Heiligendamm : Fünf Sterne müssen leuchten

Heiligendamm hat einen neuen Hoteldirektor: Vieles will er ändern, offener, mutiger werden. Doch Luxus soll bleiben.

Von Elisabeth Binder
Heiligendamm: Holger König ist der neue Hoteldirektor.
Heiligendamm: Holger König ist der neue Hoteldirektor.Foto: dpa

Heiligendamm brummt. Vor der weißen „Burg Hohenzollern“ trägt ein Brautpaar riesige rote Herz-Ballons spazieren. Auf der Wiese vor dem Kurhaus lässt ein anderes frisch getrautes Paar 16 weiße Tauben in den blauen Himmel über der Ostsee fliegen. Die Luft hat an diesem Sommertag 32 Grad, das Wasser 22, die Damen tragen bunte Flatterkleider, viele Herren Shorts, und die Golfwagen fahren immer neue Gepäckladungen übers Gelände. Das Haus ist voll. Endlich.
Holger König sitzt im dunklen Anzug mit Krawatte in seinem Büro hinter der Rezeption des Grand Hotel Heiligendamm und lächelt entschlossen. In der Hotellerie hat er eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Mit 15 begann der gebürtige Berliner seine Karriere als Page im Bristol Hotel Kempinski am Kurfürstendamm. Nach vielen Zwischenstationen wurde er zum 1. Januar 2009 General Manager. Im April 2009 verließ er das Kempinski dann, um eine der größten Herausforderungen anzunehmen, die die deutsche Luxushotellerie zu bieten hatte: Heiligendamm.

Investor Anno August Jagfeld hatte mit seiner Fundusgruppe die legendäre „Weiße Stadt am Meer“ saniert und 2003 als Luxushotel wiedereröffnet. Er wollte anknüpfen an die große Tradition von Deutschlands erstem Seebad. Das war 1793 an dieser Stelle entstanden, als Herzog Friedrich Franz I. von seinem Leibarzt den Rat erhielt, der Gesundheit zuliebe nach englischer Art im Meer zu baden. Diesem Beispiel folgten später unter anderen Rainer Maria Rilke, Felix Mendelssohn Bartholdy, Königin Luise von Preußen und Wilhelm von Humboldt. Sie alle trugen dazu bei, den Mythos von der Weißen Stadt am Meer zu begründen. Hier wurden in der Verbindung von Natur und Architektur Vorstellungen der Romantik verwirklicht.
Die erste einschneidende Zäsur in der Geschichte des Seebads gab es 1941, als das Ensemble an die Reichsmarine verkauft wurde. In der DDR nutzten deren Kader die Gebäude als Sanatorium für Werktätige, für den Erhalt der Substanz wurde allerdings nicht viel getan.

Rund 200 Millionen Euro mussten die Anleger seit dem Jahr 2000 investieren. Und es galt, einen holprigen Anfang zu überstehen. Die Menschen aus der Umgebung waren es gewöhnt, direkt übers Gelände zum Strand zu gehen. Hinzu kamen busseweise Tagesbesucher mit dem Vorhaben – „Reiche gucken“. Die fragten dann schon mal die Hotelgäste, ob sie vielleicht kurz ihre Toiletten nutzen dürften. Als Zäune hochgezogen wurden, gab es Knatsch mit den Einheimischen. Die Auslastung war schließlich so dürftig, dass die Hotelbetten über Billiganbieter vermarktet wurden. Und außerdem geriet die sogenannte Perlenkette – sieben historische, noch unsanierte Logierhäuser aus dem 19. Jahrhundert, die als „Privatresidenzen“ zum Verkauf angeboten werden – in die Kritik.

Damit nicht genug: Ärger mit dem Servicepersonal kam an die große Glocke und im vergangenen Jahr wurde der Betreibervertrag mit Kempinski im Streit aufgelöst. Ein solches Haus zu übernehmen erfordert wohl ganz viel Mut und Selbstvertrauen.
An diesem warmen Sommertag merkt man nicht viel von den alten Problemen. Holger König wirkt trotz des makellos sitzenden Anzugs so, als säße er mit aufgekrempelten Ärmeln da. Der 39-jährige, 1,94 Meter hohe Hoteldirektor strahlt eine positive Dynamik aus, zeigt aber im Gespräch durchaus Demut vor der Aufgabe. Im Juli und August wie auch rund um den Jahreswechsel sei es auch früher mit der Auslastung einfacher gewesen, sagt er schlicht. Problematisch sei die Nebensaison.

