Hotel Ifen : Charles de Gaulle winkte vom Balkon

Das Hotel Ifen im Kleinwalsertal ist legendär. Die Nazis nutzten es als "Ehrengefängnis", später kamen Widerstandskämpfer. Nun wartet neuer Luxus.

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Hotel Ifen. Der Rundbau sieht aus wie in den 30er Jahren. Die moderne Ergänzung daneben nimmt sich moderat zurück. Foto: promo
Hotel Ifen. Der Rundbau sieht aus wie in den 30er Jahren. Die moderne Ergänzung daneben nimmt sich moderat zurück. Foto: promo

Langsam zuckelt der betagte Sessellift von der Ifenhütte, auf 1586 Metern gelegen, hinunter ins Schwarzwassertal. „Dort rechts steht noch die Ruhebank, die André François-Poncet jeden Tag ansteuerte, als er und andere von den Nazis im Kleinwalsertal festgesetzt waren.“ Peter Hoeck Domig deutet auf den Waldrand. Der neue Direktor des Ifen Hotels ist noch dabei, sich mit den örtlichen Gegebenheiten im Kleinwalsertal vertraut zu machen. Regelmäßig unternimmt er kleine Ausflüge, auch mit Gästen. Die Geschichten, die sich um das Ifen Hotel ranken, kennt der vor 46 Jahren im Münsterland geborene Hoeck allerdings inzwischen bestens. Wobei die Zeit von 1943 bis 1945 ein ganz besonders Kapitel ist: Das Haus diente als „Ehrengefängnis“ der Gestapo nicht nur für Poncet (von 1931 bis 1938 französischer Botschafter in Berlin), sondern auch für andere illustre Persönlichkeiten. Doch nicht allein deshalb hat das Ifen immer eine herausragende Rolle im Kleinwalsertal gespielt.

Das „alte Ifen“ muss man sagen. Denn der auffällige Rundbau, der seit Anfang der 30er Jahre ein Blickfang an der Stichstraße ins Tal war, wurde 2005 geschlossen und abgerissen. Danach war es kein einfacher, gleichwohl ein aus heutiger Sicht weiser Entschluss der neuen Eigentümer und Planer, das Haus äußerlich exakt wieder so aufzubauen, wie es immer in Hirschegg gethront hatte, mit all der alpenländischen Pracht, die schon den geschichtsbeladenen Altbau so markant erscheinen ließ: grober heller Putz, dunkle Holzbalkone mit rot leuchtenden Geranien, die sich über die Brüstungen ergießen. Als Reverenz an die Neuzeit (und die Wirtschaftlichkeit des ganzen Ensembles) wurde ein moderner Trakt inklusive Spabereich angefügt.

Noch können sich zwar nicht alle Einheimischen damit anfreunden, doch die Akzeptanz wächst, glaubt Peter Hoeck. Im Tal hält man auf Tradition. Und das Ifen war 70 Jahre lang ein Leuchtturm des Tourismus in diesem kuriosen Flecken Österreichs, der per Straße nur von Deutschland aus zugänglich ist. Nachdem der Hannoveraner Architekt Hans Kirchhoff 1936 auf einem Felsvorsprung quasi im Schatten des Hohen Ifen (2230 m) sein Hotel eröffnete und selbst zum Hotelier wurde, erfreute sich das Haus großer Beliebtheit bei Politik, Adel und Geldadel, wurde gewissermaßen heimliches Wahrzeichen des Kleinwalsertals.

Doch das Schwelgen in einem schon damals luxuriösen Haus hatte recht bald ein vorläufiges Ende. Die deutsche Gestapo beschlagnahmte 1943 die Herberge, um prominente Geiseln unterzubringen. Die Internierten sollten wohl zu einem späteren Zeitpunkt als Faustpfand gegenüber „dem Feind“ von Nutzen sein. Neben André François-Poncet war zum Beispiel auch der Oberbürgermeister von Belgrad festgesetzt, außerdem wurden Francesco Saverio Nitti (in den 1920ern zweimal Ministerpräsident Italiens) sowie zwei Herzoginnen von Aosta im Ifen einquartiert, Letztere mit Kindern und Gouvernanten.

