Entdeckungen für Stadtstreicher : Wo Stuck tanzen kann

Würzburg bietet restaurierte Pracht und lehrt fränkische Lebensart.

Hartmut U. Hallek
Würzburger Residenz mit Frankonia-Brunnen, das fränkische Versailles der Fürstbischöfe.
Würzburger Residenz mit Frankonia-Brunnen, das fränkische Versailles der Fürstbischöfe.Foto: Reinhard Dirscherl, picture-alliance

Würzburger sehen aus wie alle anderen Menschen auch. Bis auf Dirk Nowitzki natürlich. Aber sie sprechen irgendwie anders, so wie der Mann in der Nachtwächteruniform. Hellebarde samt Laterne stellt der eben ab und nun die „Fraach“ in die Besucherrunde, die ihn durch die abendliche Stadt begleitet. „Das Word mit hardem Gonsonanden am Anfang?“ „Karraasch“, rufen sie, und die Rs rollen nur so durch die Luft. Die Würzburger und ihr „Fränggisch“, das ist was. So was wie Karraasch, Garage. Ansonsten weich wie Günther Popp – „Gündher mit de-ha“, buchstabiert er sich „un Bobb dreima hard“ – außer bei Senft, aber das hat ihn ja hinten. So wie Schdugg halt, davon gibt es reichlich in Würzburg. Seit damals, als die Stadt im Rokoko eine der schönsten wurde.

Den Nachtwächter trifft man am Vierröhrenbrunnen. Vor dem Rathaus plätschert Wasser aus den Mäulern von vier Delfinen. „Schbedse“ nennt man so was hier, spucken, und Spetzplatz den Ort. Nicht der Delfine wegen. Es waren Tagelöhner, die am Brunnen auf Arbeit wartend Kautabak schbedsden. Heute sitzen da die Würzburger bei Wind und Wetter, bei Kaffee, Bier, Schorle, beim Schobbe und schwätzen. Der Lebenslauf ihrer Stadt ist lang, der Platz erzählt davon das Wesentliche und gibt so etwas wie Geborgenheit.

Vielleicht liegt es am Brunnen oder an der Alten Mainbrücke, vielleicht am Grafeneckart, dem alten Rathaus mit dem Wenzelsaal. Die drei nämlich haben den jüngsten Krieg überdauert. Blickt man auf der Alten Mainbrücke stadteinwärts, sieht man fast die Silhouette des alten Würzburg, überragt vom Grafeneckart und dem schlanken salischen Dom.

Von hier tauchen wir um den Franziskanerplatz in eine beige-braune Kulisse der Nachkriegszeit ein. In einem Wirtshaus öffnet sich eine Tür, im schummerigen Licht „hocke Leut’ beieinand“ an blank gescheuerten Tischen, essen und trinken. Mal ein Laden, ein Rasenstück oder ein Balkon säumen unseren Weg, mal Karraaschs. Im abendlichen Dunst kommen Bilder einer Zeit in den Sinn, als die weite Welt per Quelle-Katalog in die Würzburger Wohnstuben kommt, der Rauch von Kohleöfen in Gassen hängt und GIs mit fränkischen Frolleins knutschen. Die Enge eines mainfränkischen Städtchens ist das und eine erstaunliche Leistung aus dem Nichts der Kriegstrümmer. „Würzburg ist nicht mehr“, hatte sich Oberbürgermeister Pinkenburg nach dem Bombenangriff am 16. März 1945 bewegt an seine Mitbürger gewandt.

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