Mit den Fehlern der Vergangenheit mag er sich nicht aufhalten. „Billigangebote wird es nicht mehr geben“, das steht für ihn fest. Mit Schleuderpreisen künstlich die Auslastung zu erhöhen, schade dem Image. Deshalb redet er derzeit auch nicht über die Auslastung. Für ihn ist es wichtig, mehr Angebote zu schaffen und die vorhandenen gut zu kommunizieren. Soeben hat er zwei Tennisplätze und einen Fußballplatz anlegen lassen. Zum großen Gestüt zählt auch eine Poloschule, und der Golfplatz auf einmaliger Endmoränenlandschaft ist einer von zweien im Lande mit Ostseeblick. Man kann Tontauben schießen, Kitesurfing lernen, im Spa Wellness, Schönheit und Sport in vielen Spielarten ausleben. Doch vor allem, und da überrascht der bislang so sachliche Direktor etwas bei der Aufzählung: „Man kann hier sehr romantische Spaziergänge machen.“ Er schwärmt von der Rapsblüte im Mai, die alles in ein gelbes Meer verwandelt, von den Buschwindröschen, die später blühen, von sternklaren Nächten und von Störchen, die im Nebel fliegen.

Ja, er fühlt sich wohl hier. Seinem ersten Ziel, „die operative Null zu realisieren und aus dem historischen Ensemble einen realistischen Betrieb zu machen“, ist er im vergangenen Jahr „schon einen gewaltigen Schritt entgegengegangen“. Was vor allem auch den 300 Mitarbeitern zu danken sei, die mit ihm an einem Strang zögen. Kostenmanagement müsse zwar sein, der Gast dürfe aber davon nichts merken.
Sein bester Ratgeber ist seine Frau, mit der er seit neun Jahren verheiratet ist. Früher war sie Chefsekretärin an der Charité, in Heiligendamm übernahm sie sein Vorzimmer. „Wir lieben uns immer noch“, sagt er trocken, weil er so oft gefragt wird, wie das gut gehen kann. Sein Schreibtisch sei so aufgeräumt wie nie zuvor. Der vierjährige Sohn Konstantin geht in den Kindergarten und manchmal auch in die dreistöckige Kindervilla mit Garten, in der die kleinen Gäste abwechselnd in Western- und Abenteuerwelten spielen dürfen.

Früher hat Holger König unter anderem im Adlon, im Ritz-Carlton in Wolfsburg, im Bentley in London und im Grand Hotel Esplanade gearbeitet. Am liebsten hat er nachts gearbeitet, machte nebenbei das Fachabitur und die Ausbildung zum staatlich geprüften Betriebswirt. Mit 25 wurde er zum Wehrdienst eingezogen und half den Kameraden schon mal beim Krawattenbinden. Er brachte es beim Bund zum Leiter der Ordonanz in Potsdam, die ein Restaurant und Hotelzimmer umfasst. Und nun ist er Herr über ein klassizistisches, denkmalgeschütztes Ensemble, das sich über eine Fläche von 31 423 Quadratmetern erstreckt, Sternegastronomie inklusive.

Auf kein Menü habe er sich so gefreut wie auf das erste Essen bei Ronnie Siewert im Gourmetrestaurant Friedrich Franz. Seitdem ist Räucheraal auf Kaviarrührei sein Lieblingsgericht. Auch um den zum Haus gehörigen Bio-Bauernhof Vorder Bollhagen kümmert sich König regelmäßig. Da wachsen gerade die Weihnachtsgänse heran, außerdem Enten und Hühner für die Restaurants. Vieles, was auf dem gut komponierten Frühstücksbüfett zu finden ist, stammt von diesem Hof.

