Büsumer Nationalparkzentrum : Wo Fische Theater machen

Im Büsumer Nationalparkzentrum ist die Nordsee Mittelpunkt. Die „Sturmflutenwelt“ zeigt, wie gefährlich das Meer sein kann.

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Hallo Taucher! Im Großaquarium des Büsumer Nationalparkzentrums füttert Timo Kaminski Dorsch, Steinbutt & Co, sehr zur Freude besonders der kleinen Besucher.
Hallo Taucher! Im Großaquarium des Büsumer Nationalparkzentrums füttert Timo Kaminski Dorsch, Steinbutt & Co, sehr zur Freude...Foto: Dagmar Krappe

Timo Kaminski ist zum Fischefüttern abgetaucht. In sechs Meter Tiefe bewegt er sich zwischen Dorsch, Meerforelle, Seelachs, Nagelrochen, Steinbutt und Stör. Durch eine dicke Acrylglasscheibe lässt er sich dabei über die Schulter schauen. Wer Genaueres wissen möchte, kann mit dem Meeresbiologen und Forschungstaucher per Mikrofon kommunizieren.

Besonders die jungen Besucher im „Multimar Wattforum“ in Tönning sind eifrig dabei: „Wie viele Arten gibt es im Großaquarium?“, „Welches Futter bekommen die Fische zu fressen?“, „Wie kamen die Pflanzen ins Bassin?“ Timo Kaminski gibt auf alle Fragen geduldig Antwort oder verblüfft zwischendurch mit Ausrufen wie „Habt ihr die Fischstäbchen eben vorbeiziehen sehen?“. Womit er einen Schwarm Seelachs meint, der neben Kabeljau hauptsächlich zur Herstellung der panierten Fischfilets dient. 20 Minuten lang dauert die Show im Fischtheater. Dann haben die Tiere das Hering-, Garnelen- und Muschelmenü verzehrt.

Vor 15 Jahren eröffnete das Nationalparkzentrum „Multimar Wattforum“ im 5000-Einwohner-Städtchen an der Eider und unweit der Nordsee. Seitdem wurde es kontinuierlich erweitert. „Das Wattenmeer ist ein Ort, an dem sich Himmel und Erde eine Bühne teilen“, meint Eckehard Bockwoldt, stellvertretender Museumsleiter. „Es ist eine Landschaft aus großen Wattströmen, kleinen Prielen, Muschelbänken, Schlickflächen, Seegras- und Salzwiesen, weißen Dünen und Stränden.“ 2009 wurde diese deutsch-niederländische „Arena“ entlang der Nordsee in die Weltnaturerbeliste der Unesco aufgenommen. Fünf Jahre später folgte Dänemark.

In 36 Aquarien werden 300 Tierarten gezeigt

Das Wattenmeer bietet mehr als 10 000 Tier- und Pflanzenarten Lebensraum und ist jedes Jahr im Frühjahr und Herbst Rastplatz für Millionen von Zugvögeln, die sich am „Watt-Büfett“ stärken. „Zu unseren ,Big Five‘ Seehund, Kegelrobbe, Seeadler, der kleinste Wal der Welt, der Schweinswal, und der Stör – ein lebendes Fossil“, erklärt Bockwoldt. „Der vorerst Letzte seiner Art hierzulande wurde 1968 in der Eider gefangen.“ Dieses Ereignis wurde zufällig in einem Film festgehalten, der digitalisiert im Museum zu sehen ist.

Im Wattforum begibt sich der Besucher zunächst auf eine spannende Wanderung durchs Watt und taucht schließlich in die Tiefen der Nordsee ein. Mittels Aktions- und Hörstationen, Landschafts- und Tiermodellen, Computern, Mikroskopen und Filmen können Kinder und Erwachsene forschen, ausprobieren und sich über das Leben im Nationalpark Wattenmeer informieren.

In 36 Aquarien, die nach unterschiedlichen Lebensräumen gestaltet sind, werden circa 300 Arten von Fischen, Krebsen, Muscheln und Schnecken gezeigt. Ein spezielles Bassin ist dem Felswatt Helgolands gewidmet sowie dem Lebenszyklus der Miesmuschel und mehreren munteren Seepferdchen.

„Natürlich nehmen wir auch die ,Small Five‘ des Wattenmeers etwas genauer unter die Lupe“, sagt Eckehard Bockwoldt: „Dazu zählen die Herzmuschel, die bestimmt jeder schon mal am Nordseestrand gefunden hat, die Strandkrabbe, die Wattschnecke und die Nordseegarnele, die zu den Krebsen rechnet und hier ganz anders aussieht als später auf dem Krabbenbrötchen.“ Wattbewohner Nummer eins ist der Wattwurm. Er frisst Sand, verdaut die darin lebenden Bakterien und Algen und produziert danach die charakteristischen Spaghettihaufen im Schlick.

"Blanker Hans": die Nordsee tobt

Trockenen Fußes geht es zum „Whale Watching“ ins Kellergeschoss. Unter der Decke hängen die Skelette eines sechs Meter langen Zwerg- und eines 18 Meter langen Pottwals, der einst hier vor der Küste strandete. In Themenkabinen wird der Besucher auch über den schonungslosen Walfang informiert. Entspannen lässt sich bei den eingespielten Seufzern, Gesängen und Klicklauten der Meeresriesen.

