Kultur an der Ostseeküste : Maritime Drahtseilakte in Flensburg

Die Stadt an der Förde ist bekannt fürs Bier mit Bügelverschluss und gefürchtet wegen der Punkte. Dabei ist die Stadt verblüffend erotisch.

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Schuhkult im Norden: Verrückt, aber versichert.
Schuhkult im Norden: Verrückt, aber versichert.Foto: TAFF/Benjamin Nolte

Mag sein, dass anderswo der Himmel voller Geigen hängt. Über Flensburg, genauer: über der Norderstraße, pendeln ausgelatschte Schuhe. Mindestens vier Drähte überspannen die Straße zum Nordertor, an denen in Klumpen mehr als 300 alte Treter schaukeln, meist Sportschuhe, die im Regen bannig schwer geworden sind und bedrohlich durchhängen. Olle Sneakers über die Flensburger Norderstraße zu schleudern, bis sie hängen bleiben, das ist ein Kult geworden, den einst Diskobesucher nach versoffenen, bekifften und durchtanzten Nächten lostraten. Die Disko gibt’s längst nicht mehr, das Event ist geblieben.

Prompt beschwerten sich zwei ältere Spaziergängerinnen höheren Ortes. Sie würden um ihre Unversehrtheit bangen, sagten sie, erinnerten an Haftpflicht und daran, dass öffentlicher Straßenraum schließlich nicht zur Entsorgung privaten Schuhwerks gedacht sei. Das Problem konnte nach bewährter Flensburger Kaufmannsart gelöst werden: Ein Assekuranzmakler aus der Norderstraße versichert seither die hängenden Latschen und trägt auch mit dieser Initiative dazu bei, dass die Flensburger Straße von einem US-amerikanischen Reisemagazin zu den 18 verrücktesten Straßen der Welt gezählt wird.

Eines der Drahtseile über der Norderstraße ist an der „Dansk Centralbibliotek“ befestigt, einer postmodernen Anspielung auf die altstädtische Bebauung ringsumher. Das Kulturzentrum verweist auf die jahrhundertealte dänische Prägung, die in der deutsch-dänischen Grenzstadt Flensburg überall zu spüren und zum Beispiel an den Klingelknöpfen des „Flensborghus“ abzulesen ist: Sydslesvigsk Forening (Südschleswigscher Verein), SSW Landdagsfraktion, Nordisk Informationskontor.

Investoren treiben die Flensburger Immobilien- und Mietpreise in die Höhe, sorgen aber auch für eine typisch dänische „Hyggeligkeit“ (Gemütlichkeit), etwa in der beliebten „Migges Danish Bakery“ (Norderstraße 9).

Im Mittelalter setzten Kaufleute, Reeder und Seefahrer die Akzente

„Südschleswigsches“ Selbstbewusstsein hat weniger mit Blut oder Boden zu tun als mit Neigung und Lust. Lange Zeit habe sich ein Zugereister aus Niederbayern im örtlichen „Südschleswigschen Wählerverband“ engagiert, heißt es. Er habe sich in eine Flensburger Dänin verliebt, in ihre Sprache, in dänische Lebensart und Kultur. Der Niederbayer rückte als selbst ernannter Südschleswigscher sogar ins örtliche Stadtparlament auf und irritierte Anhänger wie Gegner mit Beiträgen wie: „Mia vom SSW san der Moinung, des mia dem Antrag fei net zustimma kenna.“

Nicht überliefert ist, ob und wie derlei Beiträge ins Dänische übersetzt wurden.

Wenn Knut Frank davon erzählt, dann tut er das aus erster Hand und in perfektem Bayerisch. Der heutige Gästeführer und pensionierte Lehrer war nämlich lange Jahre sozialdemokratischer Stadtparlamentarier in Flensburg, nachdem er in Bayern aufgewachsen war und in Berlin studiert hatte. Sein Interesse an Architektur und Stadtplanung hat wohl auch damit zu tun, dass er einige Zeit den hiesigen stadtparlamentarischen Bauausschuss leitete.

In seiner Heimatstadt sind, wie in nur wenigen deutschen Städten, geschichtlich fließende Übergänge in Architektur und Städtebau zu besichtigen. Flensburg blieb von Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont. So kommt es, dass wir heute auf wenigen Quadratmetern an Ladenzeilen, Häuserfassaden und Rückfronten nachvollziehen können, wie im Mittelalter Kaufleute, Reeder und Seefahrer stolze Akzente setzten (und wie eng auf der gegenüberliegenden Straßenseite Handwerker, Fischer und Kleinbürger zusammenrückten).

Die alte Bommerlunder-Brennerei ist zum Wohnhaus umfunktioniert

Jeweils ein paar Häuser weiter sind die unterschiedlichen Formensprachen von eher „hyggeliggen“ dänischen Royalisten und sogenannten preußischen Heimatschützern gut auseinanderzuhalten, die von Flensburg nach dem deutsch-dänischen Krieg 1864 auch architektonisch Besitz ergriffen. Eindrucksvoll spiegeln besonders die Kaufmannshöfe wider, wie sich das Gemeinwesen im Lauf der Jahrhunderte eingerichtet hat. Rund ein Dutzend dieser Höfe finden wir rechts der städtischen Magistrale und Einkaufsstraße, die im Süden ihren Anfang als „Holm“ nimmt, mittig zur „Großen Straße“ wird und am Nordertor als „Norderstraße“ endet.

Ein typischer Kaufmannshof des 18. Jahrhunderts bestand aus einem Querspeicher als Warenlager zur Hafen- und Fördeseite, einer Hofanlage, wo das Gesinde wohnte, Waren verarbeitet wurden, Viehställe und Brunnen waren, sowie den Kontoren und Wohnräumen im Vorderhaus. Der Kaufmannshof in der Norderstraße 86 drohte in den 1970er Jahren zu verfallen, konnte aber saniert werden. Jetzt wird die historische Bausubstanz, darunter auch alte Speicher und die „Bommerlunder“-Kümmelbrennerei, als begehrter Wohnraum benutzt.

Ein königlich-dänisches Privileg steht bis heute dafür, dass Höfe und Gänge in der Flensburger Altstadt frei zugänglich sind. Wer es eilig hat, kürzt den Weg zwischen der Einkaufsstraße und der Förde ab, indem er durch Brasseriehof, Stöhrhof, Künstlerhof, Herrenstall oder Kaufmannshof geht, wenn er sich nicht für den Oluf-Samson-Gang entscheidet. Der Schiffsreeder, der im 16. Jahrhundert aus seinem Kaufmannshof ein Wohnquartier machte und damit der Gasse seinen Namen gab, ist längst vergessen.

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