Bodensee : Alles silbrig im Netz

Am Bodensee werden die Fische auch von zarter Hand zerlegt. Sieben der 144 Fischer sind Frauen – und sie haben gut zu tun.

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Es ist kein schlechter Morgen für die Fischer, auch wenn er regnerisch und trüb über dem See lastet. Immer mal wieder taucht einer der hellen Flecken in der Tiefe auf und durchbricht als glitzernder Fisch die Wasseroberfläche. Heike Winder im dunkelgrünen Ölzeug löst ihn sorgfältig aus den Maschen, während Thomas Geiger, ihr Lebenspartner, Zug um Zug das 120 Meter lange Treibnetz einholt. Schon füllt sich die zweite Kiste mit 30, 40 Zentimeter langen, silberschuppigen Bodenseefelchen – rund 40 Kilo werden es am Ende sein, wenn alle acht Netze eingeholt sind. Es ist mehr als in den vergangenen Tagen – aber kein Vergleich zu den Zeiten vor zwölf, fünfzehn Jahren, als in einem einzigen Netz oft 20 Kilo Fisch zappelten.

Sieben der 144 Fischer am Bodensee sind Frauen. „Fast so wie im Lied aus dem Film“, sagt Heike Winder. „Nur zieht bei uns kein weißer Schwan das Boot, sondern schön schnelle Dieselmotoren. Und die Arbeit kann richtig hart werden, vor allem bei schlechtem Wetter.“ Keine Fischer-Romantik also bei der 41-jährigen Fischermeisterin? „Die Abendstille auf dem See, die Morgen, wenn die Sonne durch den Dunst bricht – doch, das ist immer wieder wunderschön.“ Und natürlich lockt auch jeden Tag das Abenteuer allen Fischens, die köstliche Ungewissheit: Was sich wohl heute Nacht wieder in den Maschen gefangen hat?

Auf dem Rückweg nimmt sie den Fang noch an Bord des langen, offenen Blechboots aus, damit er an Land sofort zu den Gastronomen in Hagnau weitertransportiert werden kann. Heike Winder entstammt einer alten Fischerfamilie und erhielt schon mit drei Jahren ihre Bodensee-Taufe: Im letzten Moment zog der Vater sie an der Kapuze aus den Wellen zurück ins Boot. Seit damals hat sich die Fischerei allerdings erheblich verändert. Der Bodensee ist sauberer geworden, dadurch ging auch das Phosphat zurück, das die Algen fördert: Die Fische wachsen nicht mehr so stark wie früher. Andererseits sorgt das begrenzte Angebot für gute Preise, und da jährlich aus den Brutanstalten Fischlarven eingesetzt werden – 130 Millionen im vergangenen Jahr –, besteht keine Gefahr, dass der Felchen, der „Brotfisch“, irgendwann ausstirbt.

Fischerei, Fremdenverkehr, Obstanbau und Wein, das sind die vier wirtschaftlichen Säulen Hagnaus. Das 1400-Einwohner-Dorf zwischen Friedrichshafen und Meersburg am nördlichen Ufer hat es verstanden, die Bodensee-Bausünden anderer Anrainer zu vermeiden: Keine Hotelklötze und Apartmentblocks martern den Blick, zwischen Fachwerkhäusern liegen Wiesen, Kirschbäume und Weinhänge verstreut. Es gibt einen Bäcker, einen Metzger, jede Menge Vereine – und die Zahl der „Rollladen-Wohnungen“, der leer stehenden Zweitapartments, hält sich noch in Grenzen.

In Hagnau wurde 1881 die erste Winzergenossenschaft Badens gegründet, angeregt von Pfarrer Heinrich Hansjakob. Das neu gestaltete Museum zeichnet den Ahnherrn als einen äußerst widersprüchlichen Menschen: Demokrat, Sozialreformer und Bestsellerautor mit Millionenauflage war er auf der einen, Antisemit, Frauenfeind und erzkatholischer Eiferer auf der anderen Seite, dem zumal mehrere uneheliche Kinder zugeschrieben wurden. Immer aber verstand er sich nicht nur als Seel-, sondern auch als „Leibsorger“ und hielt unbeirrbar zu den Schwächeren.

Mitten im Ort steht die Torkel von 1744, eine aus grob behauenen, riesigen Balken zusammengefügte Weinpresse. Hier und an weiteren 25 Torkeln kauften die Händler früher den Wein direkt von den Winzern. Als sie ihnen freilich 1881 einen „Schandpreis“ von gerade mal noch 15 Pfennig pro Liter anboten, gelang es Hansjakob, seine „Wengerter“ so weit zu einigen, dass sie nicht mehr verkauften, sondern ihren Wein einlagerten und erst abgaben, wenn der Preis halbwegs in Ordnung ging. Das Gründungsprotokoll und das Statutenbüchlein des Vereins liegen in einer der Vitrinen aus.

