Fotokurse in Zingst : So fang ich den Lichtstrahl ein

Zingst lockt Knipser und Künstler mit Foto-Workshops. Und jeder lernt dazu. Ein Erfahrungsbericht.

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Boddenlandschaft, nur Schilf, Wasser und Himmel. Wer hier fotografiert, muss sich Zeit nehmen.
Boddenlandschaft, nur Schilf, Wasser und Himmel. Wer hier fotografiert, muss sich Zeit nehmen.Foto: Volkmar Heinz

Morgenkälte zum Frösteln. Fünf Uhr früh auf dem Deich. Der Mann hat seine Kamera aufs Stativ geschraubt, richtet sie gen Bodden aus. Doch was ist hier abzubilden? Das diesige Grau? Langweiliges Schilf? Aufgeschreckte Vögel? Unentschlossen drückt er ein paarmal auf den Auslöser.

Gestern sah seine Welt noch so bunt aus. Als er erwartungsvoll den Fotoworkshop „Individuelle Landschaftsfotografie“ besucht hatte. Rundum hatten sich alle vorgestellt: Gabriele, Tatortfotografin bei der Kripo, die endlich mal was anderes als Leichen vor der Linse haben wollte. Winfried aus der Personalabteilung einer großen Firma, der es seiner Frau nicht länger zumuten will, auf Wanderungen ewig mit ihm auf das richtige Licht zu warten. Und auch Volkmar, seit Jahrzehnten Zeitungsfotograf und per Geburtstagsgeschenk in diesen Master-Kurs geraten.

Doch was auf Zeitungsseiten gut wirkt – der rote Traktor mit gelben Rädern auf grünem Acker – ließ den Mitstreitern, versierten Landschaftsfotografen, die Haare zu Berge stehen.

So bewegt man sich aus sehr verschiedenen Perspektiven auf das gemeinsame Ziel zu. Zuerst mit einem ausführlichen Vortrag, den Kursleiter Michael Lange, einer der renommiertesten Landschaftsfotografen Deutschlands, hält. Da geht es um Sonne und Mond, um Himmel und Wasser, um Wetter und Tageszeiten, um die blaue Stunde und die schwarze Nacht, um notwendige Technik, Belichtungszeiten, Motivauswahl – und um viel Philosophie. Dann folgt die Praxis.

Gummistiefel oder Wathosen?

So oder ähnlich laufen die meisten der Workshops in der Fotoschule der „Erlebniswelt Fotografie Zingst“. Diesen Namen hat sich das Dorf auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst im Jahr 2011 gegeben. Sowas wie in Ahrenshoop wollte man schaffen, das von jedermann sofort mit bildender Kunst in Verbindung gebracht wird. Aber Ahrenshoop, wo schon vor dem Ersten Weltkrieg eine Malerkolonie bestand, lebt eine hundertjährige Tradition. Heutzutage stellen dort Hobbymaler, angeleitet von Profi-Künstlern, ihre Staffeleien auf – und sind glücklich, am selben Platz wie einst die Berühmtheiten ihre Pinsel zu schwingen.

Die Malerei war also bereits vergeben. So konzentrierten sich die Zingster auf die Lichtbildnerei. Immer mehr Galerien mit Fotoausstellungen öffneten, die Fototechnik-Industrie zog mit. 2008 fand das erste Umweltfotofestival statt. 2011 öffnete das Max-Hünten-Haus, das als Seminargebäude und Bibliothek fungiert, als Galerie und Druckerei, als Verleihstation für Fototechnik und organisatorischer Mittelpunkt der Zingster Fotowelt.

Im Max-Hünten-Haus sammeln sich an diesem Nachmittag auch die Seminaristen in Sachen „Individuelle Landschaftsfotografie“. Jeder hat seine komplette Ausrüstung dabei, und allein das bietet üppig Diskussionsstoff: Sind Gummistiefel für stundenlanges Stehen im Wasser am besten geeignet? Oder doch lieber zünftige Wathosen? Welches Stativ ist das bessere? Markennamen schweben wie Glaubensbekenntnisse im Raum. Und Kursleiter Lange hat viele praktische Tipps parat: Wie man mit Zellstoffschleifchen einen Fotostandpunkt markiert, um ihn auch nachts immer wiederzufinden. Oder: „Tragt während der Jagdsaison unbedingt Warnwesten! Ihr wäret nicht die ersten Fotografen, die Jägern zum Opfer fallen.“

Das Kursangebot ist riesig

Aber jetzt ist Frühling. Also stehen alle ohne Knallfarben, jedoch mit reichlich Gepäck auf dem Waldweg. Rechts und links Sumpf. Kahle Stämme ragen aus dem Wasser. Abgebrochene Äste. Gräser. Alle suchen sich ihren Standort, bauen die Stative auf, montieren die Kameras und harren – konzentriert fotografierend – der Dinge, die da kommen: ein Windhauch, ein Lichtstrahl, ein paar Regentropfen ... Ein Teilnehmer watet ins Nass, um den störenden Zweig aus seinem Bild zu zerren. Der andere wirft einen Stein, um winzige Wellen auszulösen.

Die jährlich rund 150 Kurse der Fotoschule reichen vom vierstündigen Spaziergang durch Zingst, bei dem Einsteiger ihre Kamera kennenlernen, bis zum mehrtägigen Workshop für Experten, bei dem es um „abstrakte Foto-Collagen – Das kreative Prinzip der digitalen Collage“ oder die Raffinessen von „Porträt – Mimik – Gestik“ geht. Es gibt Kurse für Kinder und solche, in denen Frauen unter sich sind. Selfies sind ebenso Thema wie die große Fotokunst. „Um im richtigen Kurs zu landen, können sich Interessenten bei uns beraten lassen“, sagt Simone Marks, Pressesprecherin der Foto-Erlebniswelt. „Wir haben drei Zielgruppen: Basic, Special und Master. Nur bei den Master-Workshops wird das absolute Beherrschen der Technik schon vorausgesetzt.“

Dass sie bei einem solchen Andrang fotoaffiner Gäste immer mal wieder als Motiv herhalten müssen, ebenso wie ihre Vorgärten oder Haustüren, daran haben sich die Zingster längst gewöhnt. Genauso staunen sie nicht mehr über Akt-Shootings mit Profi-Models, die sich an knorrigen Windflüchern räkeln. Und auch nicht, dass eine ganze Gruppe Fotografen spät abends ziemlich unterkühlt aus dem Sumpf im Nationalpark zurückkehrt.

Am nächsten Morgen wird die Fotoausbeute ausgewertet. Auch Volkmar zieht den Chip aus seinem Apparat und stellt sich der Meinung des Experten. Eine „spannende Gräsersituation“ entdeckt der. Und selbst unter den Bildern vom Deich finden sich ein paar hoffnungsvolle. Also nutzt der Zeitungsmann das Angebot, einige seiner Naturfotos gleich noch ausdrucken zu lassen. Die will er zu Hause erst mal aufhängen.

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