Dänemarks Norden : Am Strand der Sammler

Der Limfjord ist eigentlich ein Sund. Er teilt die dänische Halbinsel Jütland und verbindet die Nordsee mit dem Kattegat. Hier gibt’s bissfeste Austern – und seltene Fossilien.

Kirsten Schiekiera
Beste Lage für das Lingstedt Museum in Løgstør. Drinnen geht es, wenig überraschend, um Fischfang und Seefahrt.
Beste Lage für das Lingstedt Museum in Løgstør. Drinnen geht es, wenig überraschend, um Fischfang und Seefahrt.Foto: Kirsten Schiekiera

Mit Schwung stellt Martin Daasbjerg seinen Fang auf einen Holztisch am Hafen. der Venø Bucht. Einen Eimer voller Muscheln, einen Eimer voller Austern und eine Schüssel mit kleinen Krabben hat der Mittsechziger innerhalb einer Stunde im Limfjord gesammelt: „Man muss nur wissen, wo man suchen muss.“ Dann beginnt er mit einem kurzen dicken Messer die Schalen der Austern aufzubrechen und reicht sie seinen Gästen.

Im Limfjord auf der dänischen Halbinsel Jütland befinden sich die nördlichsten Austernbänke Europas. Dort siedeln sich die seltenen europäischen Austern an, die ungewohnt mild im Geschmack und fester im Biss sind. Austern für Einsteiger, wenn man so will. Daasbjerg findet, dass es die besten der Welt sind.

„Das ist mein Hobby!“ sagt der Mann mit den windzerzausten weißen Haaren und breitet die Arme weit aus, so als würde er die ganze Bucht umarmen wollen. Sein Hobby ist, wie sich zeigt, nicht nur die Jagd nach Schalentieren. Ihm gehört auch eine Jacht im Hafen und das Restaurant, vor dem der Holztisch steht. Daasbjerg verdient sein Geld bisher als Bauer. Seine Geflügelfarm – „80.000 Bio-Enten jährlich, die meisten davon esst Ihr Deutschen!“ – liegt nur wenige Kilometer entfernt auf weitem, tiefgrünen Weidenland. „Diese Gegend hat eine Menge Potenzial, das erst langsam entdeckt wird“, sagt er.

Im Westen liegt das Surferrevier "Cold Hawaii"

Damit hat der Farmer wohl recht. Viele Dänen aus Kopenhagen oder Aarhus haben zwar in der Gegend rund um den weit verzweigten Limfjord ihre Wochenendhäuser gebaut. Doch internationale Sommerurlauber kommen nur selten weiter nördlich als bis zum beliebten Hennestrand. Im Nordwesten von Jütland lassen sie sich kaum blicken. Dabei bieten der Fjord und seine Umgebung so viele Annehmlichkeiten. Das Wasser ist einige Grad wärmer als in der nahegelegenen Nordsee, der Wind bläst nicht ganz so scharf. Die Ufer des Fjords winden sich meist in sanften Kurven auf einer Länge von 1000 Kilometern. Die langen Strände sind beinahe menschenleer.

Rastplatz am Limfjord bei Virksund.
Rastplatz am Limfjord bei Virksund.Foto: IMAGO

Reisende erleben immer wieder einen jähen Wechsel der Perspektiven und der Landschaften. Da breiten sich zerklüftete Buchten zwischen steilen Klippen aus, während sich gleich nebenan ein dürrer Nebenarm des Fjords an grünen Hügeln vorbeischlängelt. Westlich vom Fjord liegt das stürmische Nordsee-Surferrevier von Klitmoller, das auch als „Cold Hawaii“ bekannt ist.

Mit einer Größe von 1500 Quadratkilometern ist der Limfjord der größte Fjord Dänemarks. Im Osten bei Aalborg ist er nur so schmal wie ein Fluss. Im Westen bei Thisde gibt es Stellen, die bis zu 25 Kilometer breit sind. Dort muss man mitunter die Augen zusammenkneifen, um einen Streifen Land am Horizont zu sehen. Und als wäre das nicht Wasser genug, befinden sich in der Nachbarschaft des verzweigten Fjords auch noch Hunderte von Süßwasserseen.

Bis zum Jahr 1100 nutzen die Wikinger die Passage

„Wenn man es genau nimmt, ist der Limfjord gar kein Fjord, sondern ein Sund“, sagt der Historiker Jørgen Hansen, der gerade sein 18. (!) Buch über die Geschichte Dänemarks schreibt. Aus geologischer Sicht ist ein Fjord eine Wasserzunge, die ins Land hineinragt und die sich umrunden lässt. Der Limfjord aber trennt das nördliche Drittel Jütlands vom Süden der Insel ab. Wer möchte, kann durch den Fjord von der Nordsee zur Ostsee und umgekehrt schippern.

Bereits die Wikinger hatten die ruhige Passage genutzt um mit ihren Drachenbooten Jütland zu durchqueren und auf Raubzug zu gehen. Doch ab 1100 waren die beiden Landzungen Agger Tange und Harboøre Tange im Westen mehr als 700 Jahre lang miteinander verbunden. Die starken Stürme, die vom Westen her immer wieder an die Küste brausen, hatten die Meerenge damals zugeweht. „Der Limfjord war gut 700 Jahre tatsächlich ein Fjord , in dieser Zeit entstand auch sein Name“, erklärt Hansen.

Doch dann kam 1825 die Februarflut, die die gesamte Nordseeküste von Dänemark, den Niederlanden und Deutschland heimsuchte. Mehr als 800 Menschen sollen damals ertrunken sein. Im Westen von Jütland wurde die Meerenge bei Agger wieder freigespült. Inzwischen ist dieser Kanal längst wieder versandet, doch eine weitere große Sturmflut riss 1962 bei Thyborøn ein Loch in die Küste, das bis heute freigehalten wird. Seitdem mischen sich wieder Nordsee – und Ostseewasser.

„Für die meisten Menschen war der Durchbruch zur Nordsee ein Segen. Durch die neuen Wasserwege entstanden neue Handelsrouten, die Gegend erlebte einen enormen Aufschwung“, sagt Hansen. Die Fischer jedoch litten Not. Der hohe Salzgehalt des eindringenden Nordseewassers ließ die Fischbestände schrumpfen, sie brauchten Jahre, um sich zu erholen.

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