Christian-Morgenstern-Museum : Schiefe Scheitel kämmt der Wind

Die „Galgenlieder“ und mehr: In Werder hat man Christian Morgenstern ein Museum eingerichtet.

Stefan Woll
Aus der Mode? Keineswegs. In den „Galgenliedern und Kindergedichten“ (NordSüd Verlag, 2014; 17,99 Euro) entfaltet Morgenstern seinen scharfsinnigen und gleichzeitig zarten Sprachwitz.
Aus der Mode? Keineswegs. In den „Galgenliedern und Kindergedichten“ (NordSüd Verlag, 2014; 17,99 Euro) entfaltet Morgenstern...Foto: Stefan Woll

„O greul, o greul, o ganz abscheul, wir hängen hier am roten Seul, die Unke schlägt, die Spinne spinnt und schiefe Scheitel kämmt der Wind.“ Kann man sich schon vorstellen: Acht Freunde treffen sich ab und an am Höhenzug, gute 30 Meter über dem Fluss, zu feucht-fröhlichen Gelagen, deklamieren, vom süßen Obstwein angesäuselt, Hufeisen und Henkersbeil stets dabei, Un- und Tiefsinn, Ulk und Spott. Sie nennen sich „Gurgeljochen“ und „Verreckerle“, „Stummer Hannes“ und „Schuhu“, ihr oberster Gruselbruder ist das „Rabenaas“.

Eigentlich sollte, was da zum Besten gegeben wurde, nicht groß an die Öffentlichkeit dringen, zumindest nicht gedruckt. 1905 gab es sie aber dann doch: Die Erstausgabe der „Galgenlieder“ von Christian Morgenstern, ein 42 Gedichte umfassendes „Spiel- und Ernstzeug“, wie er, das „Rabenaas“, die Sammlung selbst nannte. Das landauf, landab erste und einzige Morgenstern-Museum erzählt von den Umständen, die sie hervorgebracht haben, stellt ihren Verfasser vor und enträtselt sein Werk.

Werder an der Havel, Bismarckhöhe. Achim Risch führt auf den zinnenbekrönten Aussichts- und Museumsturm. Der weite Rundumblick erfasst in der Ferne die Baumgartenbrücke zwischen Geltow und Werder, im Norden den Großen Zernsee, vorgelagert die Inselstadt. Vor 18 Jahren hat es den Rostocker Risch in die Blütenstadt verschlagen. Er kennt bald jeden Stein, weiß jedes Detail der gastronomischen Geschichte zu berichten, die das Gelände hier oben bis heute prägt. Mit dem „Restaurant Galgenberg“ hatte sie 1893 ihren Anfang genommen und wurde 1898 – eine Verbeugung vor dem ersten Reichskanzler – zum „Restaurant Bismarckhöhe“ umbenannt und umgebaut.

"Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an"

Hierher muss es auch die „Galgenbrüder“ um Christian Morgenstern gezogen haben, die, verhaltensauffällig geworden, ihre Sitzungen aber in ein anderes Etablissement am Berg verlegten. Denn, so bekundete der Dichter: „Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als Andre.“ Ob dazu auch der Galgen gehörte, der der Legende nach hier im hügeligen Gelände gestanden haben und Richtstätte der Stadt gewesen sein soll, ist nicht überliefert.

Elf Jahre ist es nun her, dass der „Freundeskreis Bismarckhöhe“ damit begann, der Höhe und ihrer vor sich hinbröselnden Bebauung Sinn und Zweck zurückzugeben. Das ist zweifelsfrei gelungen. In dieser Zeit hat Risch, zum Vereinschronisten avanciert, mit großer Unterstützung aus nah und fern, ganz wesentlich den Aufbau des Morgenstern-Museums betrieben, das im 1. Obergeschoss des Aussichts- und Museumsturms seinen Ort gefunden hat.

In dieser Zeit haben sich Rischs anfänglich rudimentäre in profunde Kenntnisse vom Schreiben und Treiben des Christian Morgenstern gewandelt, ist aus dem Interesse an ihm die Leidenschaft für ihn geworden. Zum 100. Todestag des Dichters im vergangenen März wurde gleich nebenan im Großen Ballsaal die Museumseröffnung feierlich begangen.

Vitrinen und Ausstellungstafeln, Leihgaben und Schenkungen breiten vor dem Besucher das ruhelose, von Krankheit gezeichnete kurze Leben des am 6. Mai 1871 in München Geborenen aus. Zu sehen sind Originaldokumente wie das Abiturzeugnis von 1892, das Anmeldebuch von 1894 zum Studium an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin oder das Selbstporträt, das Morgenstern 1895 von sich malte. Seine stets leere Brieftasche kontrastiert mit der rastlosen Produktivität, mit der der Wort- und Buchstabenjongleur Grotesk-Skurriles, Humoristisch-Hintersinniges, verstörend Absurdes, als Blödel-Lyrik bisweilen Verkanntes zu Papier brachte.

Die Galgenlieder wurden in 15 Sprachen übertragen

Bewahrt hat das Museum 250 Titel aus seiner Privatbibliothek, ausgestellt sind zahlreiche Werkausgaben mit Aphorismen, Parodien, mit dramatischen Szenen. „Klaus Burrmann, der Tierweltphotograph“, erst 1941 veröffentlicht, steht stellvertretend für den Kinderfreund Christian Morgenstern. Den Kleinen hat er rund 50 Gedichte zugedacht.

Zu den Exponaten im Werderaner Museum gehört auch die eine oder andere Anthologie, etwa die von Marcel Reich-Ranicki edierten „100 Gedichte des Jahrhunderts“, unter denen Morgenstern immerhin mit dreien vertreten ist; es gibt CDs, DVDs, Kassetten, Vertonungen beispielsweise mit Georg Kreisler, Hörbücher mit Otto Sander und anderen – in der Summe versammelt die Dauerausstellung nicht weniger als „nahezu alle bedeutenden Publikationen von, mit und über Morgenstern“, wie Risch stolz anmerkt. Zu entdecken ist dabei auch Morgenstern als Übersetzer von Werken Henrik Ibsens, August Strindbergs und Knut Hamsuns.

Breiten Raum nehmen auf der Bismarckhöhe naturgemäß die Galgenlieder ein. Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte fokussieren auf den Galgenberg „als topografische Geburtsstätte“ dieser Poesie, zunächst „entstanden“, wie Morgenstern selbst erläuterte, „für einen lustigen Kreis, der sich auf einem Ausflug nach Werder bei Potsdam, allwo noch heute ein sogenannter Galgenberg gezeigt wird, wie das so die Laune gibt, mit diesem Namen zu schmücken meinte.“ In 15 Sprachen wurden die Lieder übertragen, darunter ins Arabische. „Das große Lalula“ mit seinen fast schon dadaesk anmutenden Silbenfolgen „Kroklokwafzi? Semememi! Seiokrontro – prafriplo: Bifzi, bafzi; hulalemi: quasti basti bo …“ in andere Sprachen und Schriften zu übersetzen, dürfte Linguisten und Semantiker allerorten nicht leichtgefallen sein.

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