Auf den Spuren von Erich Loest in Mittweida : „Für zwanzig Pfennig in die Freiheit fahren“

Mittweida liegt im Zentrum Sachsens. Erich Loest wurde dort vor 90 Jahren geboren. Der Schriftsteller wollte aufklären – und huldigte Karl May.

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Der dreieckige Marktplatz im schmucken Mittweide.
Der dreieckige Marktplatz im schmucken Mittweide.Foto: picture-alliance/ ZB

Viele Jahre hat der Schriftsteller Erich Loest in Mittweida gewohnt. Ob er das Städtchen gemocht hat? In seinem umfangreichen literarischen Werk spielt es kaum eine Rolle. Nur hier und da finden sich ein paar Anmerkungen. „Etwa in der geographischen Mitte Sachsens liegt Mittweida, meine Geburtsstadt“, heißt es in Loests gallebitterem, autobiografischen Buch von 1990, „Der Zorn des Schafes“. Und weiter: „Wir besaßen ein großes altes Haus, an den Hang gebaut, mit kalten Kellern und hohen Bodenkammern.“ Der Vater hatte das Haus, direkt an der Stadtkirche gelegen, ausgerechnet 1933 erworben.

Im Zweiten Weltkrieg blieb Mittweida unzerstört, die Bombenziele Leipzig, Chemnitz, Dresden lagen weit genug entfernt. So wirkt das Städtchen heute geschlossen und beschaulich. 800 Jahre alt ist es, prächtige Bürgerhäuser zeugen vom früheren Wohlstand der Stadt, schmuck sieht alles aus. Auf dem Marktplatz prunkt die Rekonstruktion jener Postmeilensäule, die der sächsische Kurfürst August der Starke hatte aufstellen lassen.

Wer gern zu Fuß unterwegs ist, findet im Zschopautal schöne Ausflugsziele und markierte Rundwanderwege. Kulturgeschichtlich Interessierte sind auf dem Kirchberg gut aufgehoben. Dort hat sich ein Ensemble aus Fachwerkbauten erhalten, die alten Pfarrhäuser. Im Heimatmuseum werden Alltagsgegenstände und Exponate zur Handwerks- und Industriegeschichte präsentiert. Im Johannes-Schilling-Haus sind Plastiken, Skizzen und erstaunliche Erfindungen des Bildhauers (1828–1910) zu betrachten. Und im Erich-Loest-Wohnhaus, schräg gegenüber, ist im Erdgeschoss seit fünf Jahren eine Dauerausstellung zum Leben und Werk des Mittweidaer Ehrenbürgers (1926–2013) eingerichtet.

Loest hatte sich bereits 1997 deutlich sichtbar in Mittweida engagiert. Er stiftete eine Gedenktafel im Rathaushof für Karl May. Wie bitte? Ja, Karl May und Mittweida haben auch eine Geschichte. Denn im Gebäude des heutigen Rathauses, dem damaligen königlich-sächsischen Bezirksgericht zu Mittweida, wurde der spätere Schöpfer von Winnetou und Old Shatterhand im April 1870 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Einige Tage verbrachte er in einer Zelle im ehemaligen Stadtgefängnis in der Rochlitzer Straße. Dort sind heute Teile des Mittweidaer Stadtarchivs untergebracht, auch Zellen sind noch zu besichtigen.

Für die Ausstellung im früheren Wohnhaus legte Loest selbst den Grundstein

Und da Loest fasziniert war von Karl May, ließ er eine Gedenktafel in knappen Worten anfertigen. Loest hatte nicht nur verschiedene Texte zu Karl May veröffentlicht, er hatte auch so etwas wie seine Seelenverwandtschaft bekundet: „Wir haben viele Gemeinsamkeiten“, sagte Loest. „Ich bin Sachse wie er, nicht weit von seinem Heimatort und unter dem gleichen Sternzeichen geboren, er am 25., ich am 24. Februar; ich in Mittweida, wo er verurteilt wurde. Ich habe wie er sieben Jahre im Knast gesessen. Und wenn es so etwas gibt, könnte ich mir vorstellen, dass ich in meinem früheren Leben Karl May gewesen bin.“

Das Museum für Erich Loest wurde vor fünf Jahren eingerichtet.
Das Museum für Erich Loest wurde vor fünf Jahren eingerichtet.Foto: Stefan Berkholz

Um sein eigenes literarisches Nachleben hatte sich Erich Loest auch frühzeitig gesorgt. Er ordnete seinen Nachlass, engagierte sich für eine Dokumentationsstätte in seinem ehemaligen Wohnhaus, stellte rechtzeitig Exponate zur Verfügung. Im Februar 2009 meldete die Stadt die Eröffnung auf dem Pfarrberg 12, direkt gegenüber der Stadtkirche. Erich Loest hatte dort von 1933 bis 1948 seinen Wohnsitz, ehe er ins nahe gelegene Leipzig zog.

