Lüneburger Heide : Lila rechts, lila links

Jetzt zeigt sich die Lüneburger Heide in ihrer ganzen Pracht. Wer sie zu Fuß genießen will, nimmt den Heidschnuckenweg.

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„Grün ist die Heide …“ Hat sich der Heimatdichter Hermann Löns geirrt? Wohl kaum. Schließlich präsentiert sich die Landschaft in der Lüneburger Heide nur zur augenblicklichen Jahreszeit so farbenprächtig.
„Grün ist die Heide …“ Hat sich der Heimatdichter Hermann Löns geirrt? Wohl kaum. Schließlich präsentiert sich die Landschaft in...Foto: Franz Lerchenmüller

Das erste „oha!“ kommt nach einer Stunde. Bis dahin führt der Weg von Buchholz in der Nordheide aus entlang dem Gleis der Heidebahn und durch Wald. Nicht unangenehm – aber keine Sensation. Immerhin ist der Weg in der Lüneburger Heide gut ausgeschildert: Stets, wenn man denkt, jetzt geht gar nichts mehr, taucht wieder eines jener weißen „H“s auf schwarzem Grund auf, die die gesamten 223 Kilometer des Heidschnuckenwegs zwischen Hamburg und Celle kennzeichnen.

Doch jetzt führt der Pfad aus dem Dunkel heraus – und da ist sie, erstmals, die Heide. Links und rechts steigen weite Flächen in Lila, Altrosa und Violett sanft an. Die Besenheide, Calluna vulgaris, steht noch immer in Blüte. Dazwischen schlängelt sich ein kieseliger Weg den Hügel hinauf, der mit Bruns„berg“ eine doch etwas übertriebene Bezeichnung hat. Einzelne Kiefern erheben sich dazwischen, Flecken mit niedrigen Birken, die letzte Sommerwärme hängt im Gestrüpp. Auf dem 129 Meter hohen „Gipfel“ stoßen fünf Wege sternförmig zusammen.

Und sechs Frauen und Männer, alle jenseits der 50 und einander unbekannt, treffen in der nächsten Viertelstunde zu Fuß aus drei Richtungen ein. Sie teilen sich die beiden Bänke, plaudern ein wenig auf Hessisch und auf Hamburger Platt und nicken sich anerkennend zu: Ganz nett hier, kann sich sehen lassen, der Platz! Wie eine erhöhte Insel liegt die Kuppe mitten in einem anbrandenden Ring von Lila, dahinter erstreckt sich bis zum Horizont Wald. Und aus dem Südosten grüßt ein anderer Gigant herüber: Der Wilseder Berg, die höchste Erhebung in der norddeutschen Tiefebene, ist immerhin 169 Meter hoch.

Gibt es in der Lüneburger Heide wirklich „den schönste Wanderweg Deutschlands“?

Nach einer weiteren Wanderstunde folgt der nächste Hügel, der Pferdekopf. Zu seinen Füßen wellt sich das Büsenbachtal, ein sanftes, überschaubares Auf und Ab in Violett. Struppige Wacholderbüsche züngeln hervor, Birkenschößlinge drängen ans Licht – wartet nur, bis die Schnucken kommen! Gruppen rüstiger Ruheständller in hellblauen Windjacken und beigefarbenen Kostümen, diesmal mit schwäbischem Zungenschlag, sind dagegen schon da. Während der Woche haben ihresgleichen die Lüneburger Heide fest in der Hand. Wer sie trifft weiß, bis zum nächsten Bus-Parkplatz ist es nicht weit.

Uns zieht es wieder in den Wald, der Weg verläuft am Ende parallel zur Straße, ehe Handeloh erreicht ist, der Endpunkt der zweiten Etappe nach 15 Kilometern. Das wandert sich alles ganz gelassen soweit – aber ist es wirklich „der schönste Wanderweg Deutschlands“, wie 10 000 Leser des „Wandermagazins“ eben erst befanden?

