betrüblich stimmen. In englische Badeorte wie Brighton, Paignton oder Torquay „verschickt“, saß man bei schönstem Sonnenschein im Klassenzimmer, stand sich bei der wöchentlichen Disco die Beine in den Bauch und sehnte den abschließenden Trip nach London herbei. Alles Schnee von gestern. Heute lassen sich Sprachreiseveranstalter einiges einfallen, um jugendliche Teilnehmer bei Laune zu halten – von Sport über Kreativkurse bis zum Wildnisabenteuer.

Der Bremer Anbieter Offährte Sprachreisen kombiniert seinen Unterricht zum Beispiel mit Reitkursen in England, Surfen an der französischen Atlantikküste oder Outdoor-Trainings in Kanada. Ganz neu sind Lerncamps für Zehn- bis 14-Jährige, die – zur Einstimmung auf einen späteren Auslandsaufenthalt – zunächst in Deutschland stattfinden. Im Harz geht es dabei nach dem Unterricht an die Kletterwand. Ein Kurs in Lübeck bietet Englischlernen plus Benimm-Training. Und auf der Schönburg in Oberwesel kommen Jugendliche aus aller Welt zu gemeinsamen Workshops zusammen: „Eine tolle Gelegenheit, andere Kulturen kennenzulernen“, sagt Heiner Giese, Offährte-Geschäftsführer und Vorsitzender des Fachverbands Deutscher Sprachreise-Veranstalter (FDSV). Eine Woche mit 20 Unterrichtsstunden kostet bei eigener Anreise zwischen 499 und 535 Euro.

Ebenfalls einen vollen Terminkalender haben Jugendliche beim Hamburger Veranstalter Do-it-Sprachreisen. Fußball, Golfen, Ballett, Hip-Hop und Schauspielunterricht sind nur einige der Aktivitäten, die im englischen Sprachcamp in der Nähe von York angeboten werden. Auch hier setzt man auf einen internationalen Schüler-Mix. „Es gibt wenige deutsche Teilnehmer, das zwingt zum Englischsprechen und fördert den interkulturellen Austausch“, sagt Sabine Hammer von Do-it. Untergebracht sind die Schüler in der Privatschule Queen Ethelburga’s College. So viel Luxus hat seinen Preis: Zwei Wochen „Performing Arts“ mit Schauspiel, Tanz- und Gesangsunterricht kosten im Sommer 2010 beispielsweise 2400 Euro – ohne Anreise.

„Für Jugendliche zwischen 16 und 18 gibt es immer mehr Angebote“, sagt Barbara Engler von der Aktion Bildungsinformation (ABI), einer Verbraucherschutzorganisation, die den Markt für Sprachreisen beobachtet. „Der klassische Sprachurlaub für jüngere Schüler ist in diesem Alter schon zu langweilig.“ Viele Veranstalter haben daher spezielle Programme für Jugendliche gestrickt. Beim Traditionsanbieter EF hat man sich sogar sprachlich auf die neue Zielgruppe eingestellt: „Action Learning“ heißt dort die Mischung aus Sport und Pauken, nur noch übertroffen von den „Action Plus“-Kursen, bei denen es sogar im Unterricht um sportliches Fachvokabular, Taktik und Spielzuganalysen geht.

Die größte Nachfrage gibt es nach wie vor für Englisch. Mehr als 90 Prozent der Schüler schlagen sich im englischsprachigen Ausland oder unter der Sonne Maltas mit „th“ und Past Perfect herum. Das ergab eine Auswertung des FDSV von 2008. Weit abgeschlagen folgen Französisch mit knapp sechs Prozent und Spanisch mit gerade mal einem Prozent. Und: Die Schüler werden immer jünger. „35 Prozent unserer Teilnehmer sind unter 14, und die Gruppe der Acht- bis 13-Jährigen wächst“, sagt Heiner Giese.

Auch Christina Schöpp aus Stuttgart wagte schon mit zehn Jahren den Sprung über den Kanal und fuhr mit Offährte nach Teignmouth in Südengland. „Damals waren wir umgezogen und ich bekam in der Grundschule Englisch statt Französisch“, erzählt sie. „Außer ,Hello‘ und ,My name is …‘ konnte ich aber kein Wort.“ Also kam Christina auf die Idee, eine Sprachreise zu unternehmen. Der Unterricht hat ihr Spaß gemacht, weil er „ganz anders als in der Schule und eher spielerisch“ war. 2009 ging es dann zum zweiten Mal nach Teignmouth. In beiden Urlauben hat sie viele Freundschaften geschlossen.

Um einen guten Anbieter zu finden, sollten Eltern und Schüler genau vergleichen, rät Verbraucherschützerin Engler. Wer auf eine internationale Gruppe Wert legt, sollte einen Veranstalter wählen, der mit einer Sprachschule an Ort und Stelle zusammenarbeitet. „Da kommen Schüler aus aller Welt zusammen, die Lehrer sind Muttersprachler.“ Eltern sollten außerdem überlegen, wie selbstständig ihr Kind schon ist: Möchte man von der Anreise über die Betreuung durch deutsche Gruppenleiter bis zur Unterbringung in einer Gastfamilie alles organisiert haben? Oder verträgt der Nachwuchs schon mehr Freiheiten, lebt lieber im Wohnheim und kann sich auch außerhalb des Unterrichts in der fremden Sprache durchschlagen?

Generell gilt: „Bei Schülern sollten die Klassen maximal 15 Teilnehmer haben, besser weniger“, sagt Barbara Engler. Je mehr Leistungen im Preis enthalten sind, desto besser – etwa für Transfers, Ausflüge und Eintrittsgelder. „Partnerschulen im Ausland sollten namentlich benannt werden, sonst gewinnt man den Eindruck, dass der Veranstalter etwas verbergen will“, sagt Engler. Auch über Unterricht, Leistungsniveaus, Unterkunft und Freizeitgestaltung müssen Katalog oder Internetseite Auskunft geben. Ein Blick in die allgemeinen Geschäftsbedingungen ist ebenfalls wichtig. „Der Gerichtsstand sollte in Deutschland sein“, rät die Expertin, „so muss man bei Streitigkeiten nicht im Ausland klagen.“ Wichtig sei auch, den Reisepreis erst nach Erhalt eines Sicherungsscheins zu zahlen. „Geht der Veranstalter pleite, bekommt man sein Geld dann von dessen Versicherung zurück.“

ABI gibt die Broschüre „Englisch lernen in Europa“ heraus (16 Euro), mit ausgewählten Veranstaltern, allgemeinen Infos zu Sprachreisen und Checklisten für die Anbietersuche. Internet: www.abi-ev.de oder Telefon 07 11 / 22 02 16 30.

Beim FDSV kann man sich im Internet den kostenlosen Ratgeber „Sprachreisen für Schüler & Erwachsene“ herunterladen: www.fdsv.de

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