„Die so Gefangenen durften sich nur in einem Radius von ungefähr fünf Kilometern um das Hotel herum bewegen“, hat Direktor Hoeck der Ortschronik entnommen. Die Bewohner der nahe gelegenen Dörfer konnten „ihre Uhren nach den präzisen Mittagsspaziergängen des Herrn in grauen Knickerbockern stellen“, heißt es. Gemeint war Poncet, der über seine Zeit im Kleinwalsertal später geschrieben hat. Zu seinem Leidwesen wurde die Küche der Nobelherberge den widrigen Umständen angepasst: schmale Kost, ab und zu ergänzt durch Konserven vom Roten Kreuz mit argentinischem Hühnerfleisch. „Ich musste Zusammengekochtes essen“, klagte der Franzose.

Im April 1945 kam es den historischen Aufzeichnungen zufolge „zu einer eher pittoresk zu nennenden Machtübernahme durch österreichische Widerstandskämpfer“ kurz bevor eine Abteilung der 2. französischen Panzerdivision das Internierungslager im Berghotel auflöste. Kurz darauf ließ es sich General Charles de Gaulle nicht nehmen, seine Truppen im Tal persönlich zu dem Coup zu beglückwünschen. Fotos zeigen ihn winkend auf dem Balkon des Ifen Hotels. Ein Weilchen diente es noch als französisches Hauptquartier, wo dann auch Josephine Baker auf ihre Art den Soldaten die Zeit vertrieb.

Spätestens nach der Währungsreform war das Ifen zurück im Geschäft – und alle, alle kamen, weil sich die legendären 40 D-Mark offenbar bei einigen rasch vermehrt hatten. Von Theodor Adorno über Heinz Rühmann und Anneliese Rothenberger bis Bruno Kreisky gab sich die Prominenz die Klinke in die Hand. Selbst François-Poncet kam 1952 (als französischer Hoher Kommissar in Deutschland) noch einmal und schlief in seiner alten „Zelle“.

Auch als Treffpunkt für Gourmets machte das Ifen Schlagzeilen, als Küchenchef Ortwin Adam zu Beginn der 70er Jahre das Zepter übernahm und 1978 den ersten Michelin-Stern Österreichs erkochte. Inzwischen hatte längst die im Tal bekannte Gastronomenfamilie Simon-Böhringer das Haus übernommen. Und wie es der Zufall will: Der heutige Chef am Herd des Ifen, Sascha Kemmerer, hat seine Kunst bei Ortwin Adam gelernt. „Ja, der Kemmerer, der war ganz wild drauf, bei uns anzufangen“, erinnert sich Direktor Hoeck. Schon lange bevor die Stelle im neuen Ifen ausgeschrieben war, habe er E-Mails von dem Allgäuer bekommen. Der 28-Jährige ist jetzt erfolgreich dabei, die klassische Walser Küche neu zu interpretieren, etwa mit Kreationen wie Hummer mit Alpenkräutern und regionalem Boskop-Apfel, Mousse vom Hüttenkäse mit Gebirgsbachforelle und rote Bete. Ambitionen auf einen Stern? „Also, wehr’n tät i mi ni.“

Bis Mitte der 90er Jahre dauerte die Blütezeit des alten Ifen. Warum es dann so kam wie es gekommen ist – genau möchte sich heute niemand im Tal dazu äußern. Von „Streit in der Familie“ wird hinter vorgehaltener Hand getuschelt. In jedem Fall kaufte die Travel Charme Hotelgruppe zu einem nicht näher bezifferten Preis das Ifen von der Familie und ließ es abreißen. Mit dem Österreicher Hermann Kaufmann fand man dann den richtigen Architekten und mit dem Römer Lorenzo Bellini den Innendesigner. Gemeinsam mit der Raiffeisenbank Kleinwalsertal nahm Travel Charme, ein Familienunternehmen mit 13 Hotels, rund 38 Millionen Euro in die Hand und ging das Projekt an.