Spätestens an dieser Stelle wird es Zeit für einen Kurs in Sachen „Heide für Anfänger“. Es ist in der Lüneburger Heide nicht etwa so, dass man irgendwo aus dem Zug steigt, 300 Meter weit spaziert und sich garantiert in einer fliederfarbenen Idylle wiederfindet, rundum eine Herde von Heidschnucken, während von fern das Waldhorn erschallt und jemand Hermann Löns zitiert. Die rund 7000 Quadratkilometer große Fläche ist ein Puzzle aus Rübenäckern, Städten, Pferdekoppeln und Wäldern, und die stahlgrüne Mais-Pest dringt auch hier immer weiter vor. Selbst in ihrem Herzen, dem 234 Quadratkilometer großen Naturschutzgebiet, machen die echten Heideflächen nur 20 Prozent des Ganzen aus. Der Heidschnuckenweg schafft es immerhin, 30 solcher „Hotspots“ von ganz unterschiedlicher Größe miteinander zu verbinden.

Hinter Wesel beginnt die wahre Heide

Es ist gerade mal 13 Uhr, kein Problem also, auch die dritte offizielle Etappe in Angriff zu nehmen. Wieder geht es in den Wald – aber in was für einen diesmal! Bemooste Birkenstämme modern kreuz und quer zwischen Heidelbeersträuchern, Licht fällt in Strahlenbündeln zwischen alten Kiefern ein und hinter jungen Ebereschen glitzern Teiche, auf denen Wasserlinsen schwimmen. Ein verwunschener kleiner Urwald dämmert im Tal der Seeve vor sich hin, so unaufgeräumt, dass sich bei seinem Anblick die Nackenhaare jedes traditionellen Forstwirts sträuben würden. Ab und zu klingeln ein paar Radfahrer sich den Weg frei, ein paar Brocken Bayrisch oder Sächsisch wehen vorüber, zu Fuß ist hier niemand sonst unterwegs.

Hinter Wesel beginnt erneut Heide, und diesmal ist es die wahre. Zur Heide gehört Weite – und die hier ist weit und fast flach und violett und altrosa, von ganz, ganz links bis nach ganz rechts erstreckt sich der farbige Teppich. Es summt in den Blüten und vor den Bienenstöcken, Wacholderbüsche setzen Landmarken – fährt man mit der Hand über das stachlige Grün, riecht sie nach Gin. Auf einigen begrenzten Flächen steht das Heidekraut niedriger und gleichmäßiger, fast als wäre es angepflanzt worden.

Das Land schlägt lila Wellen

Hier wurde „geplaggt“, ist später im Heidezentrum in Undeloh zu erfahren: Jahrhundertelang hackten die Bauern das Heidekraut und die oberste Humusschicht ab und verwendeten sie als Streu für die Schafe. Nur so war gewährleistet, dass sich die Landschaft immer wieder regenerierte und nicht verbuschte. Heute erledigen Traktoren die Plackerei. Und auch die Heidschnucken taten und tun das ihre, um die Flächen frei von aufkommenden Bäumen zu halten.

Sandige Wege schlängeln sich durch die Weseler Heide, das Land schlägt jetzt lila Wellen, die Spätnachmittagssonne lässt die Blüten purpurn aufleuchten. Es ist der beeindruckendste Abschnitt dieses Tages – die 10 000 Wanderer, die die zweite Etappe zur herausragenden wählten, sind offenbar nie über diese hinausgelangt.

Und – den ganzen Tag keine einzige Heidschnucke in Sicht. Immerhin seien noch sieben Herden mit fast 9000 Tieren unterwegs, heißt es. Abends auf dem Teller im Restaurant in Undelohe baden drei Scheiben dunkler, fettloser Schnuckenhüfte in einer sämigen, leicht bitteren Wacholderrahmsauce, begleitet von Bratkartoffeln und Preißelbeeren. Die lebenden Schnucken und ihre Schäfer aber haben Wichtigeres zu tun, als sich von Touristen stören und Löcher in den Bauch fragen zu lassen. Die bewegen sich da, wo die Parkplätze weit, weit weg sind.

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