Die Stadt, die es nicht gibt : Gruseln in Bielefeld

Düstere Kasematten, Schießstände und Leberwurst mit Rübenkraut: Wem das zu viel wird, der wandert gemütlich durch den Teutoburger Wald.

Uli Schulte-Döinghaus
Mächtig. Die Sparrenburg nahe Bielefeld ist das Wahrzeichen der Gegend. Vor 1250 errichtet, wurde sie ab 1535 zur Festungsanlage ausgebaut. Im II. Weltkrieg arg beschädigt – nur der Turm blieb völlig intakt – ist sie heute restauriertes Schmuckstück.
Mächtig. Die Sparrenburg nahe Bielefeld ist das Wahrzeichen der Gegend. Vor 1250 errichtet, wurde sie ab 1535 zur Festungsanlage...Foto: imago/Westend61

Kaum ist er in Bielefeld-Hauptbahnhof aus dem ICE geklettert, da postiert sich der junge Mann unter das Bahnhofsschild, reckt sein Handy gegen sich und die blauweiße Tafel und schießt ein „Selfie“. Wetten, dass dieses digitale „Selbstporträt mit Bielefeld Hbf“ in Kürze via Facebook, Instagram und Co. durchs Internet flitzt? Inklusive der Botschaft: „Ich war in Bielefeld, obwohl es die Stadt gar nicht gibt.“

Seit einigen Jahren geistert schließlich eine lustige Verschwörungstheorie durch die Welt, wonach die 300.000-Einwohner-Stadt am Teutoburger Wald nichts als eine Schimäre sei, entstanden allein aus der Einbildungskraft von Spöttern, Internet-Nerds und Wahnsinnigen. Eine Zeit lang versuchten die Bielefelder Stadtmanager gegen den verschwörerischen Studentenulk anzuwerben, es half nichts. Jetzt surfen sie einfach selbst auf der schrägen Welle und überschrieben im vergangenen Jubiläumsjahr ihre Reklamebotschaften mit: „800 Jahre Bielefeld – das gibt’s doch gar nicht“.

Der Blick gegen den südlichen Horizont beweist: Eine Stadt kann realer und gegenwärtiger gar nicht sein, wenn sich ihr Wahrzeichen, die Sparrenburg, so demonstrativ in den Himmel über der Stadt reckt. In den düsteren Kasematten unter der Burg lässt sich’s fein gruseln und in einem Grabungsgelände unterhalb der Burg können (nicht nur) Kinder zwischen altem, rötlich bewachsenem Mauerwerk Verstecken spielen oder vor einer freigelegten mittelalterlichen Latrine verlegen kichern. Jau!

Unterhalb der Sparrenburg, nach einem viertelstündigen Spazierweg, präsentiert sich Bielefeld wie eh und je – als beliebte Einkaufsstadt, als kultureller, wirtschaftlicher und akademischer Knotenpunkt zwischen Dortmund, Hannover und Kassel. Der Nahrungsmittelmulti Dr. Oetker backt von Bielefeld aus für den Globus; als gemeinnütziges Sozialunternehmen genießen die Bodelschwingh’schen Stiftungen Bethel einen weltweiten Ruf.

Formidabler Ausblick ins Lippische Bergland

Um von hier auf die Hermannshöhen bei Oerlinghausen, das sich etwas blasphemisch als „Bergstadt“ anpreist, zu kommen, braucht man für die zehn Kilometer Luftlinie drei Spazierstunden. Oben weiß Peter Rüther gleich zweifach Bescheid. Zum einen hat der hagere, graubärtige Mittvierziger im vergangenen Jahr erneut den legendären Hermannslauf absolviert, der über 31,1 Kilometer vom Hermannsdenkmal bei Detmold zur Bielefelder Sparrenburg führt, immer am letzten Aprilsonntag und meistens bei kräftezehrendem Regen. Ein Berg-und-Tal-Lauf, der es in sich hat.

Zum anderen ist Peter Rüther Naturparkführer und Leiter der Biologischen Station Senne. Wenn er Gäste über den Kamm des Teutoburger Waldes führt, dann geht der gelernte Biologe immer mal wieder in die Knie, weist auf diese seltene Libellenart hin, lässt jenen Mistkäfer über die Handfläche krabbeln, doziert ein wenig über Wiesenwachtel-Weizen oder zupft an einer Blüte, die in der seltenen siebenblättrigen Ausformung fast nur im Teutoburger Wald anzutreffen sei.