Herausgekommen ist eine Symbiose aus Tradition und Moderne. Ein Kompromiss, gewiss. Doch einer, mit dem es sich gut leben lässt. Das im alten Stil aufgebaute Haus bestimmt optisch den prominenten Platz; die moderne Ergänzung nimmt sich eher zurück und sollte mit seiner hellen Holzverkleidung auch von den Einheimischen schon bald nicht mehr als Fremdkörper empfunden werden.

Bei der Innengestaltung war Designer Bellini „sehr streng“, wie Direktor Hoeck Domig betont. Er entwarf Möbel, Lampen und Accessoires speziell für das Hotel. In Kombination mit Materialien der Bergwelt wie Holz und Granit sowie warmen Rot-, Braun-, Beige- und Grautönen wurde eine behagliche Atmosphäre geschaffen. Bodentiefe Fenster holen schließlich die Berglandschaft quasi in die Zimmer, wo allerdings die künftige Pflege der hellen, von Bellini gewünschten Lärchenholzböden dem Hoteliersehepaar etwas Kopfschmerzen bereitet.

Doch das ist wohl nichts, was das eingespielte Duo aus der Bahn werfen könnte. Schließlich waren sie in ihrem Beruf schon vielerorts an verantwortlicher Stelle unterwegs. Nach einigen Stationen – etwa in Berlin, im Schwarzwald und am Toten Meer – zuletzt sieben Jahre lang in Bad Saarow, wo sie das Hotel Esplanade Resort & Spa zu einer veritablen Adresse am Scharmützelsee machten. Und dann vom platten Brandenburg ins Kleinwalsertal? „Irgendwann musste meine Frau Rafaela, gebürtig aus dem Wallis, zurück in die Berge“, sagt Hoeck. „Bad Saarow war für uns eine tolle Zeit, doch wir mussten dann mal wieder etwas für uns tun.“

Nach einer Auszeit auf Weltreise landeten die Hoecks dann im Kleinwalsertal, wo ein Direktorenpaar mit reichlich Erfahrung gesucht wurde. Dass es ein nagelneues Haus ist, das trotzdem auf eine so lange Tradition verweisen kann, finden sie doppelt spannend.

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ANREISE

Mit der Bahn bis zum zehn Kilometer entfernten Oberstdorf. Von dort mit dem öffentlichen Walserbus ins Kleinwalsertal. Alternativ zum Auto kann man auch ab Berlin bis Friedrichshafen fliegen (Intersky). Auf Wunsch organisiert das Hotel einen kostenpflichtigen Transfer vom Flughafen (104 Kilometer) oder Bahnhof.

ÜBERNACHTEN
Das Travel Charme Ifen Hotel ist das erste Fünf-Sterne-Haus im Kleinwalsertal. 125 Zimmer und Suiten, zwei Restaurants, Bar 1111 (in Kniehöhe sind es exakt 1111 Meter über dem Meer), großer Spa-Bereich, Tiefgarage. Kostenfreies W-Lan und zwei Internetarbeitsplätze in der Lobby. Tageszeitung gratis. Skischule mit Shop und Verleihangeboten am Hotel.

Eine Pauschale mit vier Übernachtungen und Halbpension kostet ab 417 Euro pro Person im Doppelzimmer (ganzjährig nach Verfügbarkeit). Ein Aufenthalt im Ifen Hotel ist auch über Tui, Dertour, Airtours und Thomas Cook zu buchen.

ESSEN
In den Restaurants des Hauses liegt allen Speisen das Ernährungskonzept „Green Gusto“ zugrunde. Bio-zertifizierte und ökologisch angebaute Lebensmitteln aus der Region werden dabei bevorzugt, saisonale Produkte aus nachhaltiger Erzeugung.

AKTIVITÄTEN

185 Kilometer Sommerwanderwege auf drei Höhenlagen zwischen 1000 bis 2536 Metern, mit mehreren Sennhütten. Ausgewiesene Mountainbike-Touren, 15 Golfplätze im Oberallgäu. Von Mitte Dezember bis Ostern stehen 124 Pistenkilometer, 45 Loipenkilometer und 50 Kilometer Winterwanderstrecken bereit.

AUSKUNFT
Ifen Hotel, Oberseitestraße 6, A - 6992 Hirschegg; Telefon: 00 43 / 55 17 / 60 80, www.travelcharme.com/ifenhotel

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