Mühlberg : Die Mission des Kaisers

In der Schlacht bei Mühlberg 1547 erlitt der Protestantismus einen Rückschlag. Jetzt wird die Geschichte im Museum aufgeblättert.

Stefan Woll
Hinterhältig. Ein Lästerstein aus der Zeit um 1550 gehört zu den Ausstellungsstücken, hier im Kellergewölbe, des neuen Museums über Reformationsgeschichte.
Hinterhältig. Ein Lästerstein aus der Zeit um 1550 gehört zu den Ausstellungsstücken, hier im Kellergewölbe, des neuen Museums...Foto: Patrick Pleul/dpa

Irgendwie alles friesisch-herb hier. Weiter Blick, hoher Himmel, flaches Land, Windmühlen. Die Wolken ziehen gebauscht, auf den Dämmen grasen die Schafe. Nicht recht zutrauen mag man dieser entrückten Landschaft, dass sich hier, just in diesen Tagen, vor bald 480 Jahren europäische Zeitgeschichte zutrug, ein letztes erfolgreiches Aufbäumen der Gegenreformation angesichts des erstarkten Protestantismus.

Die Schlacht von Mühlberg 1547, der Sieg Kaiser Karls V. gegen den Schmalkaldischen Bund, dessen Vorgeschichte und Folgen jetzt das neu gestaltete örtliche Museum aufblättert. Politische Prominenz aus nah und fern war jüngst in der äußersten Südwest-Ecke Brandenburgs zur Wiedereröffnung in der „Neuen Propstei“ zugegen.

Den Horizont des seit 1926 vornehmlich stadthistorisch geprägten Heimatmuseums zu erweitern, brauchte vier Jahre – ein inhaltlich wie baulich komplexes Vorhaben. Sichtbar bleibt zwar auch weiterhin, dass es die nahe Elbe ist, der der Ort mit seinen gut 4000 Einwohnern eine üppige Handwerker- und Handelstradition verdankt, ihn aber zyklisch auch mit Hochwasser bedroht – zuletzt vor allem 2002 und 2013 mit Pegelständen bei zehn Metern.

Die Ausstellung setzt auf elektronische Medien

Doch der Fokus im sanierten Ausstellungshaus von 1531, mit dem Lutherjubiläum 2017 in Reichweite, richtet sich nunmehr deutlicher darauf, was sich in Mühlberg zutrug vor dem Augsburger Religionsfrieden 1555, als Katholiken und Protestanten sich gütlich auf Koexistenz einigten. Dabei geht es um nicht weniger als das brandenburgische Mühlberg, gleichberechtigt neben Torgau und Wittenberg, durchaus prominent auf der reformationsgeschichtlichen Landkarte Europas zu platzieren – ein Anspruch, den Landkreis und Landesregierung unisono formulieren.

Ein stolzer Löwe ziert das Stadtwappen von Mühlberg, hier als Replik ausgestellt.
Ein stolzer Löwe ziert das Stadtwappen von Mühlberg, hier als Replik ausgestellt.Foto: Patrick Pleul/dpa

Eingebettet sind Heiligenfiguren, lithurgische Handschriften und Reliquien aus dem 16. Jahrhundert in ein Ausstellungskonzept, das stark auf elektronische Medien setzt. Ein digitaler Kartentisch etwa zeigt den Verlauf der Schlacht von 1547.

Der Glanzpunkt jedoch, sagt die verantwortliche Ausstellungsdesignerin Charlotte Kaiser, „ist die mediale Re-Inszenierung der Mühlberger Schlacht aus unterschiedlichen Blickwinkeln“. Sie erlaubt es Museumsbesuchern, die seinerzeit beteiligten Konfliktparteien und Einwohner zu Wort kommen zu lassen – für den beteiligten Historiker Lars-Arne Dannenberg eine Art „virtueller Augenzeugenbefragung“, die das Geschehen vergegenwärtigen soll.

Das Museum soll die Identität der Stadt fördern

Offenkundig mehrere Ursachen hat, dass die neu konzipierte Dauerausstellung kaum museumspädagogische Mühen scheut, ihre Gegenstände lebendig erscheinen zu lassen. Nicht ganz unerheblich dabei dürfte die Frage gewesen sein, ob das Museum mit der Neugewichtung seiner Themen auch am Ort angenommen wird.

Denn leisten soll es schon zweierlei, so Bürgermeisterin Hannelore Brendel: „Die Identität der Stadt fördern und ihren Bekanntheitsgrad steigern.“ Zur Rundumerneuerung bewogen hat aus Sicht von Museumsleiterin Martina Pöschl nicht zuletzt der „desolate Zustand des Ausstellungshauses zu Beginn des Jahrzehnts und seine überalterten Präsentationsformen“.

Michael Piero radelt jeden Tag 66 Kilometer von Schönborn nach Mühlberg.
Michael Piero radelt jeden Tag 66 Kilometer von Schönborn nach Mühlberg.Foto: Patrick Pleul/dpa

Gewiss eine Rolle spielte zudem der Mut zum konzeptionellen Wagnis, drei sehr verschiedene, heterogene Themenkomplexe, verteilt auf zehn Räume, unter einem Dach zusammenzuführen. Denn besonderes Augenmerk richtet das Museum „Mühlberg 1547“, jenseits von Lokal- und Reformationsgeschichte, auf den „Ort doppelten Gedenkens“, wie Christian Schölzel vom Kulturbüro „Culture and More“ das Lager Mühlberg im nahen Neuburxdorf nennt.

Zunächst nationalsozialistisches Kriegsgefangenenlager Stalag IV-B, wurde es – nach dessen Befreiung am 23. April 1945 – Speziallager Nr. 1 der sowjetischen Geheimpolizei NKWD / MWD. Mit Bild- und Interviewmaterial, Dokumenten und Häftlingszeichnungen ist diese doppelte Lagergeschichte präsent. Mehr als 10 000 Gefangene sind ihr zum Opfer gefallen.

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