Bad Kissingen : Erst ein Tänzchen, dann die Torte

In Bad Kissingen kuren die Wohlhabenden der Generation 60 plus. Nun wirbt man um jüngeres Publikum, mit Salsa und Partys.

Wolfgang Stelljes
Stilvoll. 90 Meter lang ist die Wandelhalle des Kurbades und damit die größte Europas.
Stilvoll. 90 Meter lang ist die Wandelhalle des Kurbades und damit die größte Europas.Foto: Karl-Josef Hildenbrand/p-a/dpa

Wer zum ersten Mal nach Bad Kissingen kommt, hat so seine Vorurteile im Kopf. Irgendjemand meinte gar, für junge Leute sei der bekannteste Kurort Deutschlands so etwas wie der Vorhof zur Hölle. Der erste Eindruck auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel scheint das zu bestätigen. Der Ort ist eine Mischung aus repräsentativen Bauten und schmucklosen Bausünden, mondän und profan zugleich. Hier wirbt ein „Sanatorium“ um Kundschaft, dort ein „Solarium“. Kaum eine Menschenseele ist unterwegs.

Keine zehn Fußminuten später: Siehe da, das Staatsbad lebt. Am Ufer der Fränkischen Saale herrscht reges Treiben an diesem sonnigen Tag. Flanieren, so hat es den Anschein, gehört zum Tagwerk des Gastes von Bad Kissingen. Überall, wo auch nur ein paar Sonnenstrahlen hinfallen, gibt es sogar draußen Kaffee und Kuchen. Zum Beispiel unter den Palmen beim Arkadenbau im Kurgarten. Hier ist Bad Kissingen mehr Rom als südlicher Ausläufer der Rhön.

Wer unbedingt seine Vorurteile bestätigt sehen möchte, begebe sich zum Tanztee im Kurgarten-Café. An diesem Tag zuständig für das musikalische Programm: „Kay’s One Man Band“. Hier trifft sich ein gut situiertes Publikum, die Herren mit goldenen Manschettenknöpfen, akkuratem Einstecktuch und geradem Rücken. Einige Damen sind, man sieht’s, geliftet.

60 plus - das ist noch immer das Publikum

Punkt 15 Uhr bittet Kay Lehnert zum Tanz: „Rote Lippen soll man küssen“. Drei Stücke nur, dann ist Pause. Dann wieder drei Stücke. „Hier muss ich das so machen“, sagt Lehnert. Damit die Tänzer zwischendurch zur Ruhe kommen und – nicht zuletzt – auch mal was verzehren. Die legendäre Rakoczy-Torte zum Beispiel, eine feine Backware aus Nougat und Pistaziensahne, umhüllt von Marzipan.

„60 plus, das ist noch immer das Publikum“, sagt Lehnert. Es sind viele Stammgäste da, aus Fulda, aus Würzburg, ergänzt Geschäftsführer Jochen Wehner. Und Zugezogene, mit Zweitwohnung. „Kurlaub“ im klassischen Sinn gibt es in der Form allerdings nicht mehr. Morgens Fango, abends Tango, das war einmal.

Nur gut hundert Meter Luftlinie entfernt, in der Wandelhalle, spielt fast zeitgleich das Kurorchester auf, vor überwiegend älterem Publikum. Das Kurorchester von Bad Kissingen ist nicht irgendein Kurorchester, sondern mit 13 Musikern das größte deutsche in Festanstellung. Und ganz nebenbei noch Weltrekordhalter: 727 Auftritte wurden in einem Jahr gezählt, das reicht für einen Eintrag ins „Guinness-Buch der Rekorde“. Dort ist es nun als „meistspielendes Ensemble der Welt“ verzeichnet.

Würden die Musiker ihr gesamtes Repertoire am Stück präsentieren, kämen sie drei Wochen lang nicht mehr runter von der Bühne. Übrigens: Seit 2010 wird das Orchester von einer Frau geleitet, zum ersten Mal in der 175-jährigen Geschichte. Soll also keiner sagen, es täte sich nichts in Bad Kissingen.

Russen sind mit Trinkkuren gut vertraut

Am nächsten Morgen um sieben Uhr: Nicole Rössner steht in der Wandelhalle hinter glänzenden Armaturen aus Phosphorbronze, die jeden Tag poliert werden müssen, damit sie nicht oxidieren. Rössner ist eine der sogenannten Brunnenfrauen, die zwei Mal am Tag Heilwasser ausschenken. Der erste Gast heute, eine Russin, reicht ihr ein Glas und dazu ein Rezept. Die Zahl der Russen, die sich hier ein alkoholfreies Wässerchen gönnen, hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen.

Trinkkuren sind schließlich vielen Russen vertraut. In Bad Kissingen sprudelt das Nass aus sieben unterirdischen Quellen, drei Bade- und vier Trinkquellen. Wer seinen Körper „entgiften“ will, dem empfiehlt Rössner lauwarmes Wasser aus der Rakoczy-Quelle. Das mildeste Wasser stammt aus der Luitpold-Quelle. Es hat wenig Salz, dafür mehr Eisen. Zu viel Heilwasser zu kalt genossen, das führt zu Durchfall, warnt Rössner.

„Alle unsere Quellen sind homöopathische Heilmittel“, sagt Gerhard Wulz. Der pensionierte Berufsschullehrer ist Gästeführer und trotz seines profunden Wissens in der Lage, die wesentlichen Dinge pointiert zu vermitteln. Und zu den wesentlichen Dingen zählen für Wulz die Wandelhalle und der Regentenbau. Beide wurden von dem Münchener Architekten Max Littmann im Auftrag des bayrischen Prinzregenten Luitpold errichtet, „unter Einhaltung der Zeiten und Kosten“, wie Wulz ausdrücklich betont und Berliner Besucher eindringlich anschaut. „Der hat bis hin zur Türklinke alles geplant.“

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