Das Europäische Hansemuseum : Was die Händler auf dem Kerbholz hatten

In Lübeck zeigt das neue Europäische Hansemuseum Geschichte, Reichtum und Niedergang der Kaufmanns-Vereinigung. Nirgendwo sonst auf der Welt wird das wirtschaftliche Netzwerk der Hanse so gründlich präsentiert.

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Backstein-Tradition. Der Eingang des Neubaus des Europäischen Hansemuseums in Lübeck.
Backstein-Tradition. Der Eingang des Neubaus des Europäischen Hansemuseums in Lübeck.Foto: Markus Scholz/dpa-Bildfunk

Wie jetzt? Sind sie doch nicht fertig geworden mit ihrem nagelneuen Museum? Das lichte Café, der gläserne Aufzug hinunter in die Vergangenheit, der Blick auf ausgegrabene Mauern aus unterschiedlichen Jahrhunderten – alles picobello. Aber gerade hier, in der angeblich ersten Station, liegt der Mörtel noch angerührt in den Wannen, Zimmermannsäxte, Bauholz und Schaufeln stehen achtlos herum, immerhin: Die hohe Backsteinmauer zur Linken haben sie noch zu Ende gebaut. Aber keine Sorge: Es hat alles seine Richtigkeit.

Diese Baustelle befindet sich im Jahre 1226. Und sie besagt vor allem eines: Fortschritt! Denn in den Jahrzehnten davor ist Lübeck durch den Fernhandel und die Hanse reich geworden. So reich, dass es sich leisten kann, die alten, feuergefährdeten Holzhäuser durch gemauerte, neue zu ersetzen – der Beginn der heute noch viel bewunderten Backsteingotik im gesamten Ostseeraum.

Die Szene aus Lübecks frühen Tagen ist einer der acht historischen Schwerpunkte des neuen Europäischen Hansemuseums. Am 27. Mai wurde es nach dreieinhalbjähriger Ausgrabungs- und Bauzeit eröffnet. Verkleidet ist es mit 100 000 Ziegeln aus englischem Ton, die extra in Dänemark gebrannt wurden. Nicht nur deswegen kostete es statt der ursprünglich veranschlagten 27 am Ende fast 50 Millionen Euro, von denen den Großteil die vermögende Lübecker Possehl-Stiftung bezahlte.

Und nun steht es ganz für sich: Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Geschichte dieses Bündnisses von Fernhandelskaufleuten und mehr als 200 Städten, das von Mitte des 12. bis Ende des 17. Jahrhunderts das bedeutendste wirtschaftliche Netzwerk im nördlichen Europa war, so gründlich und anschaulich dargestellt.

Handelswaren vom Feinsten

Ein richtiges Gründungsdatum gibt es nicht. Vielleicht war das Jahr 1153 tatsächlich so etwas wie die Geburtsstunde: eine Kogge, 20 Meter lang und schwer beladen mit Salz und Kupfer, Eisen und Tuch, liegt am schilfbestandenen Ufer der Newa. Kaufleute aus mehreren Städten sind damit auf dem Weg nach Nowgorod. Doch ehe sie weiterreisen, setzen sie sich zusammen und wählen einen Obmann, einen Vorsitzenden, der für die Dauer des Unternehmens das Sagen hat.

Auch fast 900 Jahre später lässt sich die Stimmung der Akteure, die Mischung aus Abenteuerlust und Unsicherheit, durchaus nachempfinden. Gleich im Raum daneben kann man seine Fantasie mit Fakten und Zeugnissen unterfüttern: Faksimiles von Briefen und Verträgen hängen hinter Glas, die Schnitzerei eines Kirchgestühls zeigt einen russischen Pelzhändler, in Vitrinen liegen ein originales „Kerbholz“, auf dem Kaufleute sich Zahlen notierten, und ein Stück Birkenrinde mit Psalmen und kaufmännischen Notizen aus Nowgorod. Und am Computerterminal kann man sein Wissen vertiefen.

