Münster : Moinsen, Herr Thiel!

Den „Tatort“-Kommissar kennt jeder in Münster. Und Schauspieler Axel Prahl mag das Revier. Am Sonntag lief die 25. Folge des Krimis aus Westfalen.

Stefan Brünjes
Freie Bahn für freie Radler. Vor der historischen Kulisse des Prinzipalmarkts lustwandeln Münsteraner auch abends gern. Tagsüber wird es jedoch schon mal eng.
Freie Bahn für freie Radler. Vor der historischen Kulisse des Prinzipalmarkts lustwandeln Münsteraner auch abends gern. Tagsüber...Foto: Brünjes

Wie aus der Dienstpistole geschossen kommt Axel Prahl die hiesige, schon sprichwörtliche Wetterregel über die Lippen: „Entweder es regnet in Münster, oder die Glocken läuten. Fällt beides zusammen, ist Sonntag.“ Der Mann hat so seine Erfahrungen: Kaum war er beim Fundort einer Frauenleiche am innerstädtischen Ufer des Flüsschens Aa eingetroffen, musste der knurrige Kommissar im Jahre 2009 den Dreh zum Tatort „Hinkebein“ abbrechen.

Und immer neue Wolkenbrüche zwangen ihn dazu, einen halben Tag lang bis zur nächsten Klappe zu warten. Heute, beim Lokaltermin an vielen Schauplätzen des seit mehr als zehn Jahren auf dem Bildschirm präsenten und mittlerweile wohl populärsten ARD- Sonntagskrimis, hat Prahl mehr Glück. „Los, erst mal auf den Prinzipalmarkt“, sagt er. Dann schlendert er deutlich bedächtiger als der von ihm gespielte stets etwas kurzbeinig-hektische Thiel und steckt sich erst mal eine an.

„Münster hat ein bisschen was von Lübeck“, nuschelt der gebürtige Eutiner aus einer Rauchwolke hervor, deutet dabei auf die Treppengiebel der beigefarbenen Kaufmannshäuser. „Fühl’ mich sehr wohl in der Stadt seit dem ersten ,Tatort‘ 2002, aber leben könnt’ ich hier nicht – zu wenig Wasser“, sagt Prahl knapp und entschieden. Der Aa-See ist ihm „zu lütt“, Restaurants und Bars am wiederbelebten Binnenhafen beeindrucken den Ostholsteiner Küstenjung auch nicht so recht. Die Münsteraner dafür um so mehr: Prahl zeigt ein selbstgedrehtes Handyvideo: „Guck, Tausende bei unserem Dreh, trotzdem kannst du ’ne Stecknadel fallen hören, so still sind die Menschen aufm Prinzipalmarkt!“

Jackenkragen hoch, Hut tief in die Stirn – die Tarnung hält keine fünf Minuten

Münsters Kopfsteinpflasterboulevard ist ein wahrhaft historisches Pflaster. Im Rathaus wurde 1648 der erste Schritt zu den Friedensverträgen getan, die den Dreißigjährigen Krieg in Deutschland und zugleich den Unabhängigkeitskrieg der nahen Niederlande beendeten. Übrigens: 2006 erreichte der Prinzipalmarkt in der ZDF-Sendung „Lieblingsorte der Deutschen“ den vierten Platz.

Axel Prahl alias Kommissar Thiel
Axel Prahl alias Kommissar ThielFoto: Brünjes

Heute ist der beidseitig durch gereihte Giebelhäuser – kein Giebel gleicht dem nächsten – geprägte Ortsmittelpunkt vor allem Schaufenster der alteingesessenen Kaufleute. Osthues, Zumnorde, Oeding-Erdel prangt goldfarben an den Fassaden der Arkaden: die ideale Lokalkoloritvorbeifahrkulisse im ARD-Krimi, wenn Assistentin Nadeshda dem Kommissar im Auto den aktuellen Fahndungsstand verklickert.

Heute gibt Axel Prahl hier nicht seinen Thiel, sondern eher einen Bonsai-Bogart: Jackenkragen hoch, Hut tief in die Stirn gezogen. Noch ein wenig zerknautscht morgens um neun, möchte der untersetzte Mann mit Günther-Netzer-Scheitel und Kugelbäuchlein nicht gleich erkannt werden. Seine Tarnung hält keine fünf Minuten. „Moinsen, Herr Thiel“, ruft ein Mann ihm zu. Aha, der vom St.-Pauli-Fan Thiel im Münster-„Tatort“ eingeführte, norddeutsche Gruß – mitten im Herzen Westfalens, wo die Menschen üblicherweise „Tach“ sagen oder „Wohlsein“.

Ein paar Meter weiter, an der Lamberti-Kirche, strahlen Prahls himmelblaue Augen nach oben, zu drei Käfigen am Turm: „Da drin möcht’ ich mal aufwachen nach durchzechter Nacht – natürlich nur im ,Tatort‘“, schiebt er mit schelmischem Grinsen hinterher. Das gefriert ihm jedoch in den Mundwinkeln, als er vom Zweck der Käfige hört: Fürstbischof Franz ließ darin die Leichname von drei radikalen Predigern verwesen. Sie hatten Vielweiberei und Straßentaufe per Wassereimer propagiert, im zweijährigen „Täuferreich Münster“. Ein Mittelalter- „Tatort“, Jahrgang 1536.

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