Bulgarien : Partymeile Sonnenstrand

Zu viele Saufgelage: Bulgarien sorgt sich um die Qualität seines Tourismus.

Elena Lalowa
Wasserspiele. Im Aquapark am Sonnenstrand war es eng in diesem Sommer. Die Hotelburgen an der acht Kilometer langen Sandmeile waren ausgebucht. Auch aus Deutschland kamen mehr Gäste als im Jahr zuvor. Foto: picture-alliance
Wasserspiele. Im Aquapark am Sonnenstrand war es eng in diesem Sommer. Die Hotelburgen an der acht Kilometer langen Sandmeile...Foto: picture-alliance / HB-Verlag

Es sind immer die gleichen Szenen im bulgarischen Slantschew Brjag, dem international bekannten „Sonnenstrand“ am Schwarzen Meer. „Sex on the Beach!“, grölen junge Urlauber bei nächtlichen Saufgelagen. „Billige Girls, billige Drinks“, freuen sie sich. Ein Glas Whisky von fragwürdiger Qualität für nur einen Euro. Oft kommt dazu ein Tabletten- und Drogenmix, ebenfalls zu Niedrigpreisen. Am nächsten Morgen liegt immer mal wieder ein ausländischer Tourist in der Klinik.

Der acht Kilometer lange „Sonnenstrand“ ist zum Ort des Sauftourismus geworden. Die Hotelburgen sind auch in diesem Sommer proppevoll. Die betrunkenen Ausländer werden vom Personal zähneknirschend geduldet. Es sind schließlich zahlungskräftige Kunden. Ausgebucht waren im August praktisch alle großen Badeorte wie Slatni Pjassazi oder Albena weiter im Norden. „Auch im romantischen Sosopol platzten Hotels, Cafés und Gaststätten aus allen Nähten“, sagt ein einheimischer Gast.

„Die Preise fallen!“, lautete das Motto zu Saisonbeginn. Ein Urlauber kann im Drei-Sterne-Hotel schon für 15 Euro übernachten und frühstücken. Das Bier im 0,3-Liter-Glas kostet nicht einmal einen Euro. Die Zwischenbilanz: Mit wahrscheinlich fünf Millionen ausländischen Urlaubern wird 2010 ein Rekordjahr. Das wären zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Die Buchungen aus Deutschland stiegen sogar um ein Fünftel. Traditionell stellen die deutschen Urlauber etwa die Hälfte aller Feriengäste aus der EU.

Der unerwartete Touristenboom erfreut in Krisenzeiten auch die Regierung in Sofia. Die Reisebranche steuert immerhin mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts bei. Dieser Sommer werde rund 3,5 Milliarden Euro in die klammen Kassen spülen, fünf Prozent mehr als 2009, erläutert Zwetan Tontschew, Leiter der bulgarischen Tourismus-Kammer, zufrieden.

Tausende Russen dehnten im August ihren Bulgarienurlaub wegen der Waldbrände zu Hause aus. Auch die Nahostkrise hilft. Nach dem türkisch-israelischen Streit um die Gaza-Flotte meiden viele Urlauber aus Israel die Türkei. Sie reisen jetzt lieber nach Bulgarien.

Doch das Balkanland könne langfristig nicht auf den Massenurlaub im Beton-Dschungel und allerlei Krisen setzen, warnen Experten. Billige Drinks, Drogen und Sex dürften das Image der Urlaubsregion nicht länger prägen. Denn sonst wäre Bulgarien auf lange Sicht für anspruchsvolle, wohlhabende Gäste verloren. „Mit vielen Heilquellen und antiken Kulturstätten bietet Bulgarien auch Wellness oder Bildungsurlaub“, betont Iwo Marinow, als Vizewirtschaftsminister in der Regierung für den Fremdenverkehr zuständig. Ein aktueller Fund von Reliquien Johannes’ des Täufers könnte nun auch Pilger anziehen und das antike Sosopol zum „neuen Jerusalem“ machen, schwärmen Tourismus-Strategen. (dpa)

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