Deutschland : Flunkernde Landschaften

Hannoversch-Münden und Porta Westfalica verbindet der Weserbergland-Weg. Wanderern garantiert er 225 spannende Kilometer mit fabelhaften Stopps.

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Haus der Lügen. Das Münchhausen Museum befindet sich in Bodenwerder, der Geburtsstadt des Barons.
Haus der Lügen. Das Münchhausen Museum befindet sich in Bodenwerder, der Geburtsstadt des Barons.Foto: imago/Schöning

Nein, das ist keine Lüge, sondern die reine Wahrheit: Der fantastische Fabulierer Baron Hieronymus von Münchhausen hat wirklich in Bodenwerder an der Weser gelebt. Im heutigen Rathaus, das einst das Herrenhaus des Gutes Münchhausen war, wurde er 1720 geboren und starb dort 77 Jahre später. „Dazwischen führte er viele Jahre ein aufregendes Leben in Russland, später ein eher beschauliches in Bodenwerder“, erzählt Museumsführerin Karin Beißner im Münchhausen Museum. Es befindet sich im ältesten Gebäude des ehemaligen Gutshofes, der „Schulenburg“.

Mit 18 Jahren wurde der junge Baron als Page an den Hof in St. Petersburg berufen. 1750 kehrte er nach Bodenwerder zurück und erzählte in trauter Runde gern von seinen Abenteuern. Von seinem Ritt auf der Kanonenkugel oder dem Hasen, den er jagte. Da das Tier aber acht Läufe hatte, sei es ihm eben immer wieder entwischt. „Überall im Ort stehen Denkmäler und Requisiten, die Münchhausens Geschichten dokumentieren“, sagt Karin Beißner.

Seit 1997 verleihe die Stadt den Münchhausen-Preis an Personen mit besonderer Begabung in Satire, Darstellungs- und Redekunst. Zu den Preisträgern gehörten unter anderen Dieter Hildebrandt, Evelyn Hamann und Rudi Carrell.

Vor seinem ehemaligen Wohnhaus thront der Baron auf dem Vorderteil seines Pferdes, das beim Durchreiten eines Tores durch eine Falltür in zwei Hälften geteilt wurde. Das Hinterteil steht am Weserufer. Dort entlang führt streckenweise auch der Weserbergland-Weg. Er beginnt in Hannoversch-Münden am alten Weserstein, wo „Werra sich und Fulda küssen und ihren Namen büßen müssen“. 225 Kilometer oder 13 Etappen später endet die Tour am Tor zu Westfalen, in Porta Westfalica. Der Weg wurde mit dem Qualitätssiegel „Wanderbares Deutschland“ ausgezeichnet. Ein blaues „XW“ auf grünem Grund ist das Routenlogo.

Ob es den Rattenfänger wirklich gegeben hat?

Im Tal der Emmer erhebt sich die Hämelschenburg. Seit 1588 wird sie von der Familie von Klencke bewohnt. „25 Jahre dauerte es, bis das Weserrenaissance-Wasserschloss fertig war“, erklärt Christine von Klencke während des Rundgangs durch die historischen Räume. Sie sind mit wertvollen Möbeln, Kaminen, Kachelöfen, Gemälden, Porzellan- und Waffensammlungen ausgestattet. Zum Rittergut gehören auch Ackerland, Wald und Wiesen. Die gutseigene Wassermühle erzeugt den Strom für den gesamten Ort. Die dazugehörige Sankt Marienkirche entstand Mitte des 16. Jahrhunderts als einer der ersten protestantischen Kirchenneubauten.

Wanderer und Pilger waren auf der Hämelschenburg von jeher willkommen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie in der mit Jacobsmuscheln geschmückten Pilgerhalle bewirtet.

Typisch: Orte wie hingekuschelt.
Typisch: Orte wie hingekuschelt.Foto: Dagmar Krappe

Über bewaldete Bergrücken geht es weiter Richtung Emmerthal und schließlich über schmale Wiesenpfade in die Rattenfängerstadt Hameln. Auch 730 Jahre nachdem der Sage nach ein Mann mit buntem Rock auftauchte, um die Stadt von ihrer Rattenplage zu befreien, lebt sie noch gut vom Image der klugen Nager. Inmitten der Sandstein- und Fachwerkhäuser aus dem 16. bis 18. Jahrhundert gibt es gleich zwei Rattenfängerbrunnen, ein Rattenfängerrelief im Bürgergarten, ein Figuren- und Glockenspiel am Hochzeitshaus.

