Reise : Es muss nicht immer Kaviar sein

Das Oberengadin hat Orte für jeden Geschmack: In St. Moritz zeigen die Reichen, was sie haben. In Pontresina verstecken sie’s

Hella Kaiser

Hübsch nostalgisch haben sie dekoriert bei Prada. Zwischen Jacken, Hosen und Kleidern (ohne Preisschilder, natürlich) hängt das Modell einer roten St. Moritzer Gondelbahn. Doch wer will sich in dem Schweizer Nobelort in ein Label hüllen, das es überall auf der Welt zu kaufen gibt? Schließlich hat das Dorf seine eigene Luxuslinie kreiert. „St. Moritz – The Mountain Religion“ heißt sie, und ein bisschen über irdisch geht es schon zu in diesem Ort, der sich die Marke „Top of the World“ 1986 patentieren ließ. Bei den Partynächten im legendären King’s Club fließt der Brut St. Moritz in Strömen, und wer nicht genug bekommen kann von St. Moritz schnallt sich tagsüber den gleichnamigen Ski unter die Füße. Elfenbeinfarben, mit leicht geriffelter Oberfläche, wird das aktuelle Modell für 1300 Franken angeboten. Vorn eingeprägt ist das goldfarbene Gütesiegel: „St. Moritz since 1864“.

Und in jenem Jahr hatte es tatsächlich angefangen mit dem Wintertraum in dem gut 1800 Meter hoch gelegenen Dorf im Oberengadin. Hotelpionier Johannes Badrutt, Besitzer des feinen Kulm Hotels, wollte vier englischen Sommergästen die schneebedeckte Bergwelt schmackhaft machen. Und schlug ihnen einen Handel vor, bei dem sie so oder so nur gewinnen konnten. Wenn ihnen die weiße Saison nicht gefalle, wollte er ihnen die Bahnfahrt von London bis ins Engadin bezahlen. Wenn doch, wollte er sie so lange gratis beherbergen, wie sie wollten. Die vier machten mit – und blieben, hellauf begeistert, bis Ostern.

St. Moritz mauserte sich schnell. Alfred Hitchcock stand im schwarzen Anzug auf der Curlingbahn, Charlie Chaplin, Greta Garbo, Thomas Mann, die Kennedy-Familie und viele andere Persönlichkeiten wurden Stammgäste in der 5000-Seelen-Gemeinde. Sie ist international angesagt wie damals und weist inzwischen fünf Fünf-Sterne-Hotels auf.

Pittoresk ist St. Moritz nicht. Der Ort weist etliche Bausünden auf. Es scheint, als habe man noch in die letzte verbliebene Lücke etwas zum Vermieten quetschen müssen. Zwischen all dem Beton und Stein steht – wie eine Mahnung – ein kurios schiefer Turm, der Rest der im 19. Jahrhundert abgebrochenen Mauritiuskirche.

Was zählt, ist das Image. Und das größte Skigebiet der Schweiz, das sich rundherum erhebt. 350 Pistenkilometer sind vorhanden, 56 Seilbahnen und Lifte. Und auch oberhalb des Luxusdorfs mit der „siebtreichsten Straße der Welt“ (noch vor dem Carolwood Drive von Beverly Hills) ist man auf die Goldene-Kreditkarten-Klientel eingestellt. Der preisgekrönte Koch Mathis Reto führt auf der 2486 Meter hohen Bergstation Corviglia ja nicht nur eine Brasserie (Motto: „große Küche – kleine Preise“), wo man zum Beispiel eine überbackene Zwiebelsuppe für umgerechnet neun Euro bestellen kann. Er will an Ort und Stelle, im La Marmite, auch Gourmets an weiß gedeckten Tischen glücklich machen. Exquisites wird hier serviert – und immer wieder Kaviar in allen erdenklichen Kombinationen. Buchweizenblini mit Kaviar und Sauerrahm schlagen – in der kleinen Portion – mit über 200 Euro zu Buche. Noch etwas drauflegen muss man für den „Wilden Kosakenführer“ und isst dann Bratkartoffelscheiben, Schalottenfondue und Lachsstreifen zu den Eiern vom Stör.

Um solch verrückte Brotzeiten muss sich ein Skifahrer nicht kümmern. Wer es ernst nimmt mit den zahlreichen Abfahrtsmöglichkeiten, nimmt sich keine Zeit für lange Mittagspausen. Von Corviglia aus erschließt sich ein abwechslungsreiches Pistenkarussell bis hinauf zum mehr als 3000 Meter hohen Gipfel Piz Nair, von dem aus eine mittelschwere Piste in weitem Bogen wieder hinabführt.

Einen anderen Skiberg, die Diavolezza, können halbwegs geübte Skifahrer gut bewältigen, aber es gibt dort auch eine markierte, jedoch nicht präparierte Skiroute. Zehn anspruchsvolle Abfahrtskilometer lassen sich dort genießen. An der Diavolezza treffen sich Kenner einmal im Monat zum Vollmondfahren.

Am Corvatsch, dem dritten Skiberg der Region, dagegen warten sie gar nicht erst auf das runde gelbe Ding am Himmel. Jede Freitagnacht bis zwei Uhr wird von der 2700 Meter hohen Mittelstation Murtél eine fast fünf Kilometer lange Talabfahrt beleuchtet. Während die einen schon oben zum Käsefondue in der Alpetta-Hütte einkehren, stoppen die anderen für eine Holzofenpizza auf der Hälfte der Strecke an der Hossabar.

