Insel Møn : Alle Achtung, ein Haifischzahn

Møns Klint, die Steilküste der dänischen Insel, lockt Schatzsucher. Dort gibt es Fossilien in Hülle und Fülle. Irgendetwas findet sich immer, sagt ein Experte.

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Nein, das ist nicht Rügen. Auch die kleine dänische Insel Møn lockt mit einer Kreideküste. Foto: Franz Lerchenmüller
Nein, das ist nicht Rügen. Auch die kleine dänische Insel Møn lockt mit einer Kreideküste.Foto: Franz Lerchenmüller

Hat da jemand seine Kontaktlinsen verloren? Wurde Gold gefunden? Oder unternimmt die philosophische Fakultät der Uni Kopenhagen ihren Betriebsausflug auf der dänischen Insel Møn? Den Kopf nach unten, die Augen zu Boden gerichtet, wandern Grüppchen von Menschen auf dem schmalen, kiesigen Streifen zwischen Meer und Steilküste entlang. Manchmal geht einer in die Knie, wühlt im Geröll, hebt etwas auf, betrachtet es – und wirft es wieder weg. Dann aber ist es so weit. „Hej“, schreit einer, und zeigt seinen Fund dem Mann, der neben ihm an der Wasserlinie geht. „Galerites vulgaris“, sagt der nach einem kurzen Blick. „Ein versteinerter Seeigel, recht gut erhalten und schön gezeichnet. Ist aber nichts Außergewöhnliches. Wenn du einen mit vier oder sechs Segmenten findest, sag’ wieder Bescheid.“ Unter 200 000 Exemplaren kommt der nämlich nur einmal vor.

Der Mann muss es wissen. Hans Henrik Meyer ist einer der 50 Führer des Geocenter Møns Klint und wirkt mit seinen 56 Jahren verblüffend jugendlich. Bereits als Sechsjähriger hat er seine erste versteinerte Muschel aufgelesen. Seitdem ist seine Fossiliensammlung stetig gewachsen. Bis auf zusammengerechnet unglaubliche 22 Tonnen ist sie bis heute gewachsen. Und er selbst hat sich längst einen Namen als Spezialist für versteinertes Holz und Haifischzähne gemacht.

Møns Klint, der spektakulärste Teil der Ostküste der dänischen Insel Møn, ist sechs Kilometer lang und bis zu 128 Meter hoch. Knapp 500 Stufen führen an mehreren Stellen hinunter zum Meer – nicht uninteressant, dass der Lokalmatador unter den Treppenläufern sie in knapp dreieinhalb Minuten emporsprintet. Der Strand am Fuß der blendend weißen Kreidefelsen gilt als der Ort, an dem jeder, aber auch wirklich jeder fündig wird, der einmal Fossilien entdecken will. „Irgendetwas findet man immer“, behauptet der Führer. Überreste von Korallen liegen im Geröll, Teilstückchen von Seelilien und Schwämmen und vor allem Donnerkeile. Letztere erinnern an bernsteinfarbene Gewehrpatronen aus Glas oder Ton und befanden sich einst im hinteren Teil von Tintenfischen. In den Röhren aus Kalzit verliefen die Nervenbahnen des Fisches.

Welche Wunderdinge sonst noch auf Møn entdeckt wurden und werden und wie es dazu kam, erfährt der Besucher eindrucksvoll im 2006 eröffneten, multimedialen Erlebniscenter. Schritt für Schritt geht es hinunter in den Keller und 70 Millionen Jahre zurück in die Vergangenheit.

3-D-Kino mit „Meeresmonstern“

Zu jener Zeit erstreckte sich hier weithin das Kreidemeer – und schon steht der Besucher am Grunde genau jener See. Und mittendrin im Kampf ums Dasein: Ein gigantischer Krake gleitet über die Wand, von wer-weiß-woher schießt plötzlich ein mächtiger Meeressaurier heran, schnappt sich mit nadelspitzen Zähnen den Tintenfisch – und umwabert von einer schwarzen Wolke taumeln ein paar abgebissene Fangarme zu Boden. Der schnelle Räuber, Mesosaurus hoffmannii, hängt zudem als zehn Meter langes Modell über den Besuchern und zeigt – schön erschreckend – im roten Licht die Reihen seiner scharfen Beißwerkzeuge.

Fachmann Hans Henrik Meyer kennt sich aus mit Fossilien. Foto: Franz Lerchenmüller
Fachmann Hans Henrik Meyer kennt sich aus mit Fossilien.Foto: Franz Lerchenmüller

An der anderen Seite der Wand rieseln ununterbrochen winzige weiße Plättchen nieder. Es sind die Überreste der Coccolithen, mikroskopisch kleines (maximal 0,01 Millimeter großes) scheibenförmiges Plankton aus Kalk. Starben die algenartigen Gebilde ab, sanken sie zu Boden, und nach 10 000 Jahren war der eine Handbreit gewachsen. Bis zu einer Dicke von mehr als zwei Kilometern türmte sich diese Kreideschicht im Lauf von 80 Millionen Jahren auf.

In einer Vitrine liegen neben Seeigeln, Donnerkeilen und Seelilien auch Überreste von Seesternen, Moostierchen, Korallen und Amoniten, die alle auf Møn gefunden wurden. An einem Modell erfährt der Besucher, wie vor 12 000 Jahren Eis aus dem Norden den kreidigen Meeresboden zusammenschob, faltete und an die Oberfläche drückte – wo er heute noch in seiner ganzen weißen Pracht zu bewundern ist.

Es gibt auch ein 3-D-Kino mit „Meeresmonstern“, einen Gang durch einen Gletscher und eine Kletterhöhle. Und seit Juni vergangenen Jahres zeigt eine Sonderausstellung Fotos, Filme und Funde von einer Expedition des Geocenters nach Grönland. Neben Teilen verschiedener Skelette watscheln, planschen und flattern die dazugehörigen Saurier über den Bildschirm. Und im obersten Stockwerk, wo sich das komplette Gerüst eines Plateosaurus erhebt, flüchtet sich zu Urzeitblitz und Tropendonner der pflanzenfressende Tolpatsch vor ein paar Angreifern ins flache Wasser – und wird dort von einem riesigen Krokodil gerissen.

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