Dänemark : Die Wüste im Meer

Anholt, das dänische Inselchen mitten im Kattegat, hat einen Trumpf: Es ist absolut nichts los.

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Ein Fleck im Wasser. Ob die Insel Anholt noch in der Ost- oder schon in der Nordsee liegt – darüber streiten viele Gelehrte....

Was war das? Dieses Knarren und Knacken. Schritte? Nein, ausgeschlossen. Auf Anholt gibt es nur Wind und Wellen. Vor allem in einer Winternacht. Ein Holzhäuschen am Wald mag im Sturm allerlei Geräusche hervorbringen, doch das ist wirklich die einzige Ruhestörung. Ansonsten ist die Insel Anholt, mitten im Kattegat zwischen Dänemark und Schweden gelegen, ein verdammt stiller Ort. Wer die Insel besucht, will es nicht anders.

Rau und kalt ist der Wind, die Überfahrt bisweilen unruhig. Sieht man einmal von Grönland und den Färöern ab, ist Anholt die abgelegenste Insel im dänischen Königreich, nur ein kleiner Fleck im Blau des Kattegat, bewohnt von 165 Personen.

Agnethe Nörgaard ist eine von ihnen. „Wer für immer hierherzieht“, sagt sie, „muss es wirklich wollen.“ Es sei ein bisschen wie Auswandern. Agnethe Nörgaard ist eine hochgewachsene, vitale Frau mit kurzen grauen Haaren. Sie leitet die lokale „Turist-Information“ in einem kleinen, warmen Büro in einem Backsteinhaus. Sie stammt aus der dichtest besiedelten Gegend des Landes, aus Kopenhagen. Warum nun Anholt? Agnethe lächelt ein wenig. Sie kam im Sommer 1980 hierher. In jenem Jahr verliebte sie sich zunächst in die Insel, im folgenden Jahr in einen Fischer. Dann zog sie um.

Der Start war nicht einfach. Das Wichtigste sei gewesen, flexibel zu bleiben und sich von der Vorstellung zu verabschieden, man könne hier genauso wie auf dem Festland leben, sagt Agnethe. Wenn das Schiff wegen Sturms nicht auslaufe, müsse man eben zu Hause bleiben, und sei der Termin auf dem Land noch so wichtig. Dann könne es auch vorkommen, dass die Telefonverbindung zum Festland abreißt.

„Die Zeit läuft uns nicht weg“, sagt Agnethe, „und eigentlich sind wir in allem zwanzig oder dreißig Jahre hinterher.“ Manchmal sei die Angst da, bei politischen Entscheidungen einfach übersehen, vergessen zu werden. „Deshalb müssen wir immer mal wieder rufen: Hallo, wir sind noch da.“ Und so haben sich Anholt und 20 weitere Inseln zum „Samslutning af Danske Smoör“, dem Verbund dänischer Kleininseln, zusammengeschlossen. Gemeinsam kämpfen sie um jeden ihrer Bewohner, bemühen sich um Arbeitsplätze und den Erhalt der lebenswichtigen Schiffsverbindung zum Festland. „Im Grunde genommen geht es schon seit zwanzig Jahren ums Überleben.“

Dass hier überhaupt noch Menschen leben und die Bevölkerung seit Jahrzehnten stabil bleibt, verdanken sie der Einsamkeit. Landwirte und Fischer gaben irgendwann auf. Doch die Stille, das Meer, die Abgeschiedenheit – das lockt. Im Sommer, von Ende Juni bis Ende August, bringt die Fähre nicht nur Tageszeitungen, Baustoffe oder Lebensmittel auf die Insel. Dann befördert sie auch Besucher, an manchen Tagen sogar hunderte, nach Anholt. Etwa 60 000 sind es jährlich, die dafür sorgen, dass der Tourismus als einzig echter Erwerbszweig der Insel verbleibt.

Wer nach Anholt kommt, muss wissen, dass viele Dinge einfach nicht da sind. Zum Beispiel Autos. Zwar gibt es ein par Taxis und auch der Inselarzt ist motorisiert. Aber kein Besucher kann sein Auto auf die Fähre laden. Wozu auch? Mehr als fünf, sechs Kilometer asphaltierte Straße gibt es hier nicht. Auch sonst ist Touristen zu empfehlen, vorzusorgen: Es gibt keinen Bankautomaten und nur im Sommer hat die Handvoll Bars und Kneipen geöffnet.

Zur Erkundung der Insel bleiben nur Fuß und Fahrrad. Eine Hügelkette entlang der Westseite schirmt den einzigen Ort Anholt By vom Westwind ab. Dort führen Wanderpfade auf den Nordbjerg und den Sönderbjerg, letzterer mit 48 Metern die höchste Erhebung der Insel und ein wunderbarer Aussichtspunkt.

