Ostseeeiland : Reif auf der Insel

Seit neun Jahren lebt ein Ehepaar auf dem Ruden bei Rügen – ganz allein.

Nicola Meier
Peilung nehmen. Den alten Messturm des Ruden besteigen Besuchern gern, um das Inselchen aus der Vogelperspektive zu sehen.
Peilung nehmen. Den alten Messturm des Ruden besteigen Besuchern gern, um das Inselchen aus der Vogelperspektive zu sehen.Foto: Stefan Sauer/picture alliance

Der Motor des Bootes tuckert gleichmäßig, am Steuer steht Detlef Kammradt und schippert mit 7,2 Knoten auf einen Fleck am Horizont zu, der mit jeder Minute größer wird. Links ist die Insel Rügen zu sehen, rechts Usedom. „Dort hat Polanski seinen Film ,Ghostwriter‘ gedreht“, sagt Kammradt. „Da war vielleicht was los.“ Hollywoodflair auf Usedom. Kammradt fährt heute zu einer anderen Insel: dem Ruden.

Conrad Marlow, 60, steht am Ufer und wartet. Für Hollywood reicht seine Geschichte nicht. Aber in der Region ist er längst berühmt. Manch einer nennt ihn den „Inselkönig“ vom Ruden. Gut 400 mal 800 Meter groß ist sein Reich, in dessen Hafen Kammradt nun einfährt. Neben dem Inselkönig steht Ursula Toth. „Willkommen auf dem Ruden“, ruft sie den Besuchern zu, die vom Boot ans Ufer klettern. „Mein Mann und ich, wir sind die Bewohner der Insel.“

Das Paar lebt seit neun Jahren auf der Insel, und zwar ganz allein. Keine Nachbarn, kein Supermarkt, kein Kiosk. Nur Natur. Schon seit 1925 steht die Insel unter Schutz, seit drei Jahren ist sie im Eigentum der Deutschen Bundesstiftung Umwelt zur Sicherung des Nationalen Naturerbes mbH (DBU). Früher war der Ruden eine Lotseninsel, vom 17. Jahrhundert an wohnten Schiffslotsen mit ihren Familien auf dem Ruden, erst 1972 wurde die Lotsenstation geschlossen.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde im Süden der Insel ein Messturm gebaut, der dazu diente, in Peenemünde abgeschossene Raketen zu beobachten. 1961 wurden 20 Soldaten der Grenzbrigade Küste auf der Insel stationiert, um DDR-Fluchten über die Ostsee zu verhindern. Im ehemaligen Flugbeobachtungsturm ist heute ein kleines Museum mit einer Ausstellung zur Geschichte des Rudens. Jetzt im Winter ist der Turm zwar zu besteigen, doch die Ausstellung bleibt bis Ostern ausgelagert.

Nach der Wende wurde der Ruden beliebter Anlaufpunkt für Segler. Sie mochten den kleinen Hafen der Insel, der anders als die großen Marinas in der Umgebung wenig überlaufen war. Der Badestrand ist mittlerweile aus Gründen des Naturschutzes geschlossen.

Marlow und Toth schätzen an der Insel vor allem eins: die Ruhe. Sie wohnen in einem alten Lotsenhaus. Roter Backstein, grüne Holztüren, umstellt von Pappeln und Ulmen. „Wir sind schon sehr zufriedene Menschen“, sagt Marlow bei einer Tasse Kaffee, „oder, Ulla?“ Die lacht. Dass die beiden einmal auf dem Ruden landen würden, war mehr oder weniger Zufall. Früher lebten sie bei Rostock, Marlow hatte dort eine Gaststätte und war außerdem Leiter einer Jugendbildungseinrichtung. Bis zu 16 Stunden Arbeit am Tag und immer die Sorge, dass das Geld doch nicht reichen würde. Stress pur. 2002 zog sein Körper quasi die Notbremse. Intensivstation mit Anfang 50. „Da dachte ich mir: Das kann es doch noch nicht gewesen sein.“

Marlow hörte sich um. Auf der Insel Ruden gab es Arbeit als Naturschutzwart und Hafenmeister. Und so entschieden Marlow und Toth, auf eine einsame Insel zu ziehen. Wobei die im Frühling und im Sommer gar nicht so einsam ist. Täglich bringen Fahrgastschiffe und Fischkutter Besuchergruppen, die von Usedom, Rügen oder vom Festland aus einen Abstecher auf den Ruden machen, steuern Segler den Hafen der Insel an. Bei gutem Wetter kommen Freunde von Marlow und Toth mit ihren Booten vorbei, bringen frischen Kuchen oder Grillfleisch mit.

„Die meisten werden im Winter dicker“, sagt Toth und lacht. „Bei uns ist es umgekehrt. Wir nehmen im Sommer zu. Weil alle vorbeikommen und was mitbringen. Und das essen wir dann auf, schließlich haben wir keine Kühlung.“ Das Problem haben sie jetzt nicht. „Wir fahren jetzt noch einmal mit unserem Boot zum Einkaufen, das war’s dann für dieses Jahr“, sagt Ursula Toth, 63.

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