Ludwigslust : Baue er mir ein Schloss

Im Südwesten von Mecklenburg ist die Landschaft platt, öd und oft griesegrau. Doch mittendrin prunkt Ludwigslust.

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Gesamtkunstwerk. Hofbaumeister Busch schuf die Pläne für Schloss, Park und das ganze Städtchen.
Gesamtkunstwerk. Hofbaumeister Busch schuf die Pläne für Schloss, Park und das ganze Städtchen.Foto: Hella Kaiser

Verstehe einer diesen Herzog. Da hat Friedrich der Fromme Mitte des 18. Jahrhunderts Hof und Residenz im schön herausgeputzten Schwerin – und sehnt sich nach der Griesen Gegend. Warum sie so heißt? Die Mecklenburger erzählen Folgendes: Dort hat der liebe Gott Feierabend gemacht und seinen Engeln Besen gegeben, damit sie alles auskehren. Übrig geblieben ist Ödnis, „eine von der Natur ganz verabsäumte Gegend“, urteilte später der Schriftsteller Johann Christian Wundemann. Mittendrin lag ein unscheinbares Bauerndorf namens Klenow. Gewiss, Friedrichs Vater hatte in den Wäldern drum herum seiner Jagdlust gefrönt und deshalb in Klenow ein schlichtes Fachwerkschloss als Herberge bauen lassen. 1754, zwei Jahre vor seinem Tod, taufte der den Ort gar um in Ludwigslust. Eine Sommerlaune.

Sein Sohn und Nachfolger aber will das ganze Jahr über dort sein. Schwerin adieu, Friedrich möchte in Ludwigslust residieren. Er wünscht sich ein Schloss, einen Park und respektable Häuser für seinen Hofstaat. „Man muß sich billig wundern, daß diese wüste Gegend zu einer solchen Anlage gewählt ward“, bemerkte Wundemann um 1800. Friedrich träumte von Wasserspielen wie in Versailles. Dabei war die Griese Gegend trocken, kein Flüsschen schlängelte sich an Ludwigslust vorbei. So grub man das Wasser herbei. Zwischen Stör und Rögnitz entstand ein 30 Kilometer langer Kanal, der bald Kaskaden speisen und sich im Park dutzendfach verästeln sollte.

Hofbaumeister Johann Joachim Busch setzte Friedrichs Vorstellungen genial um. Auf dem Reißbrett entstand ein Gesamtkunstwerk, ein Ort wie aus einem Guss. Theodor Heuss, 1920 auf einer Reise durch Mecklenburg, bewunderte ihn und schrieb: „Die Überraschung aber ist das Städtchen, ist diese musterhafte einheitliche und im spielerischen doch muntere Anlage, die Kavaliersgebäude um das Bassin, in zarter Schwingung, die Schloßstraße mit den guten Profilen der Häuser und den gefälligen Ausbuchtungen – Klassizismus in Backstein, Biedermeier ohne Verputz.“

Hofknicks vor der Residenz

Alles ist erhalten. „Auch zu DDR-Zeiten war es schön“, sagt Stadtführerin Elisabeth Messer. Nach der Wende wurde Ludwigslust zum barocken Flächendenkmal erklärt. Geld floss reichlich – und vieles konnte nun aufwendig und liebevoll restauriert werden. Wer zum ersten Mal durch Ludwigslust spaziert, ist auf der Stelle hingerissen. Sogar in einem fahlen Winter wie diesem, in dem die herzogliche Pracht unter blassgrauem Himmel liegt.

„Bei knackigen Minusgraden gefrieren die Kaskaden und bilden herrliche Eiszapfen“, sagt Elisabeth Messer. Die Kaskaden begrenzen den weiten Schlossplatz und machen, so beschrieb es die Schriftstellerin Gertrud Le Fort 1961, „mit der großen Wasserschleppe gleichsam den Hofknicks vor der einstigen Residenz“.

Vierzig (!) allegorische Figuren thronen auf dem Schloss, rühmen etwa die Mechanik, Malerei oder Kräuterkunde. Der Sandstein, mit dem der Backsteinbau verkleidet ist, wurde aus Pirna herbeigeschafft. Erst mit dem Schiff auf der Elbe bis Dömitz und von dort mit Zwölfspännern bis Ludwigslust.

Noch wird das Schloss restauriert, gerade ist der rechte Flügel dran, vor dem ein Schild den „4. Bauabschnitt“ ausweist. Im linken Flügel sind die Salons auf zwei Etagen zu Museumsräumen geworden. Auf Gemälden sieht man vor allem Porträts der Herzöge und ihrer Familien. Auch zahlreiche Standuhren sind versammelt, Friedrich war vernarrt in Zeitmesser.

Friedrich liebte Papiermaché

Nach dem Krieg, die herzögliche Familie war enteignet worden, verbrachte man viele Bilder und wertvolles Inventar ins Schweriner Schloss. Wenn die Ludwigsluster Residenz komplett restauriert ist, soll einiges zurückkehren. Der legendäre Goldene Saal kann vielleicht schon Ende 2014 wieder für Besucher geöffnet werden. „Es wird ja nur der Fußboden gemacht“, sagt die Museumswächterin. Durch eine dicke Glasscheibe kann man den Arbeitern zusehen und dazu Deckengemälde, Wandverzierungen, Spiegel und Lüster bewundern.

Viele Dekorationen sind aus „Papiermaché“, einst hergestellt in der Ludwigsluster Cartonfabrik. Friedrich, dessen Schatullen meist leer waren, liebte diesen Marmorersatz. Er wies die Ämter eigens an, der Fabrik ausgediente Akten zur Verwertung zu liefern für Prunkvasen, Postamente und Büsten. Papiermaché wurde als Knüller exportiert und im „Journal des Luxus und der Moden“ präsentiert. Im 19. Jahrhundert ging die Nachfrage zurück, die Menschen wollten „Echtes“. 1835 schloss die Fabrik, der Besitzer nahm die Rezepturen fürs Papiermaché mit ins Grab.

Unter Friedrich dem Frommen erklang im Goldenen Saal nur geistliche Musik, gespielt von der Hofkapelle. Doch sein Nachfolger, sein Neffe Friedrich Franz I., ließ es hier richtig krachen. Er lud zu prunkvollen Bällen und rauschenden Festen. Stolz steht er, übrigens der Begründer des Seebads Heiligendamm, in Bronze gegossen vor dem Schloss.

Dieser Herzog liebte es auch, „seinen Garten“ an festlichen Abenden mit tausenden Kerzen zu illuminieren. Dabei ist der Park schon tagsüber herrlich genug. Mehr als 125 Hektar ist er groß und so könnte man den Charlottenburger Schlosspark bald drei Mal darin unterbringen. Peter Joseph Lenné hatte ihn Mitte des 19. Jahrhunderts ein wenig verändert, die strenge barocke Linienführungen an einigen Stellen aufgehoben und neue Sichtachsen geschaffen. Mehr als 310 verschiedene Bäume und Sträucher wachsen hier. Eine 600 Jahre alte Eiche hält sich noch wacker, andere Riesen sind schon altersschwach, manch einer ist einfach umgefallen.

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