Derlei Eskapaden kann man auch von Pontresina aus in Angriff nehmen. Nur mit dem Sehen und Gesehenwerden wie in St. Moritz ist das so eine Sache. Bäcker, Fleischer, Ski-Shop und zwei, drei bodenständige Bekleidungsgeschäfte gibt es an der schmalen Dorfstraße – eine Shoppingmall sieht anders aus. Dafür kann man urwüchsige Engadiner Häuser bewundern, mit kunstvollen Sgrafittoverzierungen rund um die kleinen Fenster. An der Galerie Palü, in der vorwiegend Berglandschaften auf Käufer warten, hängt der Hinweis auf Konzerte vom „Oberengadiner Jodelchörli“. Der Eintritt ins soeben modernisierte, aussichtsreiche „Erlebnisbad Bellavita“ kostet 6,50 Euro. Und das Cinéma Rex im alten Schulhaus trotzt tapfer der wachsenden DVD-Gemeinde.

Nur sechs Kilometer von St. Moritz entfernt, will Pontresina seinen Gästen vor allem Ruhe bieten. Angela Merkel verbrachte schon einige Weihnachtsurlaube im Ort und glitt so unbehelligt über die Loipen (150 Kilometer sind rundherum gespurt) wie Einheimische und andere Gäste auch.

Pontresina ist glamourfrei – und besitzt doch eins der schönsten Grandhotels der Schweiz. Im Kronenhof fährt man nicht einfach vor, hier wird man empfangen in einer veritablen Cour d’honneur. Die dreiflüglige Hotelanlage wuchs Ende des 19. Jahrhunderts gleichsam um das einstige Gasthaus zur Krone (1851) herum. Gleich nach dem Entree steht man im imposanten Gesellschaftssalon, dem Bellavista-Trakt. Und kann, gemütlich im Sessel sitzend, durch die riesigen Fenster hinausschauen, übers Rosegtal mit seinen vielen Lärchen und Zirbelkiefern, bis hinauf zum gut 4000 Meter hohen Piz Bernina.

Der große Speisesaal, mit dekorativen Deckenbildern ist 1901 entstanden. „Die Malereien wurden erstmalig bei der jüngsten Renovierung vor zwei Jahren vorsichtig mit einem Schwämmchen gereinigt“, berichtet Hotelchef Heinz Hunkeler. An den hohen Wänden prunken goldgerahmte barocke Spiegel, umrankt von gemalten Blüten. Einen schöneren Ort fürs Frühstück muss man lange suchen. Auch das Abendessen wird hier serviert, Halbpension ist obligatorisch im Kronenhof. Gegen Aufpreis genießt man ausgewiesene Gourmetküche von Bernd Schützelhofer (16 Punkte im aktuellen Gault Millau) im urigen Kronenstübli. Die Bündner Holzmöbel sind original, die getäfelten Wände auch. Nebenan ist noch die schummrige Bürostube der Gredings erhalten, die den Gasthof und später das Hotel über Generationen besaßen. „Die alte Frau Greding hatte von hier aus besten Blick auf die Ankunft der Gäste“, erzählt Hunkeler und fügt schmunzelnd hinzu: „Je nach Anzahl und Klasse der Koffer hat sie dann individuell die Preise festgesetzt.“

In den vergangenen Jahrzehnten fiel das Hotel in eine Art Dornröschenschlaf, historisch wertvoll, aber reichlich runtergekommen. „Nach Sternen ließ es sich nicht bewerten“, sagt Hunkeler. 2007 investierte eine griechische Reederfamilie 30 Millionen Euro in umfangreiche Restaurierungen – und machte es wieder zur Top-Adresse. Eine 2000 Quadratmeter große Wellnesslandschaft mit Pool wurde talseitig angebaut. Der verglaste Komplex stört die Ästhetik des historischen Ensembles nicht allzu sehr, weil er gebührend tiefer gelegt wurde. Unangetastet blieben Billard- und andere Salons sowie die famose Kegelbahn im Inneren. Auch der vom ersten Besitzer eingerichtete Weinkeller existiert noch – wie der alte Skiraum daneben. Dutzende lange, schlichte Holzskier stehen dort, mit (meist) englischen Namen und 1950er-Jahres-Zahlen versehen. „Die Gäste haben sie für den kommenden Aufenthalt hier gelassen – und manche wurden eben nie mehr abgeholt“, erklärt der Hotelchef.

Noch immer reisen Kenner mit dem Zug an. Pontresina wurde 1908 an das Netz der Rhätischen Bahn angeschlossen. Seit dem vergangenen Jahr ist die gut zwölf Kilometer lange Strecke durchs Albulatal bis Thusis Weltkulturerbe. Fünf Kehrtunnel und neun Viadukte machen die Fahrt zum nostalgischen Erlebnis.

Gemächlich durch die weiße Bergwelt zu zuckeln, das könnte ohnehin zum Trend werden. In St. Moritz haben sie just eine mittelschwere Abfahrt am Hausberg Corviglia zur Chill out-Piste erklärt. „Rasen war gestern“, so die Devise, „die Menschen sollen mit einer neuen Einstellung Ski fahren und die Natur wieder mehr wahrnehmen“, heißt es. Die Winterwanderer in Pontresina tun das schon längst.

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