Grafik: TSP/Gitta Pieper-Meyer

Bevor es durch eine Talsenke wieder auf die Hermannshöhe geht, erfreut ein formidabler Ausblick, der im Osten weit ins Lippische Bergland geht, hinter dem sich 50 Kilometer entfernt bei Hameln und Bodenwerder die Weser windet. Der Südwesten fällt ab in die Senne; sie ist eine sandige Heidelandschaft, dem Teutoburger Wald vorgelagert und wird zu großen Teilen von Bundeswehr und britischer Rheinarmee als Truppenübungsplatz genutzt. Spätestens 2020 soll der letzte britische Soldat abrücken, die Bundeswehr mit ihrem Standort Augustdorf bleibt und will weiter schießen.

An Wochenenden und an den Feiertagen ist die Straße durch den militärisch genutzten Teil der Senne freigegeben. Im Durchfahren zwischen Augustdorf, Hövelhof und Bad Lippspringe ist der natürliche Reichtum der kargen Heidelandschaft gut auszumachen – und das, obwohl das Terrain in den vergangenen Jahrzehnten ein ums andere Mal von Panzern und schweren Fahrzeugen umgepflügt wurde.

Stolz vermerkt die örtliche Biologische Station zum Beispiel immer wieder, dass die Senne der gefährdeten Art der Rotmilane Rast- und Futterplätze biete wie sonst nirgendwo zwischen Rhein und Weser. Pflanzenliebhaber können im Frühjahr die violette Blüte der Küchenschelle bewundern, auch sie eine äußerst bedrohte Art, die sich – ausgerechnet – auf dem Truppenübungsplatz wohlfühlt. Schottische Hochlandrinder halten am Heiderand ganzjährig die Brachen und Weiden kurz, beugen Versteppung und Verbuschung vor und bieten so Lebensräume für viele Arten.

Im Bienenschmidt gibt's Pickert, die Sehnsuchtsmahlzeit aller Ausgewanderten

Heidelandschaften sind platt – und damit eine ideale Basis für ein- oder mehrtägige Reisen per Fahrrad. Die Senne umrundet auf rund 80 Kilometern der Senneradweg. Bei Hövelhof streift er den Emsradweg, der 370 Kilometer lang den Fluss vom Quellgebiet bis zur Mündung in Dollart und Nordsee begleitet.

Den Abschluss der Teuto-und-Senne-Berg-und-Tal-Tour bildet das Ausflugslokal Bienenschmidt, seit jeher ein klassisches Sonntagsausflugsziel aller Ostwestfalen und Lipper. Schade, dass es keine Ansichtskarten zum Verschicken gibt! Dafür wird hier der Klassiker zum Verdrücken serviert: Lippischer Pickert mit Leberwurst, Butter und Rübenkraut, die Portion zu 6,30 Euro.

Pickert, diese Sehnsuchtsmahlzeit aller Ausgewanderten, ist ein Pfannekuchen auf Kartoffelbasis. Sogar in Weckgläsern verkauft Ernst Heiner Hüser, der das Historische Gasthaus Buschkamp im Museumshof Senne bewirtschaftet, das einstige Arme-Leute-Essen, offenbar mit beträchtlichem Erfolg.

Hüser gehört zu „Westfälisch genießen“, einer Initiative westfälischer Spitzenköche, die alles aus dem Gesottenen und Gebratenen herauskitzeln möchten, was der Ostwestfale dereinst auf dem Acker, in der Waldarbeiterhütte, aus dem mitgebrachten Henkelmann („Düppe“) oder vor dem Sonntagsspaziergang zu sich nahm. Einfach so, um bei Kräften zu bleiben.

Die neue westfälische Küche hingegen belässt es nicht bei der puren Nahrungsaufnahme, sie könnte raffinierter kaum sein. Im feinen Gasthaus Spieker zu Hövelhof-Riege etwa serviert der weitgereiste Küchenchef Franz Spieker Blutwurstpralinen, mal als „Gruß aus der Küche“, mal als „Westfälische Canapés“.

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