Zwischen den Kopfsteinpflastersteinen der Fußgängerzonen wurden 250 Bronzeplatten mit Rattenemblem verlegt. Sie leiten zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. In der Gaststätte Rattenfängerhaus werden „flambierte Rattenschwänze“ serviert. Keine Angst, es sind hauchdünne Schweinefilets.

„Die Historiker streiten sich darüber, wie es sich mit dem Rattenfänger wirklich zugetragen hat“, sagt Stadtführer Michael Boyer im bunten Gauklerkostüm und setzt die Flöte an die Lippen. Verweigerten die Bürger dem Mann 1284 tatsächlich den Lohn? Und führte er aus Rache tatsächlich 130 Kinder und Jugendliche auf Nimmerwiedersehen in eine Höhle? Oder waren es in Wahrheit nicht junge Hamelner, die auswanderten, um sich woanders Arbeit zu suchen?

Am Weg liegt die nördlichste Tropfsteinhöhle Deutschlands

Auch ohne den bunt berockten Mann finden Wanderer am nächsten Morgen den Weg aus der Stadt in Richtung des Mittelgebirges Süntel. Auf seinem Kamm, der Hohen Egge, steht ein steinerner Turm, der einen Rundblick über die Höhen des Weserberglands bietet.

Steil bergab geht es Richtung Baxmann-Baude. Der Baxmann ist eine Sagengestalt, die vor über 300 Jahren an die Blutbachquelle im Süntel verbannt wurde und seitdem versucht, diese mit einem Fingerhut auszuschöpfen.

Weder Sage noch Märchen noch Lügengeschichte, sondern steinharte Realität ist die nördlichste Tropfsteinhöhle Deutschlands in Langenfeld. „Erst 1992 wurde sie bei Sprengarbeiten im nahen Steinbruch entdeckt“, berichtet Annette Gerten, Geografin und Höhlenführerin, während der Fahrt mit der Zeitmaschine. 45 Meter geht es im gläsernen Aufzug in die Tiefe – 15 Millionen Jahre in die Vergangenheit.

Die Schillat-Höhle wurde durch einen Fluss geformt, der vor Urzeiten trockenfiel. 200 Meter der Höhle können zu Fuß entdeckt werden. Fossilien, Stalagmiten und Stalaktiten glitzern links und rechts des Ganges. Noch interessanter ist wohl die benachbarte Riesenberghöhle, die nach ihrer Entdeckung 1969 jedoch bald wieder verschlossen wurde. Nur Forscher dürfen dann und wann hinein. Wie es innen aussieht, zeigt eine 3-D-Animation, die in der Schillat-Höhle gezeigt wird.

Der Weserbergland-Weg verläuft entlang der Paschenburg – trotz des Namens ein ehemaliges Forsthaus – und die trutzige Schaumburg. Auch um sie ranken sich Legenden. Weniger schaurig ist der weite Blick ins grüne Wesertal, durch das der Fluss mäandert. Hinter dem Luhdener Klippenturm führt ein breiter Forstweg steil bergab nach Rinteln. Ein Ensemble restaurierter Fachwerkhäuser aus dem 13. Jahrhundert umgibt den Marktplatz.

Rundherum bleibt die Sagenwelt lebendig. Und vielleicht gibt es bei Rinteln noch jenes Erbsenfeld, in dem sich der Bauer auf die Lauer legte. Denn zur Erntezeit hatte er feststellen müssen, dass die Schoten leer und leerer wurden. Wer waren die Diebe? Der Bauer nahm seinen Knecht mit aufs Feld, ließ ihn das eine Ende eines Seiles anfassen und nahm das andere Ende selbst in die Hand. So liefen sie das Feld hinauf und hinunter und rissen mit dem Strick den Zwergen die Kappen ab. Da waren sie gefangen. Sie wollten ihre Kappen wieder haben und mussten dafür dem Bauern die Erbsen teuer bezahlen.

Alles erfunden? Macht nichts. Fantastische Geschichten passen perfekt in diese Landschaft.

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