Lüneburger Heide : Verhutzelt wirkt besser

Zauberwurzel statt Kartoffel: Europas einzige Ginsengfarm liegt in der Heide.

Axel Pinck
Helkenhof. Hier gibt’s was zu naschen, mit und ohne Ginseng.
Helkenhof. Hier gibt’s was zu naschen, mit und ohne Ginseng.Foto: Peter Frischmuth

Seit mehr als 2000 Jahren wird Ginseng in Ostasien angebaut. Wundersame Wirkungen werden der Pflanze zugeschrieben. Robust ist die magische Wurzel allerdings nicht. „Nicht alle kommen durch“, erzählt Gesine Wischmann, agile Chefin der Florafarm. Sie gilt als die führende Ginsengexpertin Deutschlands. „Gelegentliche Maifröste und zu viel Feuchtigkeit können den Pflanzen zu schaffen machen.“ Zudem müsse ein Ginsengfarmer geduldig sechs Jahre Reifezeit abwarten, bis die ersten Pflanzen des hochwertigen koreanischen Ginsengs erntereif sind. „Medizin der Könige“ wurde die Wurzel wegen ihrer Heilkraft genannt, im Medizinbuch der chinesischen Kaiser stand sie an prominenter Stelle.

„Jin Shen“ – „Menschenwurzel“ hieß Ginseng auch wegen ihrer bizarren, an eine menschliche Gestalt erinnernde Form. Angeblich erhöht sie die Konzentrationsleistung, stärkt die Manneskraft und wirkt sich positiv auf Immun- und Herz-Kreislaufsystem aus. Es gibt diverse Studien, die das belegen. Viele Mediziner sind allerdings skeptisch. Eine Heilung schwerwiegender Erkrankungen darf man in keinem Fall erwarten, Ginseng wirke vor allem sanft und vorbeugend, dabei besonders gut bei durch Stress hervorgerufenen Krankheiten. Kein Wunder, dass die goldgelbe Zauberwurzel an den Kaiserhöfen von China und Korea einst mit Gold aufgewogen wurde. Wer sie exportierte, lief Gefahr, gehängt zu werden.

Völlig ungefährdet besichtigen heute Besucher der Florafarm die Anbauflächen in Walsrode-Bockhorn und erfahren viel über die Heilkraft des verhutzelten goldgelben Wurzelstocks. Bauer Heinrich Wischmann konnte vor rund 30 Jahren auf geheimnisvoll verschlungenen Wegen über einen chinesischen Mittelsmann in den USA koreanischen Ginsengsamen bekommen. Angeblich wurde er in einer Streichholzschachtel übergeben.

Der Ginseng darf nicht nass werden

Bald stellte Wischmann einige Kartoffeläcker seines Helkenhofes, eines traditionellen Bauernhofes von 1438 am Rand der Lüneburger Heide, auf den Anbau der magischen Wurzel um. Die Viehzucht – vor gut 30 Jahren standen noch knapp tausend Tiere in den Ställen – wurde inzwischen aufgegeben.

„Der Ginseng ist eigentlich eine Waldpflanze. Deshalb schützen wir sie vor praller Sonne und simulieren mit einer Schattenfolie über den Beeten eine Beschattung, wie durch die Blätter eines Waldes“ erklärt Gesine Wischmann, die Tochter des Firmengründers. Unter den übermannshoch gespannten Folien erstrecken sich auf 90 000 Quadratmetern lange Beete, locker mit Stroh bedeckt. Da die Pflanzen nicht zu viel Feuchtigkeit vertragen, werden sie leicht erhöht angebaut, mit Vertiefungen zwischen den Beeten. Regnet es, kann sich so keine Feuchtigkeit stauen. „Der Ginseng toleriert eine ganze Menge, nass werden darf er allerdings nicht“ weiß die Expertin.

Die Erde ist nach der Ernte allerdings auf absehbare Zeit nicht mehr für die Ginseng-Zucht geeignet. „Alles andere können wir anbauen, Ginseng jedoch nicht“, erzählt Gesine Wischmann. „Der Test mit einem Boden, in dem vor 25 Jahren Ginsengpflanzen gediehen, brachte nur kümmerliche Ergebnisse hervor.“ Da der Helkenhof in Walsrode über genügend Land verfügt und die Produktion nicht wesentlich ausgebaut werden soll, können die Züchter für neu angelegte Ginsengfelder einfach etwas weiterziehen.

Viele Prominente schwören auf die Wirkung der Wurzel

Im Mai spießt das frische Grün aus den Beeten, im Juli werden die roten Beeren reif und ab Oktober können die Wurzeln der ausgewachsenen Pflanzen geerntet werden. Danach werden diese gewaschen und getrocknet, dann nach Größe sortiert. Bis etwa Weihnachten bleiben sie nun weiter im Trockenraum, bevor sie verarbeitet werden. Die Kapseln, mit genauester Dosierung des Wurzelextrakts, gelten als Arzneimittel und unterliegen besonders strengen Bestimmungen. Sie werden daher nicht auf dem Bauernhof, sondern extern hergestellt.

Der Dirigent und Konzertpianist Justus Frantz schwört auf die konzentrationsfördernde und harmonisierende Wirkung von Ginseng, ebenso Gewichtheber Matthias Steiner, Goldmedaillengewinner der Olympischen Spiele 2008 in Peking. Von Altbundeskanzler Helmut Schmidt ist bekannt, dass er seit rund 40 Jahren von der Wirkung der Wurzel profitiert, einen Erweiterungsbau in Walsrode weihte er 2005 persönlich mit ein. Seine 2010 verstorbene Frau Loki gehörte zu den Stammkunden der Florafarm.

Die Ernte des hochwertigen Ginseng können Kunden gleich vor Ort im Farmshop erwerben, als Kapseln, Creme, Shampoo oder getrocknetes Naturprodukt. Sportliche Besucher können eine Runde auf dem farmeigenen, alt-schottischen Golfplatz mit seinen zehn einputtfreundlichen, rund einen Meter großen Löchern drehen Und dabei prüfen, ob die Zauberwurzel ihre leistungssteigernde Wirkung zumindest schon beim Spiel mit dem kleinen Ball entfaltet.

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