Am Wasserland-Modell gilt es, Siele und Sperrwerke richtig zu steuern, um das Hinterland vor Sturmflut und Überschwemmung zu schützen. Denn die Nordsee zeigt sich selten von ihrer spiegelglatten Seite. Sturmfluten gehören dazu. Seit einiger Zeit wüten sie sogar mehrmals täglich am Büsumer Kutterhafen in dem einer Welle nachempfundenen Gebäude Sturmflutenwelt „Blanker Hans“.

Freitagabend, 16. Februar 1962. Der „Blanke Hans“, die tosende, aufgewühlte Nordsee, tobt an der Küste. Die etwas höher gelegene Büsumer Dorfschänke „Zum Deichgrafen“ hat noch geöffnet, bietet sich als vorübergehender Zufluchtsort an. Von der Besuchergruppe, der Wirt Bruno Bahnsen heute Einlass gewährt, hat niemand den Tag vor mehr als 50 Jahren bewusst erlebt. Im Schwarz-Weiß-Fernseher flimmert die damalige Kultserie „Die Hesselbachs“.

Besucher müssen in eine Kabine der Sturmflutrettungsbahn

Plötzlich laufen Wellenlinien über den Bildschirm. Die Stimmen der Darsteller werden brüchig. Wirt Bruno dreht und klopft am Gerät, doch das Flimmern verschlimmert sich. Dann verkündet der „Tagesschau“-Sprecher: „Schwere Sturmflut an der Nordseeküste. Die Deiche drohen zu brechen!“

„Doch im Gegensatz zu Hamburg konnte der ,Blanke Hans‘ Büsum 1962 wenig anhaben“, sagt Bruno Bahnsen: „1200 Personen wurden evakuiert, aber die Deiche hielten.“ Gleichwohl, Besucher müssen nun natürlich in eine Kabine der Sturmflutrettungsbahn steigen.

Sie schaukelt durch die schwersten fiktiven Sturmfluten der vergangenen Jahrhunderte: 1362, die erste Grote Mandränke, bei der die Siedlung Rungholt versank; 1825, 1962 und 1976. Es schwankt und ruckelt, wenn die Gondel über die aufgepeitschte Nordsee schwebt. Auch die Büsumer St. Clemens Kirche wird scheinbar durchquert. Sie steht als Symbol für viele Gotteshäuser, in denen Menschen bei Unwettern Schutz suchten.

Auch ein Tornado wird simuliert

„Die acht Kabinen der Sturmflutrettungsbahn stammen aus dem deutschen Pavillon der Expo 2005 in Aichi in Japan“, erklärt Museumsmitarbeiterin Sabine Graetke: „Die Kapseln stellten Wassertropfen in der Bionis-Erlebniswelt dar, die das Zusammenwirken von Natur und Technik demonstrierte.“ Da Büsum auf der Suche nach einem Schlechtwetterprojekt war, kaufte der Ort den Zug. „Aus blauen Wassertropfen wurden orangefarbene Rettungskabinen, die es allerdings in der Realität nicht gibt. Sie simulieren lediglich eine fiktive Zeitreise entlang der sturmgeplagten Nordseeküste“, sagt Graetke.

Nach der Rettung aus den Klauen des „Blanken Hans“ endet die Fahrt in der Offshore-Forschungsstation. Hier beginnt eine interaktive Ausstellung zu Wetter; Klima und Klimawandel, Entstehung von Gezeiten und Sturmfluten. Besucher erfahren, wie sich Wellen ausbreiten oder wie sich Windstärken von eins bis zwölf anfühlen. Auch ein Tornado wird simuliert. Im „Archiv des Wissens“ werden Küstenschutz und Deichbau gezeigt, das Thema Müll im Meer beleuchtet und die seit 1987 betriebene Ölförderung auf der Bohr- und Förderinsel Mittelplate, die sich sieben Kilometer vor der Küste befindet, vorgestellt.

Viel Raum ist der Sturmflut von 1962 und ihren Folgen in Hamburg gewidmet, bei der mehr als 300 Menschen ums Leben kamen. In einem Wohnzimmer im Stil der 1960er Jahre erzählen Zeitzeugen auf einem Flachbildmonitor, wie sie die Nacht damals erlebten.

Piraten in Büsum

Doch von der Nordsee her bedrohten nicht nur Stürme Leib und Leben, sondern auch Piraten. In der sich anschließenden Sonderausstellung empfängt ein krächzender Papagei die „verzogenen Landratten“. Der berühmteste Seeräuber des Mittelalters ist sicherlich der 1401 am Hamburger Grasbrook hingerichtete Klaus Störtebeker.

Doch auch auf der Insel Pellworm gab es im 15. Jahrhundert einen Piraten namens Cord Widderich. Nachdem er von dort ein Taufbecken, das noch heute in der Büsumer St. Clemens Kirche benutzt wird, aufs Festland brachte, gewährten ihm die Büsumer Unterschlupf.

Der Besucher lernt, wie Kombüse und Kapitänskajüte ausgestattet waren und wie die Beute verteilt wurde. Man kann Kanonenkugeln stopfen, das Ruder selbst in die Hand und Kurs auf fremde Gefilde nehmen. Oder einfach nur in der Hängematte schaukeln und vom sanften Rauschen der Nordseewellen träumen.

Auskunft: Sturmflutenwelt, Büsum, Telefon: 048 34 / 90 91 35, blanker-hans.de

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