Vor allem Hamburger und Berliner Familien kommen, aber mehr und mehr auch Gäste aus Skandinavien und der Schweiz. Wer mit dem Zug oder dem Flugzeug kommt, kann sich in Rostock mit einer schwarzen Limousine oder mit einem weißen Range Rover abholen lassen. König freut sich über jeden Wiederkehrer in diesen warmen Tagen, jedoch auch über das Phänomen, dass Gäste öfter mal verlängern.

König ist auch von Besuchern aus der Umgebung angetan. Die Zäune sind inzwischen ganz niedrig und an der Pforte stehen Hotelmitarbeiter, reden mit den Passanten, ermutigen sie, im Hotel Kaffee zu trinken oder zu essen. Überhaupt repariert König Fehler der Vergangenheit, indem er den Kontakt zur lokalen Bevölkerung und ihren Politikern sucht. Der Besuch der örtlichen Karnevalssitzung, bei der sein Hotelkomplex zudem noch Thema war, hat den gebürtigen Berliner zunächst zwar Überwindung gekostet. Aber schon nach zehn Minuten habe er gemerkt, „mit wie viel Charme und Witz“ das Hotel aufs Korn genommen wurde, und freute sich über „die herzliche Aufnahme“. Auch beim traditionellen Anbaden im Juni war er dabei – im zwölf Grad kalten Wasser.
Gemeinsam mit Mitarbeitern ist er bei regionalen Veranstaltungen präsent: „Wir wollen klarmachen, dass wir kein Fremdobjekt sind, sondern Teil der Region.“

Er sponsort schon mal einen Taucheranzug für die Seenotrettung, arbeitet mit den Kindergärten zusammen. Für das Kulturprogramm hat er eine eigene Beauftragte. Das soll künftig ein Schwerpunkt sein.

Über dem Säulengang des Kurhauses prangt eine lateinische Inschrift, die übersetzt heißt: Freude empfängt dich hier, entsteigst du gesundet dem Bade. Holger König wirkt durchaus wie ein Mann, der die Wende in Heiligendamm erreichen kann. Vielleicht hilft der warme Sommer mit den vielen Erstgästen und also potenziellen Wiederholern dem dynamischen Hoteldirektor mittelfristig, das historische Liebhaber-Ensemble doch noch in eine Freude für die Anleger zu verwandeln.

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ANREISE

Mit dem Regionalexpress ab Berlin über Rostock nach Bad Doberan in knapp vier Stunden. Weiter mit der 100-jährigen Bäderbahn Molli. Hotelgäste werden auf Wunsch am Bahnhof Rostock abgeholt. Mit dem Auto braucht man ab Berlin etwa zwei Stunden.

AKTIVITÄTEN

Reitsportzentrum auf Gut Vorder Bollhagen. Hier werden Holsteiner Springpferde gezüchtet. Reitstunde 30 Euro; Ostsee Golf Resort Wittenbeck mit einer 18- und einer 9-Loch-Anlage; Greenfee ab 20 Euro; Eisbären-Kinderclub mit eigener Kindervilla und Betreuung (ab drei Jahre); Spa, Hamam, Sauna, Hallenbad

ARRANGEMENTS

„Gourmetträume“ nennt sich ein Drei- Tage-Arrangement. Inklusive zwei Übernachtungen, Frühstück, zwei Abendmenüs im Friedrich Franz inklusive Wein am ersten Abend sowie Nutzung des Spas kostet es je nach Saison ab 485 Euro pro Person im Doppelzimmer. Das Arrangement ist jeweils von Mittwoch bis einschließlich Sonnabend buchbar. Außerhalb von Arrangements werden Zimmerpreise „tagesaktuell“ gestaltet. Ein normales Doppelzimmer (30 Quadratmeter) mit Parkblick kostet während der kommenden Woche 290 Euro, mit Meerblick 370 Euro. Eine Strandsuite (50 Quadratmeter) kostet 890 Euro. Inklusive Frühstück, versteht sich.

AUSKUNFT

Grand Hotel Heiligendamm, Prof.-Dr.-Vogel-Straße 6, 18209 Bad Doberan; Telefon: 03 82 03 / 74 00, Internet: www.grandhotel-heiligendamm.de

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