Europa-Spezial-Ticket : Das Fahrkarten-Roulette

Ein Europatrip für 39 Euro – solche Spartickets bietet die Bahn. Sie zu ergattern, ist eine Kunst.

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Signal zur Abfahrt anno 1959, als 100 Kilometer Bahnfahrt noch 7,40 DM kosteten.
Signal zur Abfahrt anno 1959, als 100 Kilometer Bahnfahrt noch 7,40 DM kosteten.Foto: picture alliance / ZB

Man stelle sich vor, eine Restaurantkette lockt Kunden mit der Behauptung an, bei ihr gebe es Fischgerichte ab fünf Euro. Doch fast jedes Mal, wenn ein Gast das Billigessen bestellen möchte, bekommt er zu hören: „Leider schon ausverkauft.“ Vom nächstteureren Essen für sechs Euro sind gerade noch zwei Portionen vorrätig – aber für zehn bis 15 Euro, da gibt es genügend Auswahl. So ähnlich geht es teilweise Kunden der Deutschen Bahn (DB), die Spartickets kaufen möchten.

Viele Möchtegern-Reisende kennen das Problem von den innerdeutschen Sonderangeboten ab 29 Euro, die zu bestimmten Zeiten und Zielen schnell vergriffen sind. Noch schwieriger ist es allem Anschein nach manchmal, eine günstige Auslandsfahrkarte für den Sommerurlaub zu ergattern, wie unsere Recherchen ergeben haben.

Im Internet, in Prospekten und zuweilen auch auf Plakatwänden wirbt die DB für ihr Sparpreisticket „Europa-Spezial“. Von Deutschland aus kann man damit in 15 Länder reisen, angeblich „ab 39 Euro“ pro Person und Strecke. Buchen lassen sich die Fahrkarten maximal drei Monate vor Reisebeginn, sei es online, am Schalter oder am Bahnhofsautomaten.

Bei Verbindungen wie Köln–Kopenhagen oder Hannover–Amsterdam klappt das auch gut. Aber wer zum Beispiel von Berlin nach Paris oder von Frankfurt (Main) nach Venedig fahren möchte, kann das Pech haben, dass er beim ersten Buchungsversuch nicht eine einzige 39-Euro-Karte im gesamten kommenden Quartal entdeckt. Wer bessere Chancen haben will, muss genau drei Monate vor Reisebeginn kurz nach Mitternacht im Internet auf bahn.de die Verbindungssuche oder den „Sparpreis-Finder“ anklicken. Wenn das System nicht gerade wegen Überlastung den Dienst verweigert, findet sich auch mal ein 39-Euro-Ticket in drei Monaten nach Paris oder Venedig. Das ist etwa so, als müsste man sich im Restaurant um Mitternacht anstellen, um sich für einen Termin in einem Vierteljahr eines der angepriesenen Fünf-Euro- Fischgerichte zu reservieren.

Wer nicht so gerne nachts vorm Computer hockt, sondern lieber tagsüber ins Internet oder zum Bahnhof geht, der muss nehmen, was von der nächtlichen Schlacht am Ticket-Büfett übrig geblieben ist. Sind die 39-Euro-Karten vergriffen, bleibt die Hoffnung auf die nächsten Preisstufen: 43, 49 oder auch 59 Euro pro Person und Fahrtrichtung sind immer noch günstig, aber oft gibt es dafür nur Sitzplätze in Nachtzügen – gute Erholung! Größer ist das Kontingent in den höheren „Europa-Spezial“-Preisklassen, die bis jenseits der 100-Euro-Schwelle reichen.

Immerhin warnt die Bahn ihre Kunden, dass das 39-Euro-Angebot nur gilt, „solange der Vorrat reicht“. Doch an manchen Tagen und auf besonders beliebten Strecken gibt es offenbar überhaupt keinen Vorrat. DB-Sprecher Andreas Fuhrmann kann diesen Verdacht nicht entkräften. „An bestimmten Tagen auf besonders langen Relationen kann es sein, dass Sie dort keine Fahrkarte zu 39 Euro bekommen“, räumt er auf Anfrage ein und verweist dabei auch auf die bevorstehende Hauptreisezeit, die einen „limitierenden Faktor“ darstelle.

Auf bahn.de oder in der DB-Broschüre „Europa wächst zusammen“ ist von solchen saisonalen Einschränkungen nicht die Rede. Fuhrmann meint denn auch, dass die Bahn „darüber nachdenken“ könne, ob sie für die Hauptreisezeit ihre Aussagen zum „Europa-Spezial“ ändert.

Wie viele 39-Euro-Tickets pro Tag zur Verfügung stehen, will der Sprecher nicht verraten. Nur das Grundprinzip: Je voller die Züge ohnehin schon sind, desto kleiner ist das Kontingent an Spartickets. Und wenn eine Fahrt ins Ausland zunächst über viel genutzte lange Streckenabschnitte innerhalb Deutschlands führt, dann begrenzt auch deren Auslastung stark das Europa-Billigangebot. Umgekehrt kann es laut Fuhrmann sein, dass bei wenig nachgefragten Zügen die Hälfte oder gar drei Viertel der Sitzplätze zu Sparpreisen offeriert werden.

„Wir arbeiten hier mit Prognosen“, sagt der DB-Sprecher. Sie basieren auf langjährigen Erfahrungswerten. Aber auch aktuelle Buchungsdaten fließen mit ein: Wenn eine Verbindung doch nicht so stark ausgelastet ist wie erwartet, dann wird das Kontingent laut Fuhrmann auch wieder aufgestockt.

Das alles erledigt ein automatisiertes Computersystem. Manche Bahn-Kunden fühlen sich dagegen eher an ein Roulettespiel erinnert.

Mit dem Sparpreisticket „Europa-Spezial“ können DB-Kunden ausgewählte Städte in 15 Ländern besuchen, sei es Stockholm, Paris, Venedig oder Warschau. Die Karten kosten im günstigsten Fall 39 Euro, zu bestimmten Zeiten und Zielen aber auch mehr als 100 Euro pro Person und Fahrtrichtung – solange der Vorrat reicht. Am größten ist die Auswahl am Beginn des ersten Vorverkaufstages genau drei Monate vor Reisebeginn.

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