Zufrieden notierte der Schriftsteller im März 2009 in seinem Tagebuch: „Aus drei Zimmerchen ist ein Raum entstanden, in dem man etwas anfangen kann, Boden, Decken, Leuchten, Gardinen – alles wirkt edel.“

Einblicke in das Familienleben werden gegeben, die Anfänge als Journalist in den Jahren 1946 bis 1950 beleuchtet, der Beginn als Schriftsteller in den Jahren 1950 bis 1957, dann das Gefängnis, die Ausweisung und die Jahre in der BRD, schließlich die Rückkehr nach Sachsen 1990.

Im ersten Raum blickt der Schriftsteller den Betrachter im kurzärmeligen weißen Hemd an: offener Kragen, die Hände vor dem Bauch gefaltet, etwas bärbeißig. Ein Ölgemälde von Johannes Heisig aus dem Jahre 2005. Persönliche Gegenstände wie eine alte Lederjacke aus der Nachkriegszeit sind zu sehen, eine geschnitzte kleine Holztruhe, ein Krug, mit dem der Sohn immer Bier für den Vater holte.

Auf der „Brother AX 300“ tippte er zehn Jahre lang

Doch das Museum ist kein putziges Devotionalien-Sammelsurium. Das passte nicht zu Loests politischem Verständnis. Der Schriftsteller wollte mit seiner Literatur aufklären, deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert veranschaulichen, Zusammenhänge und Hintergründe herstellen. Dieser Grundsatz ist in der Schau verwirklicht. Man findet den Entlassungsschein aus dem Bautzener Knast. Wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ war Loest von 1957 bis 1964 inhaftiert – es war der Bruch in seinem Leben. Alles Weitere ist vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Der Schriftsteller Erich Loest im Jahr 1984.
Der Schriftsteller Erich Loest im Jahr 1984.Foto: Imago/Teutopress

„Ich hätte ’57 nach dem Westen abhauen müssen, keine Frage. Die Mauer war noch nicht da, man konnte in Berlin für 20 Pfennig in die Freiheit fahren, und ich würde das heute vorziehen und würde nicht in den Knast gehen. Aber damals hatte ich die Fantasie nicht. Und sieben Jahre sind dann eine lange Zeit.“ So erzählt es Loest – in breitem Sächsisch – in einem Interview, das am Ende der Ausstellung zu hören ist.

Auch fünf Kassiber von 1959 sind zu sehen. „In einer Ritze hatte L. einen Bleistiftstummel entdeckt“, heißt es in Loests Lebensbericht von 1981, „Durch die Erde ein Riß“. Zum Bleistift fand sich eine Kekspackung, die eng beschrieben über drei Mauern hinwegflog.

In der raffinierten Ausstellungsinstallation kann man durch das Werk des Schriftstellers blättern. In Schubladen unter den Vitrinen finden sich weitere Dokumente. Fundstücke zum Thema „DDR-Zensur“, Zeugnisse seines schriftstellerischen Schaffens. Das Manuskript „Spurensicherung“ von 1977 ist erhalten. Daraus entstand sein Lebensbericht von 1981. Auch das Manuskript seines bekanntesten Romans „Nikolaikirche“ von 1995 ist ausgestellt. Daneben sehen wir die elektrische Schreibmaschine, Marke „Brother AX 300“, mit der Loest in den Jahren von 1995 bis 2005 arbeitete. Darauf entstanden auch die Romane „Reichsgericht“ von 2001 und „Sommergewitter“ von 2005. Ein Großteil der von Loest erschienenen Romane ist in den Bücherregalen vorhanden. Anschauen und lesen ist ausdrücklich erwünscht.

Etwas außerhalb von Mittweida liegt Loest begraben. So hat er am Ende doch noch in sein Heimatstädtchen zurückgefunden und fand dort die letzte Ruhe neben seiner ersten Frau Annelies.

TIPPS FÜR MITTWEIDA

Anreise

Die Bahn braucht rund drei Stunden von Berlin.

Unterkunft & Verpflegung
Hotel „Deutsches Haus“, denkmalgeschützt, kein Aufzug, nicht barrierefrei,
Zimmer mit Frühstück 70 Euro
Rochlitzer Straße 5, Telefon: 037 27/ 96 14 58.
Gute Küche im gemütlichen Gewölberestaurant.

Kleinigkeiten und besten Mohnstriezel in der Landbäckerei Dietrich am Markt.

Museen
Alte Pfarrhäuser, Erich-Loest-Haus, Schilling-Haus
Kirchberg 3, Telefon: 037 27/34 50, museum-mittweida.de

Mittweida Tourismus, Tel.: 037 27/ 96 70

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