Der Arm der Hanse reichte von Flandern bis Russland, von Köln bis ins heutige Stockholm. Ihre vier Auslandskontore bilden die Pfeiler der Ausstellung. In der „Oude Halle“, der Verkaufshalle von Brügge, stapeln sich farbenprächtige Webereien, edle Pelze und nagelneue Rüstungen – Handelsware vom Feinsten. Im „Stalhof“, der Niederlassung in London, laufen überlebensgroß die Porträts bekannter Kaufleute über die Wand, die Hans Holbein der Jüngere gemalt hat. Gegenüber zeigt eine Grafik wie aus den Börsennachrichten die Entwicklung der Gewinne im englischen Wollhandel. Und in der „Tyske Bryggen“ in Bergen liegt der Stockfisch dicht gestapelt in den Regalen.

Hansekogge
HansekoggeFoto: Franz Lerchenmüller

Acht Flaschen Wein pro Tag müssen genügen

Dazwischen stehen Ereignisse und Entwicklungen in Lübeck beispielhaft für das Wohl und Wehe des Bündnisses, dessen Herz und Kopf die Stadt ein halbes Jahrtausend war. 1367 etwa sind die Türen verrammelt und mit blutroten Kreuzen bepinselt. Zu düsterem Gemurmel und dräuender Musik steht ein Leichenkarren in der Gasse herum, das Pestopfer daraufgepackt wie ein Sack. 1531 verlässt eine Gruppe verstörter Mönche das benachbarte Dominikanerkloster, das im Zuge der Reformation aufgelöst wurde.

1518 schließlich findet wieder einmal ein Hansetag im prächtigen neuen Hansesaal statt: Kerzen flackern auf den wagenradgroßen, geschmiedeten Leuchtern, werfen Schatten auf das fein geschnitzte Gestühl und spiegeln sich in den bleigefassten, wappenverzierten Fenstern. Gerade hat der Senat beschlossen: Acht Flaschen Wein für jeden Abgeordneten müssen genügen – acht Flaschen pro Tag.

Denn es ist unglaublich, was diese Männer in sich hineinschütten! Aber nicht zum Bechern hat man sie schließlich geladen. Beraten sollen sie, nachdenken, einstimmige Beschlüsse fassen, wo und wie man neue Handelspartner finden und neue Privilegien aushandeln könnte. Aber da sitzen sie und können und können sich nicht einigen ... nein, dieses Treffen läuft nicht gut: Die mächtige Hanse ist schon dabei, sich aufzuspalten.

Das Museum ist kein Hanse-Disneyland

Man kann in diesen „Spielszenen“ hineinschnuppern in die Geschichte der Hanse, und im Nebenraum das Gesehene jeweils gründlich vertiefen. Man kann sich zu Beginn der Reise auch für eine bestimmte Hansestadt oder ein spezielles Thema wie Geld, Transport oder Glaube entscheiden – und erhält an den Hörstationen und Terminals jeweils extra darauf zugeschnittene Informationen.

Die Szenen sind aufwendig gestaltet, doch nicht allzu opulent ausgestattet. Neuesten museumstechnischen Schnickschnack sucht man vergebens. Das Museum ist kein Hanse-Disneyland geworden: Jede Szene soll wissenschaftlicher Betrachtung standhalten können.

Natürlich herrscht da immer noch mächtig Glanz und Gloria und es ist die Rede vom verlässlichen, wagemutigen und ehrbaren Kaufmann, der sich um das Gemeinwesen verdient gemacht hat. Es gab ihn, sicher. Aber, und auch daran erinnert die Ausstellung erfreulicherweise: Im Ausland galten die Kaufleute der Hanse oft als arrogante, rücksichtslose, nicht selten betrügerische Wucherer und Profiteure. Richtige „hansische Kotzbrocken“ nennt sie Museumsplaner Professor Rolf Hammel-Kiesow freimütig. Auch das musste endlich mal gesagt werden.

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