Vier Fünftel Anholts bestehen aus der Örkenen, der „Wüste“, wie die Landschaft genannt wird. Und wüstenartig mag diese Gegend auch anmuten an heißen Tagen, wenn das Auge nichts erblickt außer flachen, mattenartigen Bodengewächsen, ein paar Sträuchern und einigen bis zu zwanzig Meter hohen Sandwällen. Die Örkenen ist die größte zusammenhängende Flechtenheide Skandinaviens, sie erstreckt sich über zehn Kilometer bis zum Leuchtturm Anholt Fyr an der Nordostspitze der Insel. Die Fläche steht wie insgesamt neunzig Prozent der Insel unter Naturschutz und wird von der dänischen Umweltbehörde verwaltet.

Bis zum Leuchtturm und zurück muss der Wanderer allerdings mindestens viereinhalb Stunden einplanen. Es mag komisch klingen, doch: Verpflegung mitnehmen – und einen Kompass, damit man den Rückweg auch bei diesigem Wetter findet. Denn Wege gibt es hier nicht. Außer den Sanddünen finden sich auch kaum Anhaltspunkte in der Natur, an denen man sich orientieren könnte. Im Sommer begegnen einem einige andere Besuchern, doch im Winter kann es passieren, dass man den ganzen Tag allein bleibt. Der Tourist ist dort angekommen, wo er hinwollte: im Schoß der Natur. Andere stellen fest: am Arm der Welt.

An für die Einwohner „guten“ Tagen wird es ziemlich voll auf der Insel. Sind die Anholter froh, wenn die Gäste wieder weg sind, wenn sie wieder unter sich sind? Agnethe Nörgaard muss nicht überlegen. „Nein, so ist es nicht“, sagt sie. „Wir alle wissen hier, dass wir zu einem großen Teil von unseren Gästen leben.“

Die eingeschränkten Zukunftsaussichten führen dazu, dass man auf Anholt nur selten einem Jugendlichen begegnet. „Die sind alle auf dem Festland“, sagt Agnethe. Die Schule auf Anholt hat zwei Klassen, insgesamt etwa zwanzig Kinder. In einer wird der Nachwuchs im Alter von sieben bis zehn unterrichtet, in der anderen die Kinder bis vierzehn oder fünfzehn Jahre. Wer auf eine weiterführende Schule möchte, muss ein Internat auf dem Festland besuchen. Wer eine Ausbildung machen will, ebenso. „Das ist dann der Punkt, wo viele Familien der Insel den Rücken kehren“, sagt Agnethe. „Wer möchte sein Kind schon mit vierzehn Jahren ziehen lassen?“ Denn meist bleiben Anholts Kinder auf dem Festland und kommen nicht wieder. Nur ganz wenige bringen das übers Herz, Agnethe selbst tat es. „Das war schon sehr, sehr schwer“, sagt sie und ihr Blick verweilt kurz in der Vergangenheit.

Es sind Menschen wie Palle Dall Larsen, die dazu beitragen, dass es wohl immer Anholter geben wird. Vor einem dreiviertel Jahr zog er mit seiner Freundin auf die Insel, um der „Hektik der Stadt“ zu entgehen, wie er sagt. Davor lebte er in Grenaa, dem Städtchen an der Küste gegenüber, knapp 15 000 Einwohner. Doch selbst dort war es ihm oft zu viel. „Wenn man am Wochenende einkaufen wollte, fand man kaum einen Parkplatz, in den Läden war furchtbares Gedränge, es war immer laut.“

Menschen bewerten Enge durchaus unterschiedlich, soviel ist klar. Palle, Mitte vierzig, Geheimratsecken, dicker Fleece- pullover, ist jedoch ein besonderer Fall. Auf Seeland geboren, zog er oft in Dänemark um, bis er in der entlegendsten Gegend der dänischen Krone einige Jahre seine Ruhe fand. „Ich habe fünf Jahre in Grönland auf der Thule Air Base gelebt“, sagt Palle. „Das war richtig einsam.“ Dort, etwa zweihundert Kilometer vom geomagnetischen Nordpol entfernt, am nordwestlichen Zipfel Grönlands, half er als Techniker beim Betrieb des Stützpunktes der US Air Force.

Im Vergleich zur arktischen Einsamkeit ist seine neue Heimat ein geradezu pulsierender Ort. Doch kein Vergleich mit dem Festland, sagt Palle: „Überall gibt es dort Brücken, Tunnel und Autofähren. Die Straßen hier auf der Insel sind jedoch gottlob nicht für Autos gemacht.“ Nur so könne wirkliche Ruhe entstehen. Die genießt er am liebsten auf dem Sönderbjerg. „Dort oben könnte ich stundenlang stehen“, sagt er.

Es ist früher Abend und stockdunkel. Palle Dall begleitet seinen Gast ein Stück des Heimweges. Er hält inne, schließt die Augen und atmet tief ein. „Hörst du das?“, fragt er. Nein, gar nichts. „Eben“, sagt Palle, „das ist doch Luxus heutzutage.“

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