Oberpfalz : Picknick in Weiß

Winterwandern: auf dem Goldsteig in der Oberpfalz.

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Heißes in die Tasse. Anne Held weiß, was Winterwanderer wünschen.
Heißes in die Tasse. Anne Held weiß, was Winterwanderer wünschen.Foto: Hippe

Der Pulverschnee knirscht unter den Stiefeln, die Tannen tragen weiße Hüte. Stundenlang kann man im Winter durch den Oberpfälzer Wald stapfen, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Der „Goldsteig“ führt 660 Kilometer weit durch die Oberpfalz und den Bayerischen Wald, gilt als einer der bestmarkierten Wanderwege Deutschlands. Ein Schild mit goldener Schlangenlinie weist den Weg. Aber im Winter muss man achtsam sein. Der Pfad liegt unter einer Schneedecke versteckt, und die Spuren von Hase, Reh und Fuchs verführen zur Kursänderung.

Die Tour führt von Kulz zur Wallfahrtskirche Schönbuchen. Dort wartet Anne Held in Daunenjacke und Pudelmütze mit einem Winterpicknick auf Wanderer. Sie hat einen Granitstein vom Schnee befreit, eine rot karierte Tischdecke darüber geworfen und ihn gedeckt mit frischen Krapfen, gebrannten Mandeln, Brez’n und Kaminwurzen, jede einzelne mit Schleifchen liebevoll dekoriert. Im Topf auf dem Gaskocher brodelt eine scharfe Gulaschsuppe mit Ananas. Genau das Richtige für die Pause im Schnee.

„So ein Picknick in der Landschaft ist immer wieder eine große Überraschung für die Wanderer“, erzählt Anne Held und schenkt dampfenden Glühwein ein. Sie hat den Picknickservice gemeinsam mit einigen Bäuerinnen gegründet. Seit dem vergangenen Jahr bietet sie ihn auch im Winter an.

"Am Zoigl gehen"

Ab Windischeschenbach folgt der Winterwanderer zur Abwechslung einem sechseckigen Stern. Der baumelt jetzt vor unserer Nase an der Toreinfahrt zu einem blassblauen Haus. Das historische Wirtshaus „Da Roude“ kann auf eine lange Brautradition seit 1415 zurückblicken. Heute ist da Roude, der mit bürgerlichem Namen Anton Heinl heißt, Vorsitzender der Kommunbrauer-Gemeinschaft „Brauende Bürger von Windischeschenbach“. Der schmächtige Mann mit grauem Schnauzer braut einmal im Monat sein eigenes Bier und schenkt es bei sich zu Hause im Wohnzimmer aus.

Wie in einer Straußenwirtschaft zur Traubenernte junger Wein serviert wird, so süffelt man hier das junge Bier – zum günstigen Preis von 1,70 Euro pro halben Liter. „Am Zoigl gehen“, sagen die Einheimischen zu dieser Art von Biergenuss, die in der Oberpfalz 600 Jahre Tradition hat. Es ist so, als verbringe man ein paar Stunden als Teil einer großen Dorffamilie. Ob Anwalt oder Maurer, alle sitzen gemeinsam an einem großen Holztisch und sind noch vor dem ersten Anstoßen per du.

Einst gab es 80 Zoiglberechtigungen in Windischeschenbach. Davon existieren heute noch 38. Doch nur 10 Wirte üben das Recht noch aus und brauen abwechselnd im örtlichen Kommunbrauhaus. Danach hängen sie den sechseckigen Stern – das alte Zunftzeichen der Brauer – vor die Tür, das signalisiert: Es gibt frisches Bier.

Krippenschnitzen ist eine uralte Volkskunst

Am nächsten Tag weist erneut ein Stern den Weg, diesmal ein gelber mit Schweif. Er ist auf eine Holztafel mit dem Schriftzug „Krippen schau’n“ gemalt und befindet sich neben der Zwiebelturm-Kirche in Plößberg – vor dem Haus von Ruth Gerl. Auch sie öffnet im Winter die Tür für Fremde – und führt sie in den Keller. Dort riecht es nach Wald und Erde. Wohl jeder Besucher ist erstaunt über die Miniaturkrippe, die von einer Wand bis zur anderen reicht: Eine Landschaft, gebaut aus getrockneten Ästen, Moos und Zunderschwämmen, bevölkert von hunderten Holzfiguren mit daumennagelgroßen, filigranen Gesichtern.

Die meisten davon hat Ruth Gerl geschnitzt. Sie hat die Handarbeit von ihrem Vater – einem Bildhauer – gelernt. „Ich fand es damals schade, dass er sie verkaufte, deshalb habe ich von jeder Figur eine Kopie gemacht“, sagt die 47-Jährige, die in der Medizintechnik arbeitet. Zu den Beliebtesten gehören der „Goaßlreiter“ (ein Junge, der auf eine Ziege klettert) und der „Brückengeher“, ein Mann, der auf einem Baumstamm über eine Schlucht rutscht.

Das Krippenschnitzen ist in Plößberg eine uralte Volkskunst die heute noch lebendig ist. Dabei sind die Kunstwerke zu raumgreifenden Installationen gewachsen auch mit Szenen aus dem früheren Alltag in der Oberpfalz: Glasbläser mit ihren Glasmacherpfeifen, ein Zoiglwirt am Maischebottich, ein Krippenschnitzer bei der Arbeit vor seiner Haustür. Fehlt nur noch ein Wanderer beim Winterpicknick.

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