Boßeln : Regelheft im Bollerwagen

Boßeln ist ein norddeutscher Sport. Besonders im Winter rollt die Kugel – und zur Belohnung gibt’s am Ende Grünkohl für alle.

Thomas Sell
Nichts für die Berge. Flach muss das Land sein, wenn man boßeln will. Aber selbst im Norden geht’s mal ein paar Zentimeter hoch und runter. Dann gerät die Kugel außer Kontrolle – und rutscht schon mal in einen Graben.
Nichts für die Berge. Flach muss das Land sein, wenn man boßeln will. Aber selbst im Norden geht’s mal ein paar Zentimeter hoch...Foto: picture alliance / dpa

„Weiter nach links, links, links, links,… Ach, Schiet.“ Alles Anfeuern und Brüllen nützt nichts mehr, wenn die Boßel einmal rollt, diese sture norddeutsche Kugel. Rechts runter von der glatten, aber offensichtlich nicht ganz ebenen Straße zwischen Oldenburg und dem Örtchen Tungeln, mit kleinen Hopsern über das bereifte Gras am Straßenrand und mit einem satten Plumpser in den Chausseegraben. Ein bisschen weiter nach links, wie es sich Werner – Mitte 40, Ingenieur und sonst eher der ruhige Typ – lautstark und wild mit den Armen fuchtelnd gewünscht hatte, dann wäre die Boßel noch gut und gerne 50 Meter weiter gerollt.

Oder mindestens 40, jedenfalls wäre seine Mannschaft bei diesem fünften Wurf in Führung gegangen. So kullert sein Team dem anderen weiter hinterher. Aber bis zum Ziel sind es ja noch fast vier Kilometer, da kann noch eine Menge passieren. Jetzt sind erst mal wieder die anderen dran, können mit dem nächsten Wurf ihren Vorsprung ausbauen. Und Werner kramt aus dem Bollerwagen den Kraber, eine Art Kescher an einem langen Besenstiel, mit dem er den Boßel aus dem trüben Wasser des Straßengrabens fischt.

Für eine feste Eisdecke, die die rund anderthalb Pfund schwere Kugel getragen hätte, war es dann leider doch noch nicht kalt genug gewesen. Ein paar ordentliche Nachtfröste hatte es aber schon gegeben – und damit war die Zeit reif für die Kohltour raus aufs Dorf.

Denn es mag zwar sein, dass moderne Grünkohlsorten gar nicht mehr unbedingt Frost brauchen, um den vollen, typischen Geschmack zu entfalten; es mag auch sein, dass eine Nacht im Gefrierschrank dem Grünkohl genauso gut hilft wie ein ordentlicher Nachtfrost auf dem Feld – worüber Kenner heftig streiten. Tatsache jedenfalls ist: Nie und nirgends schmeckt der Grünkohl besser als in fröhlicher Gesellschaft auf dem Lande nach einer Kohltour durch Frost und frische Luft.

Das weiß man hier nicht erst seit gestern: Der Oldenburger Turnerbund, gegründet 1859, gilt als Erfinder der Kohltour in ihrer heutigen Form: 140 solcher Fahrten mit Boßeln und Bollerwagen sind in der akribisch verfassten Vereinschronik dokumentiert. Eine längere Geschichte dieser an der gesamten Nordseeküste gepflegten Tradition konnte bisher noch niemand nachweisen. „Und deshalb ist Oldenburg auch die Kohltourhauptstadt“, sagt Bettina Tammen, Sprecherin der Tourismus Marketing Gesellschaft voller Stolz.

Etwas andere Ausflüge zum Grünkohlschmaus auf dem Lande gibt es freilich noch viel länger. So sind schriftliche Berichte aus dem 18. Jahrhundert erhalten über die Pferdeschlittenfahrten der wohlhabenden Oldenburger. Die Stadtoberen ordneten an, dass der Schnee auf die geräumten Straßen zurückgeschippt werden müsse, dann wurde angespannt und los ging’s. Damals hatte Oldenburg einen Großherzog, heute gibt es einen Kohlkönig, der allerdings jährlich wechselt.

Helmut Kohl und Gerhard Schröder als Kohlkönige?! - Lesen Sie mehr auf Seite zwei...

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