Mit dem Wein von damals, einem sauren Elbling, den man in möglichst großen Mengen kelterte, haben die Gewächse von heute nichts mehr gemein. „Wenn jemand abends etwas trank, musste man ihn nachts umdrehen, damit der Wein sich nicht durch den Magen fraß“, sagt Winzer Fabian Dimmeler fröhlich grinsend. „Erst mit dem Müller-Thurgau kam 1882 die passende Rebensorte für Weißwein an den Bodensee.“ 145 Hektar bewirtschaften die 105 Mitglieder des Vereins. Fast die Hälfte davon sind mit eben jener süffigen Müller-Thurgau-Rebe bepflanzt, die andere mit samtigem Spätburgunder, der Rest verteilt sich auf Grauburgunder, Kerner und Bacchus. Stolz weist der 37-jährige Dimmeler am Obst- und Weinwanderweg auf die Lockstoffampullen gegen Traubenwickler, die das Spritzen ersetzen, und auf die Bepflanzung mit Ölrettich, die der Bodenverbesserung dient. Weit unten, am Fuße der Rebberge, schmiegt sich das Dorf mit seiner Kirche an den See und schimmert in der Abendsonne. Überm stillen Wasser verschwinden die Schweizer Alpen im Dunst.

Die schwierige Aufgabe, aus den Produkten der Weinbauern das Bestmögliche herauszuholen, obliegt Herbert Senft, Kellermeister in den Gewölben des Vereins seit 2002 und reich dekoriert mit Gold- und Silberplaketten. „Der Bodensee als Wasser- und Wärmespeicher reguliert unser Klima“, erklärt er in breitestem Badisch. „Dadurch haben wir keine extremen Temperaturen – weder nach oben noch nach unten. Es ist ein Klima, das den Reben wie den Menschen bestens bekommt.“ Mehr als eine Million Liter keltern er und sein Team in guten Jahren: Der Winzerverein ist der größte Weinbetrieb am See.

Oben, in der Hansjakob-Stube des neuen Winzerhauses, wo noch der Original-Schreibtisch des Pfarrers steht, hat Anita Schmidt, die gute Seele des Vereins, ein paar Flaschen für die Verkostung aufgereiht. Ganz unprätentiös schmeckt sie der „Zitrusaromatik des frischen, verspielten, fruchtigen“ 2009er-Müller-Thurgau nach, von dem man „ruhig ein bissl mehr trinken kann, ohne dass es einen erschlägt“. Munter fährt sie fort und erzählt, wie früher „auch noch des letzschte Traube-Beerle“, das zu Boden gefallen war, aufgelesen wurde, während heute die Wuchsmengen streng begrenzt sind. Ein besonderer Spaß war es für die Winzertochter, wenn sie „mit saubere Gummistiefele“ in die Zuber steigen und die Trauben zusammentreten durfte, damit der Vater nicht so oft zum Ablieferer musste. Heute dagegen wird penibel darauf geachtet, das Lesegut unverletzt zur Presse zu bringen – es hat sich einiges verändert in Sachen Wein am See.

Fisch und Wein – das sind die kulinarischen Eckpfeiler des Bodensees. Und wenn die beiden aufeinandertreffen, wie etwa im Restaurant Guter Tropfen, wird fast immer ein Fest daraus. Duftend, fein gebräunt, noch ein wenig nachbrutzelnd, kommen die beiden Filets auf dem heißen Teller aus der Küche – möglichst naturbelassen, wie auch Fischerin Heike Winder sie liebt. Der standesgemäße Begleiter funkelt schon im Glas: ein eleganter, harmonischer, wenig verspielter Weißer Burgunder, trocken und von kräftiger Frucht. Fisch will schwimmen, heißt es bekanntlich. Dieser Felchen, verarbeitet von kundiger Hagnauer Hand, gebadet in edlem Hagnauer Nass, fühlt sich heute Abend vielleicht bestens aufgehoben.

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ANREISE

Mit dem Auto ab Berlin auf der A 9 über Nürnberg und Ulm bis Hagnau (755 Kilometer).

Mit der Bahn über Ulm nach Friedrichshafen, von dort mit dem Bus in achteinhalb Stunden.

Von Berlin-Tegel kann man auch mit Intersky nach Friedrichshafen fliegen, weiter mit Bus oder Taxi.

ÜBERNACHTEN

– Bodenseehotel Renn (Hans-Jakob-Straße 4, 88709 Hagnau; Telefon: 075 32 / 49 47 80, www.bodenseehotel-Renn.de), Doppelzimmer ab 72 Euro

– Haus Seeforelle (Seestraße 3, 88709 Hagnau; Telefon: 075 32 / 63 54, www.haus-

seeforelle.de), Ferienwohnung ab 55 Euro

WEIN

Winzerverein Hagnau (Strandbadstraße 7, 88709 Hagnau; Telefon: 075 32 / 10 30); Weinverkauf auch sonnabends; www.hagnauer.de.

Übers Jahr verteilt gibt es Veranstaltungen wie „Fisch & Wein“, „Käse & Wein“, „Musik & Wein“. Jeden Dienstag und jeden Donnerstag finden Weinproben mit Kellerführung statt, an verschiedenen Terminen Winzerführungen durch die Reben.

LITERATUR

Hans-Peter Siebenhaar: Bodensee. Michael Müller Verlag 2010, 15,90 Euro

AUSKUNFT

Tourist-Information, Seestraße 16, 88709 Hagnau; Telefon: 075 32 / 43 43 43

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